„Was ist denn das bei euch?“

Interview Andreas Kraß hat untersucht, wie sich die Vorstellungen von Männerfreundschaft gewandelt haben
„Was ist denn das bei euch?“
Zwischen Kumpanei und Liebe: von Jesus und Johannes über Goethe und Schiller bis zu Maik und Tschick
Collage: der Freitag, Fotos: Ullstein (2), Imago (2), Studio Canal, dpa

Geschlecht wird auch durch Geschichten konstruiert – damit beschäftigt sich Andreas Kraß als Literaturwissenschaftler. Er sagt: Wir müssen die hetero-normative Brille abnehmen und queer auf die Geschichten schauen.

der Freitag: Herr Kraß, was genau hat Sie an Männerfreundschaften interessiert?

Andreas Kraß: Wir leben auch heute noch in einer Gesellschaft, die patriarchalisch geprägt ist. In der Geschichte wurde immer gedacht: Nur Männer könnten untereinander befreundet sein, und zwar weil nur Männer eine politische Stimme hatten. Die Frage, die ich mir gestellt habe, ist: Was ist der emotionale Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält? Ich habe mir das auf einer literarischen Ebene angeschaut und gemerkt: Das verbindet sich sehr stark mit Männerfreundschaften.

Sie untersuchen die Geschichte der Männerfreundschaft von der Antike bis heute. Welchen Wandel hat es da gegeben?

In der Antike wurde über Freundschaft vor allem aus einer politischen Perspektive gesprochen. In Ciceros Ideal eines vollkommenen Staats sind alle Bürger Freunde. Im Mittelalter spielt dann die religiöse Aufladung der Freundschaft eine große Rolle. Klöster übernahmen im Prinzip das Konzept des Gemeinwesens: Dort sind alle Brüder Freunde. Diese religiöse Aufladung schafft auch ein hohes Maß an Emotionalisierung. Es gibt die Geschichte von Johannes, der an Jesu Brust ruhte: Da konnte man sich in eine Liebesgemeinschaft hineindenken, über den Jünger. Man konnte sich umarmen und sagen: „Ich umarme Christus.“ Durch diesen religiösen Überbau kamen Intimität und Emotion bei heterosexuellen Freundschaftsbeziehungen ins Spiel.

Mit der Moderne wird eine heterosexuelle Norm für Männerfreundschaften wichtig.

Seit der Moderne müssen sich Freundschaften viel stärker gegenüber der Frage rechtfertigen: Was ist denn das überhaupt bei euch? In meinem Buch schaue ich mir die Entwicklung der heterosexuellen Männerfreundschaft an, aber begleitet von der Frage: Welcher Diskurs wird gleichzeitig über gleichgeschlechtliches Begehren geführt? Man kann erst von einer heterosexuellen Norm sprechen, wenn es auch einen Begriff von Sexualität gibt. Meine These: Der Begriff der Sexualität wurde erst etabliert, als sich in der Moderne eine Wissenschaft der Sexualität ausgeprägt hat.

Das heißt: In der Antike konnte Freundschaft nicht als homosexuell gedeutet werden, weil es den Begriff gar nicht gab?

Der Begriff Homosexualität existiert erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und damit verbinden sich bestimmte Vorstellungen – pathologische und juristische. Davor gab es andere Vorstellungen. In einer vorchristlichen Ära hatte Homosexualität eine gewisse Legitimität. Der römische Bürger konnte mit einem männlichen Sklaven Sex haben, und das spielte keine Rolle.

Wie ändert sich das?

Der erste wichtige Übergang ist der von der Antike in die Spätantike. In dem Moment, in dem die Spätantike christlich wird, wird das gleichgeschlechtliche Begehren moralisch verurteilt. Es wird dann als Sodomie bezeichnet. Ein weiterer Paradigmenwechsel findet statt, als Homosexualität zum juristischen Sachverhalt wird. Das geht bis zum Paragrafen 175. Schließlich kommt der medizinisch-psychologische Diskurs hinzu. Da wird aus einer Praktik ein Persönlichkeitsmerkmal. Es ist nicht mehr eine Frage des Tuns, sondern eine des Seins.

Zur Person

Andreas Kraß, Jahrgang 1963, ist Professor für Ältere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Buch Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft ist vor kurzem bei S. Fischer Wissenschaft erschienen

Foto: privat

Wie schlägt sich das in den Geschichten über Männerfreundschaften nieder?

