Integration zum Spartarif

Schule Um Chancen zu haben, müssen Geflüchtete Deutsch lernen. Aber für den Unterricht gibt es kaum Geld
Paul Hildebrandt | Ausgabe 48/2016 5

Aauch wenn sie über 60 Jahre alt ist – glaubt man führenden DAX-Konzernen, entscheidet ihr Job mit über die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Eigentlich. Doch Susanne Peters ist frustriert, sie wartet noch immer auf ihr Gehalt, das ohnehin kaum reichen wird zum Leben. Sie sagt: „Ich habe einfach keine Lust mehr.“ Peters arbeitet als Deutschlehrerin für Geflüchtete. Ob Integration gelingt, hängt auch von ihr ab.

386.000 geflüchtete Menschen waren laut der Bundesagentur für Arbeit im Oktober auf Jobsuche. Lediglich etwas mehr als 100 Geflüchtete haben die 30 größten Konzerne hierzulande in diesem Jahr eingestellt. Eine der großen Hürden, das betonen Konzern-Chefs stets, ist die deutsche Sprache. Eigentlich sollten der Staat und die Wirtschaft ein Interesse an guten Deutschkursen haben, trotzdem schrecken die Arbeitsbedingungen noch immer viele Fachkräfte ab.

Susanne Peters heißt in Wirklichkeit anders. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, aus Angst vor Problemen mit ihrem Arbeitgeber. Seit vier Monaten arbeitet Peters für eine private Sprachschule im Westen Berlins. Sie unterrichtet einen Alphabetisierungskurs, in dem die Schüler lateinische Buchstaben lernen. Für ihren Unterricht bekommt sie brutto 35 Euro die Stunde, fällt er aus, gibt es kein Geld. Vor- und Nachbereitung werden ihr nicht bezahlt, Unterrichtsmaterialien muss sie sich selber kaufen. „Das ist aber überall so“, sagt sie. Seit Wochen wartet sie auf ihr Gehalt. „Bürokratische Probleme“, habe ihr Arbeitgeber erklärt.

Kaum Erfahrung

Früher hat Peters zum Nahen Osten geforscht. Als ihr Forschungsinstitut 2004 geschlossen wurde, suchte sie nach neuen Jobmöglichkeiten. Sie war damals 52 Jahre alt, Sprachunterricht, glaubte sie, würde ihr Spaß machen. Über mehrere Jahre bildete sie sich am Goethe-Institut fort: Sie lernte Methodik und Didaktik für Deutsch als Fremdsprache, setzte sich in Kurse zur Alphabetisierung und fing schließlich 2011 an, in einem Institut in Berlin-Mitte zu arbeiten. Deutschlehrer bekommen zu diesem Zeitpunkt ein Stundenhonorar von etwa 20 Euro, kein Urlaubsgeld. Es gibt kaum Festanstellungen, fast alle arbeiten auf Honorarbasis. Kommen zu wenig Teilnehmer zum Kurs, landen die Lehrer auf der Straße. Es ist ein guter Nebenjob für Studierende, wer aber davon leben möchte, muss erfinderisch werden. Peters blieb trotzdem dabei. Sie hatte keine anderen Perspektiven, außerdem, sagt sie, erfülle sie das Unterrichten.

Obwohl Politiker immer wieder die Bedeutung von Sprache für die Integration betonten, fand das System der Deutschkurse lange kaum Beachtung. Vor zehn Jahren führte der Bund Integrationskurse ein: Sie sind eine Mischung aus Sprach- und Kulturvermittlung. Hierfür wurde zum ersten Mal eine einheitliche Qualifizierung der Lehrer verlangt. Bis 2015 besuchten hauptsächlich EU-Ausländer die Deutschkurse. Viele Menschen aus Polen waren dabei, Italiener und Bulgaren. Die Bezahlung war schlecht, die Kurse überfüllt. Als dann jedoch 2015 die Zahl der Flüchtlinge rasant stieg, fehlte es an Lehrkräften – also senkte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Vorgaben für Integrations- und Alphabetisierungskurse wieder. Ein akademischer Abschluss ist nun ausreichend, um zu unterrichten, eine Zusatzqualifikation können die Lehrer nebenher machen. 13.000 neue Lehrkräfte fingen zu Beginn dieses Jahres an zu arbeiten, zugelassen sind heute 32.000. Viele von ihnen haben keine Unterrichtserfahrung. Der Kölner Matthias Jung leitet den „Fachverband Deutsch als Fremdsprache“. Er geht von einer Übergangslösung aus. „Langfristig“, sagt er, „ist es wichtig, die Qualität der Lehre zu halten.“ Auf Nachfrage erklärt das BAMF knapp: „Eine weitere Modifikation der Voraussetzungen ist nicht geplant.“

Im Frühling 2016 beschließt Peters, ihren Arbeitgeber zu wechseln. Der Bedarf an Lehrkräften ist hoch, Sprachschulen reißen sich um Lehrer. Als sie im Juli an der neuen Schule anfängt, erhöht das BAMF gerade das Mindesthonorar für Lehrende in Integrationskursen auf 35 Euro pro Stunde. In ihrer Klasse sitzen zwölf Schüler aus Syrien, Eritrea und dem Irak. Peters arbeitet 15 Stunden in der Woche. Wenn sie ihre Versicherungen bezahlt hat, bleiben ihr zusammen mit der Rente etwas mehr als 1.000 Euro im Monat zum Leben. Ihre Schulden, sagt sie, fressen sie auf. Peters hat zwei akademische Abschlüsse und spricht Arabisch. Im Unterricht arbeitet sie teilweise mit schwer traumatisierten Menschen zusammen, oft sitzt sie nach der Stunde mit Schülern zusammen, um zu helfen. Trotzdem, sagt sie, überlege sie es sich oft zweimal, ob sie einen Kaffee trinken gehen kann.

