Frieden im Feuer

Woodstock 99: Trainwreck Die neue Netflix Dokumentation über Woodstock lässt die katastrophale Neuauflage von 1999 erneut aufleben. Dabei wird klar, wie falsch der Wunsch war, eine ganze Kultur kommerzialisieren zu wollen.

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Absolutes Fiasko: Woodstock '99

Die neue Netflix-Dokumentation lässt die Bilder vom vergangenen Woodstockfestival 1999 neu aufleben. Die Aufnahmen sind von einer außer Kontrolle geratenen Menschenmasse bestimmt, die beschlossen hat, alles zu zerstören.

Zurück auf Anfang: Wie kam es zu einer derartigen Eskalation? Netflix hat für die Antwort auf diese Frage mit verschiedenen Akteur:innen geredet. Darunter Personen aus dem Produktionsteam, Gästen des Festivals, Sicherheitspersonal und Artists. In Interviews lassen diese ihre Erinnerungen an die vergangenen Tage wieder aufleben. Dabei zeichnet sich ein interessantes Bild unterschiedlicher Wahrnehmungen ab.

Die Idee, das Woodstock Festival wieder aufleben zu lassen, kommt von niemand geringerem als Michael Lang. Er ist der Gründer des originalen Woodstockfestivals 1969. Mit an Bord holt er sich den Geldgeber John Scher. Man brauche schließlich viel Startkapital, um ein solches Massenevent auf die Beine zu stellen. Vielleicht lag hier rückblickend der erste Fehler. John Scher hat nämlich den Profit gewittert.

Die zu Anfang enthusiastische Crew wirkt im Laufe der Planungsarbeiten für das Festival immer enttäuschter. Man würde an jeder erdenklichen Ecke sparen. Herzensprojekte wären nicht rentabel und würden deswegen wegrationalisiert. Erst einmal klingt das wie die meisten Festivals der Neuzeit. Die Menschen müssen eben damit verdienen. Absurd wird in der ganzen Dokumentation der Clash zwischen der erwarteten Woodstock-Kultur, die sich 1969 in einer riesige Frieden- und Freiheitsbewegung eingebettet sah und einem kommerziellen Hedonismus-Event in den 90gern. Ein politisches Festival gewissermaßen, was nun 1999 als profitorientiertes Massenevent wiederholt werden soll. Was soll da bloß schief gehen?

Die Planung

Das Line-Up stellt die erste Absurdität dar. Statt den Hippie-Flair aufrecht zu erhalten, werden Bands wie Korn und Limp Bizkit zu den Headlinern. Sicherlich sind diese unbestreitbar große Nummern mit verdienter Prominenz. Aber auf einem Woodstock Revival Festival?

Ein junger Mitarbeiter im Produktionsteam versucht verzweifelt darauf hinzuweisen, wird dabei aber nicht ernst genommen. Später kommt heraus: Micheal Lang kannte die meisten Headliner selbst nicht. Auch diese wurden einfach gebucht, um möglichst viele Leute anzuziehen.

Die meisten anfallenden Jobs werden an Subunternehmer ausgelagert. Die Essens- und Trinkstände, die Müllentsorgung sowie das Sicherheitspersonal. Auch hier ist die Devise: möglichst günstig. Teile des Sicherheitspersonals geben z. B. an, keine nennbaren Qualifikationen gehabt zu haben. 500 Dollar und ein kostenloses Festival hatten sich viele der akquirierten Sicherheitsleute gedacht: Dafür zieh ich doch gerne ein gelbes T-Shirt an und laufe als „Friedenspatrouille“ übers Festival.

Passend zur restlichen Planung besteht auch das Produktionsteam aus vielen überforderten jungen Menschen, die vor allem da sind, um Teil einer historischen Chance zu werden: einem neuen Woodstock-Festival, dass in die Geschichte eingeht. Für eine Netflix-Dokumentation hat es ja immerhin gereicht.

Das Festival

Der erste Tag des Festivals verläuft glimpflich. Es gibt einen Wassermangel und die Toilettenschlangen sind viel zu lang. Ein gewisses „Chaos“ fällt den Veranstaltern selbst jedoch auch schon an Tag eins auf. Der erste Headliner Korn heizt die Menge auf. Die Menschen seien ungehemmt und extatisch gewesen. Im Rave-Hanger wird danach zur Party für die Schlaflosen aufgerufen. Weniger später wird dieser zu einer Oase der Nacktheit und des Exzesses. Soweit alles noch okay.

Tag zwei fordert seinen Tribut. Langsam bricht Unruhe aus. Zu wenig Wasser. Alles ist viel zu teuer. Alles ist wahnsinnig dreckig und vermüllt. Die Subunternehmer tun nicht das, was sie tun sollen – so die Veranstalter:innen. Verantwortung wird herumgeschoben und allgemeine Hektik macht sich breit.

Limp Bizkit ist der Turning-Point wie es viele in der Dokumentation beschreiben. Eine Band, die für ein „Fuck off“ steht: Wir sind sauer und wir machen da nicht mit. Aber bei was eigentlich?

