Böhmis Ego Faschismus.

Re: "Schmähkritik" Jan Böhmermann zeigt, dass er jedes Mittel einsetzen wird, um sein Endziel zu erreichen. Auch die Verachtung anderer Kulturen und Menschen. Eine deutsche Tradition?
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Da haben bestimmt die Ja-Sager im ZDF eifrig genickt, als Jan Böhmermann den Vorschlag machte, die rechten Kräfte dieser Welt (AfD oder den türkischen Ministerpräsidenten) mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Total reflektiert und um die Ecke. Scheinbar. Wir stellen uns vor, Jan Böhmermann kommt auf einem weißen Einhorn ins ZDF galoppiert, um seine Rettung für Deutschland vorzuschlagen. PEGIDA, AfD, Erdoğan – die kriegen ganz schön viel Aufmerksamkeit, könnten wir vom ZDF auch mal gebrauchen. Klauen wir sie ihnen doch einfach. Holen wir doch die dumpfen Dummköpfe am rechten Rand ab, indem wir ihre Rhetorik und damit ihr Publikum stehlen, anstatt immer wie die letzten Pädagogen dagegenzuhalten.

Stimmungsgeiselnahme

Die ZDF Ja-Sager um Jan Böhmermann denken sich, könnte man sich vorstellen: Die Rechten benutzen keine Argumente mehr, auch wenn sich Frauke Petry und Lutz Bachmann und Recep Tayyip Erdoğan bemühen ihre Äußerungen so aussehen zu lassen, daher lassen wir vom ZDF die Gegenargumente eben auch sein.

Begründungen, Statistiken, Rationalität wirken ohnehin nicht und was wir brauchen, das ist Wirkung. Wir nehmen ihre rechte Stimmung, ihre rechte Bildsprache sowie ihre Selbstherrlichkeit einfach als Geiseln im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, überziehen sie mit etwas liebenswürdiger deutscher Selbstironie – und Simsalabim: Be Deutsch!

Weil wir so genial sind und dem Staat – oder zumindest dem Rundfunk – dienen wollen, nennen wir unsere fette Strategie: Propagantainment.

Das jüngste Produkt dieser sauwitzigen Strategie ist nun das Gedicht »Schmähkritik«, das sogar vom Magazin Cicero, das ohne Hehl nach einem Publikum am rechten Rand fischt, aber auch von Hakan Tanriverdi als rassistisch bezeichnet worden ist. Ich will hier nicht auf den Kinderkram von gesperrt und freigeschaltet eingehen. Noch ist es möglich hierfür im Nachgang eine Entschuldigung zu akzeptieren, weil diese die bewusste strategische Verortung der Aktivitäten der Sendung in öffentlichen Debatten – schon um Griechenland – verschleiert bzw. ignoriert.

Ich verzichte an dieser Stelle auch die nachvollziehbaren, rationalen Argumente und Meinungen der Kritiker dieses Poems zu wiederholen und beschränke mich darauf, diese nur nochmal ausdrücklich zu bestärken. Der Knackpunkt: Jan Böhmermann ist offenbar bereit jedes Mittel einzusetzen, um sein Endziel zu erreichen.

Böhmermann, Du bist so deutsch

Für mich wirft diese Entwicklung, wofür das Neo Magazin Royale nur stellvertretend steht, ein Licht auf das, was Deutschland nicht nur am rechten Rand, sondern bis in seine populäre Kultur so abstoßend machen kann für Menschen, die an offene, plurale Gesellschaften glauben.

Nämlich der Umstand, dass man in Deutschland über zynische Altklugheit lacht, die man für die hohe Ausgeburt des eigenen teutonischen Genius hält; dass man in Deutschland Altklugheit als Überlegenheit zelebriert. Jan Böhmermanns Humor ist auf der Logik aufgebaut, dass er als aufgeklärter Hirni weiß, wie es geht. Böhmermann und die Ja-Sager vom ZDF Neo Magazin Royale, von denen niemand wohl wirklich an Demokratie, sondern nur an Quote – der eigenen Quote – interessiert ist, sind symptomatisch für das, wofür die Welt viele Deutsche als Witzfiguren sieht: selbstgerechtes, selbstbezogenes Untertanentum. Tatsächlich wirkt hier ein unüberbietbarer Ego-Faschismus, sind hier altkluge Kinder am Werk, die auf ihren Blechtrommeln lärmen und dabei nur sich, nur ihre Kultur im Blick haben. Gnadenlos.

