Wir müssten hier raus

Copy and waste Der Kapitalismus als ideale Invasionsstrategie zur Beförderung marktwirtschaftlich brennender Herzen und zur nachhaltigen Verdummung des Konsumenten I
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''Wenn die Massenkommunikationsmittel die Kunst, Politik, Religion und Philosophie, zudem die einstmals ''hohe'' Kultur harmonisch und fast unmerklich mit kommerziellen Mitteilungen vermischen, so bringen sie diese Kulturformen auf ihren gemeinsamen Nenner: die Warenform.
Diese Liquidation der ''hohen'' Kultur findet nicht so statt, dass die Kultur''werte'' gaenzlich geleugnet und verworfen werden, sondern so, dass sie der etablierten Ordnung unterschiedslos EINVERLEIBT und in massivem Ausmaß REPRODUZIERT (Hervorhebungen von mir) werden.

Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch (1967)

Einmal mehr sei hervorgehoben, wie sehr der ''moderne Kapitalismus'' sich Formen der invasiven Strategie bedient, sich alles, was gegen ihn ansteht, einzuverleiben und zu verschlingen. Es ist nicht mehr so wie vor 1989, in der man in der Bundesrepublik West oft politischen Noerglern am System nahelegte:
''Wenn du hier unzufrieden bist, dann geh doch nach drueben.'' Die DDR, wer haette da wirklich hingewollt, als es die Nostalgie nach ihr noch gar nicht gab, nach dieser Sowjet-Exklave auf, nun ja, deutschem Boden. Wer haette damals schon bei aller vorhandenen Skepsis und sogar Hass auf die alte BRD hinter Mauern leben wollen in einer grauen zusammengeflickten auseinanderfallenden und broeckelnden Ost-Welt, auf zunehmend gefuehltem Nordkorea-Lebensstandard?

Aber immerhin: es gab dieses totale Andere als dialektischen Gegenentwurf noch. Es gab den Kontrapunkt zur einzigen verlogenen Wahrheit westlichen Kapitalismus', es gab einen Gegenentwurf, zu dem sich der Westen, ob er wollte oder nicht, verhalten musste. Es gab eine Ideologie, die systemisch dagegen stand und die sich nicht einfach so wegkaufen ließ. Aber der Kapitalismus hat es schlussendlich geschafft, mit seinem Glanz zu locken, das andere System totzurüsten und dann, ganz am Ende, es sich einzuverleiben und aufzufressen, den erlebnishungrigen und bisher konsumbehinderten Ost- und Sowjetbuergern Futter vorzuwerfen, die von den kommunistischen Systemen sublimierte Gier in ihnen zu entzuenden und sie der totalen Konsumgesellschaft gleichzuschalten.

Dazu hat man aus der Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz gemacht und aus dem nachkriegsversifften Dresden wieder ein fassadenreiches Elb-Florenz. Die Frauenkirche hat man wieder aufgebaut und ganz Berlin in eine glaenzende Metropole des Kapitalismus verwandelt, die den laessigen Hype setzt, aber im kapitalistischen Geist atmet und der bald endgueltig die ''Londonisierung'' droht. In den einst verfallenden Prolet-Mietkasernen des Prenzlauer Berges wohnt jetzt das buergerliche Neo-Biedermeiertum der wirtschaftwunderhaften Republik. Das mag alles ganz schoen ausschauen, aber es hat etwas Widerliches an sich. Berlin ist das glaenzende Aushaengeschild fuer die Fassadenrepublik Deutschland.

1990, im großartig glaenzenden frohsinnig anmutenden Jahr der Einheit, erschien das so prophetisch anmutende ''Luxus''-Album von Herbert Groenemeyer. Bei aller Knoedelei des selbigen, war der Titeltrack doch eine wahrhaft einmalige Diagnose der Lage anno 1990 und der Jahre, die kommen sollte, bis in die Gegenwart:

''Zweifel ertraenkt man bei uns in Champagner
und im Kopf nur Kokain, die Traeume werden leider immer kleiner,
nur wer ueberlebt, ist auch auserwaehlt...(...)
umgeben uns mit Kaschmir und mit Seide,
alle Wuensche sind erfuellt, Jahre verkauft,
mit Hofnung und Hirngespinsten,
Luxus ist das, was uns zusammenhaelt...
gehetzt wird hier jeder, der dem Rausch im Wege steht...''

Nur, dass man dem im Wege des Rausches Stehenden jetzt nicht mehr einfach wegjagen oder wegwuenschen konnte nach drueben, denn das ''Drueben'' gab es nicht mehr, nicht bis an weite Ende der aeußersten sibirischen Taiga an der östlichen Pazifikkueste. Vor dem gierigen Maul des westlichen Kapitalismus erstreckte sich nunmehr ein gewaltiges konsumfreies Vakuum, es aufzufuellen und einzuverleiben und zu fressen und zu fressen und zu wachsen und fett zu werden daran.