Schnell wird klar, gegen wen man sich auflehnen könnte. Gegen die, die einem 150 Dollar für ein Festival Ticket abgezockt haben und noch nicht mal genug Wasser bei 40 Grad im Schatten bereitstellen. Die Festivalgäste fangen an, Holzplanken von den Audiotürmen abzureißen und mit diesen auf der Menge zu „surfen“. Während des Konzerts kommt es zu etlichen Verletzungen und sexuellen Übergriffen. Es fängt an, außer Kontrolle zu geraten.

Im Rave-Hanger soll nach dem Konzert Fatboy Slim auflegen. Der Act muss abgebrochen werden, weil Festivalbesucher:innen ein Auto klauen und damit in den Hanger fahren. Der Zuständige für die Raveparty versucht verzweifelt, das Auto zu stoppen. Als er es schafft, finden sich im inneren des Wagens eine bewusstlose Frau, ein apathischer Fahrer und ein Mann, der sich gerade die Hose wieder anzieht, wider. Welche schrecklichen Dinge sich dort gerade ereignet haben, kann er nur mutmaßen. Auch er ist sichtlich erschüttert.

Man kann nur erahnen, was der dritte Tag des Festivals mit sich bringt. Der Tag beginnt damit, dass der Gesundheitsinspektor des Festivals die Kontaminierung des Trinkwassers feststellt. Es sei durchsetzt von Dreck und Fäkalien. Sich mit diesem Wasser zu waschen oder es gar zu trinken, sei eine katastrophale Vorstellung. Da die Preise für Wasser jedoch auf 12 Dollar pro Flasche angehoben wurden, lassen sich die Besucher:innen von Geruch und Farbe des kostenlosen Wassers nicht abschrecken. Eine Besucherin klagt danach von Bläschen und Entzündungen in Mund- und Rachenraum. Allgemein hat sich das Festival zu einer Kloake aus menschlichen Exkrementen und Plastikmüll verwandelt. Die Hitze sorgt zusätzlich für eine angespannte Stimmung: Schattenplätze wurden so rar einkalkuliert wie alles andere.

Die Red Hot Chilli Peppers sind die letzte angesagte Band. Danach soll es noch eine Überraschung geben, munkelt man. Während des Konzerts werden Kerzen verteilt. Wegen der Stimmung und so. Man wolle ja irgendwie auch ein Zeichen für Frieden und gegen Waffengewalt setzen. Die Festivalbesucher:innen nutzen diese, um riesige Feuer zu entfachen. Die hauseigene Feuerwehr des Festivals weigert sich, diese zu löschen. Die Stimmung sei mittlerweile zu gefährlich und aufgeheizt.

Das letzte Konzert wird beendet. Die Artists fliehen vom Gelände. Der Promoter des Festivals John Scher versucht verzweifelt die Menge zu beruhigen. Beruhigen möchte sich jedoch niemand mehr. Die Überraschung nach dem Konzert fällt aus. Wo viele die Rolling Stones als Special Act erwarteten spielt nun ausschließlich der digitale Jimi Hendrix auf den Monitoren.

Listen to the Rage, Down with Profitstock!

Eine Welle der Wut beginnt sich zu entladen. Diese wird am Festival Interieur ausgelassen. Ganz nach dem Motto: „Mach kaputt, was dich kaputt macht“, verfeuert die Meute die gesamte Infrastruktur des Festivals. Es sei wie beim Herr der Fliegen gewesen, gibt ein Besucher an. Das Produktionsteam schließt sich im einzigen noch sicheren Gebäude ein. Nachdem die Gäste des 99‘ Friedenfestivals einen Musikturm gestürzt haben und gerade dabei sind die Essensstände und Geldmaschinen zu plündern, trifft die Polizei ein. Das ist das Ende von Woodstock 99'.

Am nächsten Tag sieht das Gelände aus wie ein Kriegsgebiet. Kaputte Autos, überall Asche, Dreck und Müll. Später wird sich herausstellen, dass es etliche verletzte sowie sexuelle Übergriffe gegeben hat. In der Pressekonferenz sprechen Michael Lang und John Scher von ein paar Idioten, die randaliert hätten. Das stellt in Anbetracht des Schadens eine komplette Realitätsverweigerung dar. Sie waren die Verantwortlichen und haben den Profit über das Wohl und die Sicherheit der Menschen gestellt. Ein Festival mit 250.000 Menschen zu veranstalten, bringt Verantwortung mit sich, der die Veranstalter nicht gerecht geworden sind.

Das Festival hat außerdem gezeigt, dass man Frieden und Liebe nicht einfach kommerzialisieren kann. Es ist eben nicht möglich, eine gesamte politische Bewegung mal eben für 150 Dollar pro Person 30 Jahre später auferstehen zu lassen.

Der Veranstalter Michael Lang ist in diesem Jahr gestorben und mit ihm das Woodstockfestival. Möge es in guter Erinnerung bleiben und vor allem in der Zeit verweilen, in die es gehört: 1969.

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