Darf man es Vertreibung nennen?

Allgemeinwohl Obwohl in Deutschland fast jedes Jahr Umsiedlungen für Braunkohlestrom stattfinden, ist das Thema kaum bekannt. Ein unabhängiger Dokumentarfilm will das ändern
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„Ich wurde damals vertrieben. Mit der Pistole im Nacken hatte ich eine Stunde um einen einzigen Koffer zu packen. Das was man jetzt mit mir machen will, ist eine sozialverträgliche Umsiedlung.“ Der alte Mann ist sichtlich erregt. Generationen seiner Familie liegen schon auf dem Friedhof seines Dorfes und auch er wünscht sich nichts sehnlicheres, als einmal dort beigesetzt werden zu können. Doch dieser einfache Wunsch könnte ihm verwehrt bleiben, denn sein Ort soll einem nahenden Braunkohletagebau weichen. Dennoch weigert er sich, seine Umsiedlung als Vertreibung anzusehen. Doch was ist es dann, wenn den betroffenen keine Wahl bleibt?

Der gesellschaftliche Druck ist enorm. Arbeitsplatz- und Existenzängste, Versorgungssicherheit, preiswerter Strom und nicht zuletzt das Wohl der Allgemeinheit sind Argumente, gegen die ein paar kleine Dörfer machtlos zu sein scheinen. Die Entschädigung ist in der Regel gut. Die neuen Häuser sind auf dem besten Stand der Technik und auch Ländereien werden vergütet. Von außen betrachtet könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass es zwar für die betroffenen Bürger unbequem sein mag, aber deshalb kann man doch noch lange nicht von Vertreibung sprechen, oder?

„Bergrecht bricht Grundrecht“ ist ein geflügelter Satz unter Juristen. Erst letzten Dezember (17.12.2013) bestätigte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil, dass es auf der Grundlage des Allgemeinwohls in Deutschland kein gesetzlich einforderbares Recht auf Heimat gibt. Art. 1, 11 und 13 werden durch das deutsche Bergrecht außer Kraft gesetzt. Den Betroffenen im Osten Deutschlands schmerzt dies besonders, hatten sie doch nach dem Mauerfall die Hoffnung, nun auf einen Rechtsstaat bauen zu können, der ihre Grundrechte wahrt.

Paradoxerweise fördert der aktuelle Kurs der Energiewende die Abbaggerung ganzer Gemeinden. Da die Braunkohle stärker ausgebaut werden soll, steigt der Druck auf die Menschen spürbar. Früher mussten sie ihre Heimat verkaufen, damit der Rest von Deutschland sicheren Strom bekommt – heute sollen sie auch noch, um das Gelingen der Energiewende zu garantieren.

Ob dies nun als Vertreibung bezeichnet werden kann, muss jeder selbst entscheiden. In letzter Instanz ist es jedoch eine Umsiedlung unter staatlichem Zwang. Finanzielle Entschädigung hin oder her – wenn ein Mensch nicht umgesiedelt werden will, bringt ihm auch das dickste Bankkonto seine Heimat nicht zurück.

Um dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit zu rücken und ohne zu polemisieren zur Diskussion zu stellen, ist das Dokumentarfilmprojekt BrückenJahre angetreten. Als Nachfolger des erfolgreichen Films Heimat auf Zeit stellt BrückenJahre die längste bisher dagewesene Betrachtung einer Gemeinschaft dar, die unter den eben beschriebenen Umständen zu leben hat. Da Glaubwürdigkeit in dieser Debatte das höchste Gut ist, arbeitet das Projekt unabhängig von Lobbyunterstützung und versucht die Finanzierung durch Crowdfunding zu stemmen. Bei diesem System sollen viele kleine Unterstützungen innerhalb einer festen Zeitspanne einen grossen Gesamtbetrag erreichen. Die Unterstützer sollen aber nicht einfach nur Geld geben, sondern sie erhalten auch je nach Höher der Unterstützung ein selbst ausgesuchtes Dankeschön dafür. Am Sonntag den 23.02.2014 endet diese Kampagne. Bis dahin kann noch jeder der glaubt, dass dieses Thema stärker in der Öffentlichkeit präsent sein sollte, einen kleinen Teil zum Gelingen des Projekts unter http://www.startnext.de/brueckenjahre beitragen.

Video zum Projekt: http://www.youtube.com/watch?v=rfgKrPOTVYE

11:42 19.02.2014
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Geschrieben von

P.Benedix

Dokumentarfilmer für gesellschaftliche Themen
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