Deutschen geht es um sich selbst, nicht um Meinungsfreiheit

Kürzlich verließ ein deutscher Auslandskorrespondent die Türkei, da die türkische Regierung seine Akkreditierung verschleppt hatte und sein Visum abgelaufen war. Auf dem Weg zum Flughafen wird der deutsche Journalist von einem deutschen Diplomaten begleitet. Ist das nun staatstreu? Kam hier nicht ein Journalist dem Wunsch seiner Regierung nach, kein internationales Aufsehen zu erregen?

Warum hat sich dieser Auslandskorrespondent nicht in der Türkei verhaften lassen? Dies hätte einen wirklichen internationalen Skandal provoziert, über den sich das Streiten gelohnt hätte. Dazu fehlte es diesem Auslandskorrespondent offenbar aber an Mut bzw. Überzeugung, um für einen Wert, den er für universal hält, auch überall einzutreten. Auch dort, wo man mit ernsten Konsequenzen rechnen muss.

Ist es nicht etwas scheinheilig im gesicherten Schonraum Deutschlands über die Pressefreiheit zu diskutieren? Bei dieser Debatte geht es nicht um die Grenzen der Satire, noch ist es zulässig dieses Thema spaßig zu einem diskurstheoretischen Problem zu banalisieren.

Während man – im sicheren Deutschland – darüber streitet wie laut man lachen darf, bis man lieber schweigt, ist es tatsächlich so, dass kein deutscher Journalist und kein deutscher Satiriker den Mut hätte, für seine Meinungsfreiheit auch in den Knast zu gehen – stattdessen verlässt man brav die Türkei, wenn das Visum abläuft. Hierin liegt die Selbstzensur: mit hölzernen Degen fechten, können die Knaben. Für Meinungsfreiheit kämpfen sieht anders aus.

Jack-in-the-Box, not Out-of-the-Box

Jan Böhmermann ist ohne es offenbar zu merken noch konformistischer, setzt die Wünsche seiner Regierung noch unterwürfiger um als es Recep Tayyip Erdoğan in seinen autokratischsten Augenblicken jemals von den türkischen Journalisten einfordern könnte. Er stößt eine Debatte an, ohne sie zu gestalten. Er greift in eine Debatte ein, ohne sie ernst zu nehmen. Humor ist freilich eine effektive und legitime Strategie, doch ich bezweifele, dass er selbst tatsächlich im Stande wäre, eine politische Debatte zu gestalten – und noch weniger darüber Scherze zu machen, die genau den wunden Punkt des Themas treffen.

Es ist unübersehbar, dass der Moderator durch englische Beiträge versucht internationale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nur dies: John Oliver, Jon Stewart und Stephen Colbert konnten durch Humor dem Unbehagen einer ganzen Generation Ausdruck geben, weil sie durch Parodie und Witz hindurch an Fakten, Argumente und ernsthafte Debattenkultur glaubten. Sie hatten erst eine Überzeugung und besitzen zusätzlich die Intelligenz, mit Witz daraus eine potente politische Botschaft zu formulieren. Deshalb konnten sie die politische Kultur Amerikas nachhaltig verschieben. Böhmermann ist nicht so. Er ist lediglich ein altkluger Streichespieler, der Max und Moritz in nichts nachsteht.

Was ihn gefährlich macht, ist, die Tatsache, dass er im unglücklichen Versuch gegen autokratische, rechte Tendenzen vorzugehen, die Ressourcen des ZDFs für niemanden anders einsetzt als für sich selbst. Um gegen die Pervertierung der offenen, pluralen Gesellschaftsordnung durch rechte Parteien vorzugehen, hat er sich selbst pervertiert. Jan Böhmermann steht jetzt mit PEGIDA und der AfD auf einem dunklen Platz und kreischt besinnungslos mit. Um Kritik an autokratischen Tendenzen in anderen Ländern zu üben, macht er den Humor menschenverachtend, kritiklos und autokratisch. Ich hoffe, er klopft sich dafür kräftig auf die Schenkel.

12:57 05.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul-Henri Campbell

Paul ist 1982 in Boston (USA) geboren und interessiert sich für Literatur. Studium Kath. Theologie und Gräzistik.
Paul-Henri Campbell

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