Erst in diesen Tagen faengt der Kapitalismus mehr als je zuvor an, die (N)ostalgie zu bedienen und nicht nur deshalb kann man in natuerlich chicen und teuren Berliner-Ökolaeden nunmehr wieder Tempo-Bohnen und Echte Spreewaldgurken (bekannt aus ''Goodbye Lenin'') kaufen und die groeßte Marketing-Attacke waere es jetzt eigentlich, gleich einem gigantischen Disney-Land die DDR in einem mindestens 1:3 Maßstab inklusive Mauer wieder aufzubauen und fuer das Betreten dieses Parks oder gar das original-authentic-feeling-hafte spielerische Bewohnen dieser nachgebauten Welt ein Hammer-Eintrittsgeld zu nehmen. Es wuerden irre viele Menschen in diese Copy-DDR einziehen und gut dafuer bezahlen.
Einem System, das es schafft, einen seiner groeßten verwegenen politischen Antipoden (Che Guevara) in revolutionaerem Chic auf Millionen T-Shirts, Jutetaschen voller Konsumware und sonstigen merchandising products zu bekommen, waere auch das Nachbauen einer Plastik-Fassaden-DDR ein leichtes.

Einkaufen, auffressen, zu Muell machen, nachmachen, den Gegensatz einverleiben, den Gegensatz kopieren, den Gegensatz vervielfaeltigen und damit das kostbare Seltene vervielfaeltigen und billig machen und das einstmals kostbare Seltene derart zu Muell machen, den man dann in einigen Jahren nochmals recyclen kann und auf Neuglanz bringen und wieder fressen und zu Muell machen, das ist der Kapitalismus. Seit er es geschafft hat, das einstmals dialektisch Andere einzukaufen, zu verramschen und allgemein zugaenglich zu machen, die Formensprache des ''Anderen'' zu seiner eigenen zu machen und zu verkaufen, uns fuer dumm zu verkaufen, weil wir dumm am besten kaufen, gibt es kein Land und keinen Ort, keinen Topos und vorlaeufig nicht mehr die Moeglichkeit einer Insel fuer die, denen es ''hier'' nicht gefaellt.

Die moderne Affluenzgesellschaft lebt im Ueberfluss fast ohne Widerstand und will uns glauben machen, dass Ueberfluss Widerstand ueberfluessig macht. Cholerischere Spielarten des Widerstrebens und der Unzufriedenheit werden eingekauft und innerhalb des Konsum-Diskurses aesthetisiert und derart wiederum konsumierbar gemacht. So traegt der Wutbuerger dann auf der naechsten Demo, auf der das Becks-Bier-Banner weht, das Che Guevara-T-Shirt zur laessigen HM-Jeans und dem immerhin selbstgestrickten Jutebeutel und Guy Fawkes-Anonymous-Maske (Lizenzträger an selbiger: die Warner-Brothers-Company). Das System laesst uns nicht mehr raus und mancher pubertierende Rebell lernt, das die folgenden Zeilen nicht ganz aus der Luft gegriffen sind:

''Excess ain't rebellion, you're drinking what they're selling,
your ''self-destruction'' doesn't hurt them,
you can't even convert them...''

Cake, How do you afford your Rock n' Roll-lifestyle?

Das ganz Andere wird ein neuer Ort sein, der kein Ort ist, sondern der Aufbau und das Arbeiten an einer neuen Utopie, einer Idee, die das ganz Andere erst wieder bilden muss, die brechen muss mit dem einfachen Weg, die sich nicht mehr einkaufen laesst und unzaehlige Bequemlichkeiten opfert.
Ein Gegen-Entwurf, der sich nicht wegkaufen und verramschen laesst, der es nicht ''gut meint'', aber doch gerade dadurch dem Menschen dienen wird und nicht der Mensch ihm (dem Entwurf). Wie ich anderen Ortes schrieb, geht der Bruch der Neuheit der Dinge voraus. Jeder Bruch schmerzt, aber es ist besser, eine Weile diesen Schmerz zu fuehlen, anstatt in einer sich taeglich mehr und mehr kopierenden Welt sich von Wattebäuschchen pinseln und sich vom sueßlich Bequemen korrumpieren zu lassen. DAS wird die wahre Arbeit, die es zu leisten gilt, eine fuer die wir nicht bezahlt werden, die sich aber dennoch soviel mehr lohnen wird als unsere ganze krumme Buckelei fuer die fettmachenden Verheißungen eines Systems, das uns elend macht und an uns frisst: die Arbeit daran, uns neu zu entwerfen.

Noch einmal: der invasive Charakter der totalen Omnophagie der kapitalistischen Konsumwelt wird sich sehr bald schon gegen uns selbst richten, die malmenden Zaehne der Maschinerie dieses Molochs an uns reißen. Wir haben noch nicht EXPLIZIT erkannt, dass hinter all dem hysterisierten Gezeter um die Narrheiten des fundamentalen Christentums und eines propagandistisch aufgeblaehten Islams DIE wahre fundamentalistische Religion unserer Epoche der invasive Kapitalismus geworden ist, dessen Gott und Goetze das Geld ist...ein Gott, der sich so effektiv manifestiert an dem, was wir Erfolg zu nennen gelernt haben. Hast du was, dann bist du was, hast du mehr, bist du wer...
dieser Gott greift durch, da er andere und das Andere einfach einkauft und so außer Gefecht setzt. Dieser Gott prostituiert jegliches ''Dagegen-Sein'' und re-inszeniert es spaeter als reine unterhaltsame und wiederum konsumierbare Farce neu. Wer sich sich in diesem Geiste uebrigens noch heute abend uebergeben moechte, schaue sich nur einmal ''Che Guevara-The motorcycle diaries'' an.

von alledem nun aber naechstens viel mehr...

11:31 13.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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