Die Revolution beginnt beim Samen

Landwirtschaft Konzerne und Gesetze schränken den Zugang zu Saatgut ein. Das ist Teil eines größeren Problems, sagen Aktivisten. Heute beginnt die Wir-haben-es-satt-Konferenz in Berlin
Die Revolution beginnt beim Samen
Viele Bauern sind den großen Agrar-Konzernen ausgeliefert

IMAGO JOKER/ErichxHäfele

Wer grünen Spinat pflanzt und violette Blätter erntet, der kann das in Deutschland vor Gericht bringen. Ein Gesetz regelt genau, welches Saatgut erlaubt ist: Grüner Spinat zum Beispiel muss grün bleiben – alles andere ist illegal. Stig Tanzmann kämpft gegen diese Verordnung – sie ist für ihn Ausdruck einer falschen Agrarpolitik mit katastrophalen Folgen. Er arbeitet für die christliche Organisation Brot für die Welt als Agrarexperte, auf Veranstaltungen diskutiert er über Armut und Entwicklungszusammenarbeit. Spricht er über das deutsche Saatgutgesetz, redet er eigentlich über eine Agrarrevolution. Violette Blätter und Welthunger hängen für ihn zusammen.

Der Ort an dem entschieden wird, was die Deutschen pflanzen dürfen, befindet sich im Nordosten von Hannover. Dort sitzt das Bundessortenamt in einem gelben Verwaltungsgebäude. Seit den 50ern kontrollieren Beamte hier, was angebaut werden darf und was nicht. Jedes Saatgut, das auf den Markt kommt, überprüfen die Mitarbeiter und tragen es in eine Liste ein. Das Saatgutverkehrsgesetz legt fest, welche Pflanzensorten zugelassen werden und welche Eigenschaften sie besitzen müssen. Die Idee dahinter: Verbraucher sollen sich auf das gekaufte Saatgut verlassen können.

Wenige Sorten, hoher Preis

„Das Gesetz hat Sinn gemacht, aber jetzt stehen diese alten Regeln der Vielfalt im Weg“, sagt Tanzmann, im Internet schreibt er einen Blog über dieses Thema. Saatgutvielfalt, glaubt er, ist eines der zentrales Themen einer notwendigen Agrarwende. Wollen wir globale Probleme wie Hunger und Umweltverschmutzung lösen, so die Idee, dann müssen wir unsere Vorstellung von Landwirtschaft ändern – auch beim Thema Saatgut.

In Deutschland haben lange vor allem mittelständische Unternehmen Saatgut gezüchtet. Auf Versuchsfeldern wurden Sorten gemischt und Pflanzeneigenschaften gestärkt. Jetzt brechen diese Strukturen weg. Ein Grund dafür: Große Agrar-Konzerne überschwemmen die Märkte mit ihren Samen. Mittlerweile bestimmen sechs Unternehmen mehr als 80 Prozent des globalen Saatgutmarkts. Die Fusion von Monsanto und Bayer wird diese Situation noch einmal verschärfen. Eine mögliche Folge: Wenige Sorten, deren Preise von einer Handvoll Unternehmen bestimmt werden.

Auch in Deutschland spielen die strengen Verordnungen den großen Firmen wie Bayer oder BASF in die Hände. Bauern und kleinen Züchtern fällt es immer schwerer die strengen Regeln für Saatgut einzuhalten und im Wettbewerb zu bestehen.

Bauern unter Druck

Tanzmann sieht in dieser Entwicklung ein globales Problem. Er glaubt: Strenge Verordnungen und mächtige Konzerne zerstören weltweit kleinbäuerliche Strukturen. In einigen afrikanischen Ländern wird teilweise fast das gesamte Saatgut noch von Kleinbauern gewonnen. „Die stehen jetzt unter enormen Druck“, sagt Tanzmann. Die Folge: Lebensmittelproduktion wird mehr und mehr nur noch von industriellen Betrieben geleistet. Für Tanzmann eine fatale Entwicklung. Er meint: „Am Ende werden nur noch Mais und Getreide angebaut, weil man damit Gewinne machen kann. Aber die einzige Antwort auf den Klimawandel muss Artenvielfalt sein.“

Konzerne investieren da, wo es sich rechnet – Tanzmann jedoch glaubt, extreme Wetterbedingungen lassen sich nur mit lokalen Lösungen begegnen. Bauern in Nepal müssten so zum Beispiel Saatgut gewinnen, das sich in der Höhe anbauen lässt, in Deutschland braucht es Samenmischungen, um starke Wetterschwankungen auszugleichen. Anstatt also streng zu reglementieren, was angebaut werden darf, müssten flexible Gesetze Bauern erlauben, selber Saatgut zu gewinnen.