In dem Maß, in dem Heterosexualität zur Norm wird und Homosexualität zum Problem, ist es erforderlich, dass sich die Männerfreundschaft immer wieder ihrer Heterosexualität vergewissert. Solange das Tabu der Homosexualität eine Rolle spielt, so lange werden Geschichten erzählt, in denen ein Freund sterben muss.

Wofür steht dieser Tod?

Mir ist aufgefallen, dass es in vielen verschiedenen Texten die Situation gibt: Der eine Freund ist gestorben und der andere nimmt das zum Anlass, darüber zu sprechen. Warum ist das so? Wenn man sich die Literaturgeschichte anschaut, sieht man: Sie ist voll von toten Frauen, ein Symptom des Patriarchats. Es geht darum, die Angst vor dem Tod zu bewältigen. Wenn der Tod auf eine Frau projiziert wird, ist der Mann schon mal nicht gestorben. Und wenn die Frau schön ist, ist der Tod auf morbide Art auch schön. Das ist der Versuch, Todesangst in ein Begehren nach der Frau zu verwandeln.

Und die toten Freunde?

Auch das ist ein Symbol des Patriarchats, eine Umkehrung. Während bei der Angst vor dem Tod der Trick ist, Tod in Begehren zu verwandeln, hat man beim gleichgeschlechtlichen Begehren Angst vorm Begehren. Daher wird das in eine Form des Todes verwandelt. Damit wird das Begehren wieder akzeptabel.

Nur wenn ein Freund stirbt, kann der andere Mann seine Gefühle für ihn ausdrücken?

Meine Frage war immer: Welche Vorkehrungen müssen in der Literatur getroffen werden, damit Freundschaft als passionierte Beziehung dargestellt werden kann. Die Hauptvorkehrung ist: Ein Freund muss tot sein. Von der Antike bis heute ist das ein vorherrschendes Szenario.

Umgekehrt: Wenn beide Männer noch leben, wie können sie dann Freundschaft ausdrücken?

Durch Distanz. Montaigne sagt in einem Essay sinngemäß: „Ich habe die Freundschaft am tiefsten empfunden, wenn mein Freund nicht da war.“ Die physische Präsenz ist für ihn zu viel, deshalb ist es besser, wenn man sich Briefe schreibt. Die Distanz ist die Voraussetzung, um sich Freundschaft vorstellen zu können. In Ritterromanen haben die engsten Freunde oft unterschiedliche Handlungen, die parallel erzählt werden, ohne dass sich die Freunde treffen – falls doch, müssen sie erst einmal gegeneinander kämpfen, weil sie sich nicht erkennen. Wenn die Freunde nicht sterben, müssen sie anders auf Distanz bleiben.

Heute ist das aber anders.

Im 21. Jahrhundert ist es ganz selbstverständlich, dass auch Männern und Frauen befreundet sind – ohne dass Sex dazwischenkommen muss. Wolfgang Herrndorfs Tschick ist die letzte Geschichte in meinem Buch. Dort wird die klassische Konstellation zu einem Dreieck erweitert: Zu den männlichen Freunden kommt die Freundin Isa dazu. Herrndorf löst das mit Humor auf. Natürlich kann Maik mit dem schwulen Tschick befreundet sein. Da löst Freundschaft die Grenzen von Sexualität und Geschlechterdifferenz auf. Das ist so wunderbar optimistisch.

Besonders in der Politik werden immer wieder Männerfreundschaften inszeniert.

Wenn sich Putin und Schröder als Staatschefs gut verstanden haben, sollten in dieser personal inszenierten Männerfreundschaft die Beziehungen der zwei Länder gefestigt werden. Die beiden Männer haben einen politischen und einen privaten Körper. Eine Staatenfreundschaft kann nur metaphorisch gedacht werden. Sie kann aber durch Politiker verkörpert werden.

Was passiert, wenn das Staatsoberhaupt eine Frau ist?

Das ist eine spannende Frage: Pathetische Inszenierungen gehen da dann nicht mehr. Wenn Obama und Merkel eine Freundschaft inszenieren, ist das nüchterner, humorvoller, ziviler. Ich glaube, heute können nur noch Autokraten zur Männerfreundschaft greifen. Sie brauchen eine Männlichkeit, die sich zur Schau stellt. Wladimir Putin, der mit nacktem Oberkörper auf dem Pferd reitet – so etwas macht doch kein demokratisches Staatsoberhaupt mehr.

06:00 23.11.2016
Geschrieben von

Paul Hildebrandt

Ich schreibe über Soziales, Politisches, über Migration und Kinderthemen. Dazwischen reise ich - in Deutschland und durch die Welt.
Paul Hildebrandt

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