Re: Re: „Schmähgedicht“.

Jan Böhmermanns Rache Meist wird der Knackpunkt des »Schmähgedichts« nicht einmal in Ansätzen kritisch diskutiert, doch glücklicherweise lassen auch schlechte Gedichte mehrere Lesarten zu.
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Eingebetteter Medieninhalt

Der türkische Ministerpräsident klagt an. Die jüngste Wendung in der höchst unterhaltsamen Böhmermann-Debatte erregt die Hybris der Deutschen.

Diese sehen ihrerseits nun ihre Chance, sich als Streiter für Meinungsfreiheit einen Krautsalat zu verdienen. Nur: Die deutschen Medien kämpfen mit hölzernen Schwertern und drehen sich um sich selbst – und mit ihnen die deutsche Öffentlichkeit.

Meist wird der Knackpunkt des »Schmähgedichts« nicht einmal in Ansätzen kritisch diskutiert, doch glücklicherweise lassen auch schlechte Gedichte mehrere Lesarten zu.

Deutscher Saubermann gegen Autokrat

Für die meisten Kommentatoren scheint die Zielrichtung Böhmermanns Aktion klar: Es handele sich um eine kritische Reizung der Grenzen von Satire, damit der freien Meinungsäußerung im Kontext eines ausländischen Regimes, in dem dieses Gut als gefährdet erachtet wird.

Der Chief-Streichespieler vom ZDF scheint als unbescholtener Yuppie prädestiniert, um seine lustigen Kollegen vom NDR Extra3 zu rächen. Auftritt, "Schmähgedicht".

Wo bleibt aber die Lesart des Schmähgedichts, wonach es überhaupt nicht um Türken oder ihren Ministerpräsidenten geht, sondern um den altklugen, selbstgerechten, auch rassistischen Abgrund der deutschen Populärkultur, wonach es um Salon-Rassismus der Deutschen geht, um ihre obsessive Rechthaberei in allen Dingen?

Andere Lesart: Böhmermann schmäht den deutschen Michel mit seinen kleinen Ressentiments und seinen aufgeblasenen Anmaßungen – alles besser zu wissen, besser zu können, sich stets des rechten Wegs bewusst zu sein.

Hierzulande fühlt man sich offenbar dem türkischen Staat (auch moralisch) überlegen. Es wird unterschwellig damit triumphiert, dass hierzulande – seit einiger Zeit – hohe moralische Güter gelten, die mehr oder weniger durch ein weltweit einzigartiges Grundgesetz (das auf einer Insel, einer Herreninsel, entstand) von Missbrauch durch eine übergriffige Regierung oder Bürger geschützt werden.

Das deutsche Lebensgefühl sagt: Hierzulande ist man frei, aufgeklärt, tolerant, meinungsbeflissen und gegenüber vielen ausländischen Zuständen theoretisch im Recht. Gegen den Mundgeruch dieser im Brustton der Überlegenheit vorgetragenen Überzeugung ist man in Deutschland offenbar unempfindlich. Lieber auf die Widersprüche anderer verweisen.

Dass in der augenzwinkernden Ironie des deutschen Witzes, viele Ausländer ein brodelndes Ressentiment lesen und spüren, dafür fehlt es bei den heimatliebelnden Deutschen an kosmopolitischer Empathie. Und darum geht es.

An Deutschland genesen

So führt man die Böhmermann-Debatte auf gut Deutsch, will heißen: Die anderen sind im Unrecht und hierzulande weiß man in scheinbar allwissender Umsichtigkeit, warum.

Wenn andere Länder nur so wie Deutschland täten, würde die Welt genesen. Dass es anders sein könnte, dass in anderen Ländern, in anderen Kontexten, andere Kämpfe geführt werden müssen, auch mit Satire, auch mit Risiko; dass es scheinheilig ist aus sicherem Hafen die Seenötigen zu beurteilen; dass man sich anderswo dem hohen Wissen der deutschen Demokraten verweigert, dies geht wohl über das deutsche Vorstellungsvermögen hinaus. Auch das zeigt die Böhmermann-Debatte deutlich.

Warum es nicht um die Grenzen der Satire geht

In der Diskussion steht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Ihr wird vorgeworfen, aus diplomatischem Kalkül, opportunistisch gewissermaßen, voreilig ein Urteil zum Fall-Böhmermann vorweggenommen zu haben. Die Operette wird zur Staatsaffäre.

Nicht in der Diskussion steht, ob Jan Böhmermann sich seiner exponierten Position bewusst gewesen sei, ob er wohl als »lupenreiner Demokrat« aus radikalisiertem Selbstinteresse ausschließlich allein nur einzig an einem Scoop gedacht hätte?

Jan Böhmermann ist der Typus eines radikalisierten Abendländers, ein Ego-Faschist. Doch witziger Weise wird Böhmermann selbst in der gesamten Debatte kaum ernst genommen. Klar, er ist ja auch ein Scherzkeks, ein künstelnder Clown, ein teutonischer Lausbube, von dem man ohnehin nicht erwarten könnte oder wollte, dass er eine ihm allein dienenden Ökonomie der Aufmerksamkeit mit einer tatsächlich verletzenden Ökonomie der Wahrnehmung abwägen könnte oder wollte. Macht ja nur Unterhaltung. Bauklötzchen und Schenkelklopfen.

Wie wird Böhmermann diesen Coup zukünftig noch übertreffen wollen? Wird er demnächst Judenwitze – natürlich recht verstanden – wieder salonfähig machen?

Indessen macht er ein Geschenk nicht nur an linkslächelnde, aber rechtsorientierte Deutsche, sondern auch an extremistische Segmente in westlichen Gesellschaften; gut nur, dass nun die terroristische Rattenfänger kostenfrei Munition erhalten, um junge Menschen in westlichen Kulturen, die jeden Tag mit solchen Vorurteilen real konfrontiert sind, sich daher gedemütigt fühlen, einzulullen. Neben sound bites von Donald Trump können sie nun Böhmermanns „Schmähgedicht“ auf ihren iPads zeigen. Ohne Kontext. Ganz ironiefrei.

Am lautesten lacht Erdoğan

Man höre und lese die Stellungnahmen der deutschen Medienproduzenten. Kleinlaut räumen sie ein, Böhmermanns Gedicht sei ja schon etwas überzogen und ginge »sicherlich« unter die »Gürtellinie«, aber prinzipiell und in der Sache gehe es ja um das hohe Gut der Meinungsfreiheit.

Dumm nur, dass nun dieser furchtbare Autokrat vom Bosporus nun die Deutschen mit ihrem eigenen Recht eins auswischt – und zwar mit deutschen Rechtsparagraphen, die offenbar noch nicht ganz von Spuren der deutschen Vergangenheit frei zu sein scheinen.

Während eine westliche Kultur, wie sie in Deutschland ausgeprägt ist, sich tatsächlich durch einen Sinn für Selbstkritik, auch Bescheidenheit, Umsichtigkeit und Empathie, gegenüber autokratischen Regimen dieser Welt hätte profilieren können, verfallen die deutschen Medien in einen Diskurs der Konfrontation und legen einen außenpolitischen Chauvinismus an den Tag, der an die dunkelsten Bush-Jahre erinnert.

13:09 12.04.2016
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Geschrieben von

Paul-Henri Campbell

Paul ist 1982 in Boston (USA) geboren und interessiert sich für Literatur. Studium Kath. Theologie und Gräzistik.
Paul-Henri Campbell

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