Stig Tanzmann ist mit seiner Meinung nicht alleine. 2009 veröffentlichte ein Zusammenschluss von NGOs, Wissenschaftlern, Regierungsvertretern und UN-Organisationen den „Weltagrarbericht“. Darin findet sich, was Aktivisten wie Tanzmann fordern. Ernährungssicherheit lässt sich nur durch kleinbäuerliche Strukturen fördern, stellt der Bericht fest. Landwirte wissen oft besser als große Konzerne, wie sich lokale Probleme lösen lassen, regionale Pflanzensorten können sich schneller auf klimatische Veränderungen einstellen als Samen aus dem Labor. Der Bericht erklärt auch: Das Problem der Welternährung ist nicht eine zu geringe Produktion, sondern die Verteilung von Lebensmitteln. Das Fazit: Eine industrialisierte Landwirtschaft ist keine Antwort auf die fast 800 Millionen Hungernden weltweit.

Trotzdem sind die Reaktionen der Industrienationen verhalten. Die USA und Kanada distanzierten sich von den Ergebnissen, auch die deutsche Regierung konnte dem Bericht nichts Neues abgewinnen. Dabei gibt es auch hier jährlich zehntausende, die für eine andere Agrarpolitik auf die Straße gehen.

Bei den Protesten gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA fuhren Trecker von Ökobauern in der ersten Reihe, im Januar zogen fast 20.000 Menschen trommelnd und tanzend vor das Reichstagsgebäude und forderten eine Agrarwende, mit dabei waren Organisationen wie Oxfam, attac oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Sie formieren sich unter dem Bündnis „Wir haben es satt!“ - ihre Forderungen: Unterstützung von Kleinbauern und ein weltweites Recht auf Nahrung.

„Wir glauben, dass sich das Bewusstsein ändert – aber das passiert noch immer viel zu langsam.“, sagt Iris Kiefer, Sprecherin der Kampagne „Meine Landwirtschaft“, die die Demonstrationen in Berlin organisiert. Saatgutvielfalt ist eines der großen Themen auf den „Wir haben es satt“-Veranstaltungen. Daneben geht es aber auch um Landgrabbing und Massentierhaltung – Besucher sind junge Aktivisten, besorgte Fleischer und internationale Unterstützer. Das Bündnis transportiert eine grundlegende Unzufriedenheit mit der Agrarpolitik westlicher Staaten, die Öko-Bauern und Globalisierungsgegner vereint. „Es geht uns nicht darum, große Betriebe zu verteufeln, aber wir glauben, dass die Industrialisierung der Landwirtschaft Probleme nicht löst, sondern sie erst schafft“, sagt Kiefer.

Auch „Brot für die Welt“ tritt als Unterstützer der Forderungen auf. Stig Tanzmann ist einer der Sprecher, die auf dem „Wir haben es satt!“-Kongress vom 30. September bis zum 02. Oktober in Berlin reden werden. Für ihn hängen Probleme deutscher Höfe mit denen südamerikanischer Bauern zusammen. „Saatgut wurde über Jahrtausende hinweg gezüchtet und jetzt beanspruchen einige große Konzerne Patente für sich“, sagt Tanzmann, „das ist ein Erbe der Kolonialzeit.“ Saatgut wurde schon immer durch den Anbau weiter entwickelt, die Konzentration von diesem Wissen, sagt Tanzmann, schränke den Zugang zu Nahrung immer weiter ein. Auch darüber wird er bei dem Kongress in einer Kreuzberger Kirche sprechen.

Spinat und die Systemfrage

Neben Vertretern der Bündnispartner kommen internationale Gäste aus Indien oder Burkina Faso. „Europas Agrarpolitik ist ein Problem für viele Länder des globalen Südens. Deshalb ist die Agrarwende ein internationales Thema“, sagt Kiefer, die diesen Kongress wieder mitorganisiert.

Ob Spinat auch violette Blätter treiben darf, ist am Ende also Teil der Systemfrage. Sie lautet: Wollen wir Landwirtschaft immer weiter industrialisieren? Eine konkrete Antwort darauf gibt es nicht, aber viele kleine Lösungsansätze. Um die zusammen zu bringen, engagieren sich Tanzmann und Kiefer bei der „Wir haben es satt!“-Bewegung. Am kommenden Wochenende werden die 400 für den Kongress erwarteten Besucher also über etwas ganz grundsätzliches diskutieren: eine Agrarrevolution.

Der "Wir haben es satt"-Kongress findet vom 30.09. bis zum 02.10. unter dem Motto »Landwirtschaft Macht Essen« in Berlin statt. In Zusammenarbeit mit dem Stadt-Land-Food Festival gibt es drei Tage lang Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen. Der Kongress wird von der Kampagne "Meine Landwirtschaft" veranstaltet.

Mehr Informationen unter: www.wir-haben-es-satt.de

06:00 30.09.2016
Geschrieben von

Paul Hildebrandt

Ich schreibe über Soziales, Politisches, über Migration und Kinderthemen. Dazwischen reise ich - in Deutschland und durch die Welt.
Paul Hildebrandt
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