Die Gewerkschaften unterstützen die Forderungen der Lehrer. Ansgar Klinger von der GEW sagt: „Die Situation der Honorarlehrkräfte ist prekär, sie werden für ihre Arbeit nicht angemessen bezahlt.“ In einem Aufruf fordert die Gewerkschaft bessere Löhne und sichere Arbeitsbedingungen.

Am Tag der Lehrer steht Peters deshalb im Nieselregen vor dem Brandenburger Tor. Gemeinsam mit ungefähr 60 anderen Honorarlehrkräften verteilt sie Flyer und protestiert für bessere Arbeitsbedingungen. Viele haben eine ähnliche Geschichte wie Peters: Ein geisteswissenschaftliches Studium, Fortbildung, Quereinstieg. Es ist früher Nachmittag, wer hier demonstriert, verzichtet auf einen Tageslohn. Landesweit haben sich in den vergangenen Monaten Deutschlehrer organisiert. Ihre Forderungen: Ein Stundenhonorar von 60 Euro, kleinere Klassen und die Wiederherstellung der Qualitätsstandards für die Zulassung von Lehrkräften. „Wir wollen den Bereich Deutsch als Fremdsprache insgesamt aufwerten“, sagt die Sprecherin der Berliner Gruppe, Birgit Hauber. „Uns geht es dabei auch um die Situation der Lernenden.“ Der Stundensatz wird vom BAMF festgelegt, auf Nachfrage sagt das Ministerium: „Von einer Forderung nach einer Vergütung in Höhe von 60 Euro ist uns nichts bekannt.“ Die Lehrer fühlen sich übergangen.

Der Deutschunterricht für Geflüchtete wird vor allem von Älteren geleistet, junge Absolventen, die „Deutsch als Fremdsprache“ studiert haben, laufen bei dieser Demonstration kaum mit. Matthias Jung sagt: „Langsam etabliert sich das Fach. Früher hat es deutlich weniger Perspektiven gegeben.“ 50 Studiengänge gibt es deutschlandweit, entweder als Zusatzfach zur Germanistik oder als eigenständiger Studiengang. Lange gab es Jobs vor allem im Ausland, die große Zahl an Geflüchteten änderte die Situation. Viele Absolventen suchen trotzdem lieber nach Stellen an Deutschen Schulen oder beim Goethe-Institut. Ein Grund: die schlechten Arbeitsbedingungen. Die Honorarverträge der meisten Deutschlehrer sind jederzeit kündbar.

Ein guter Deal?

Der Deutschunterricht ist in privater Hand, die Ministerien zahlen den Trägern 3,80 Euro für jeden Schüler, der zum Unterricht erscheint. Neben dem BAMF geben auch das Arbeits- und das Wissenschaftsministerium Geld für Deutschkurse. Abhängig vom zuständigen Ministerium unterscheiden sich auch die Honorare. Nur die Stellen, die das BAMF finanziert, werden mit 35 Euro vergütet – die anderen liegen darunter. „Die Situation ist ziemlich chaotisch“, sagt Jung. Als die Regierung 2015 das Budget für Deutschkurse aufstockte, witterten viele Sprachschulen ein gutes Geschäft. Wie wild stellten sie neue Lehrkräfte ein. Die Qualifikation? Erst mal nicht so wichtig. Für die Sprachschulen ist das ein guter Deal: Offiziell arbeiten viele Lehrer als Selbstständige, eigentlich sind sie aber von einem Träger abhängig – so etwas nennt man auch Scheinselbstständigkeit. Das BAMF möchte davon nichts wissen. Auch die Arbeitgeber mauern.

Auf Anfrage verweigert die Sprachschule von Peters dem Freitag einen Besuch ihres Unterrichts. Die Begründung: Ein Journalist würde den Unterricht stören. Peters hingegen glaubt, die Sprachschule hätte Angst, ihre Zulassung zu verlieren. Mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen lässt auch der Andrang auf die Schulen nach – zwischen den Sprachinstituten ist längst ein Preiskampf entstanden, Festanstellungen möchte sich kein Träger leisten. Der Gewerkschafter Klinger sagt: „Das ist ein klassisches Arbeitgeberrisiko und darf nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden. Die Bezahlung kommt aus öffentlicher Hand – es liegt an der Politik, diese Situation zu ändern.“ Vor kurzem wurde Peters von ihrem Arbeitgeber fristlos gekündigt, einen Grund habe die Schule ihr nicht genannt. Bei einem Honorarvertrag ist das ohne weiteres möglich.

06:00 06.12.2016
Geschrieben von

Paul Hildebrandt

Ich schreibe über Soziales, Politisches, über Migration und Kinderthemen. Dazwischen reise ich - in Deutschland und durch die Welt.
Paul Hildebrandt

Kommentare 5