Wenn einer zum anderen hält

Solidarität Dem F.C. Hansa geht es seit einigen Jahren finanziell alles andere als gut. Seine Fans nutzen das nun, um sozial Benachteiligten zu helfen.
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Geld regiert die Welt und selbst dort, wo es eigentlich um andere Dinge gehen sollte. Im Fußball hat sich darum die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gegründet, um die 1.Bundesliga und ihr Unterhaus gebündelt zu vermarkten. Steigen Teams ab, bedeutet das für sie in der Regel einen harten Fall, gehen doch wertvolle Fernsehgelder verloren. Opfer dieser Mechanismen war jüngst noch die Alemannia aus Aachen, deren Erstligazugehörigkeit noch gar nicht allzu lange her ist. Seit spätestens 2012 gehört auch der F.C. Hansa Rostock zum Kreis der Vereine, die aus dem Profiparadies kommend nun mit dem Damoklesschwert 'Insolvenz' zu kämpfen haben.

In Rostock bedeutete dies 2012, dass der F.C. Hansa auf Hilfe der Stadt angewiesen war. Mit einem Steuerschuldenerlass von über 600.000 Euro und dem Abkauf eines Flurgrundstücks griff die Hansestadt ihrem Verein unter die Arme. Dass dies gleichermaßen einige Tausend Hansafans auf die Straße brachte, um sich zu ihrem Verein zu bekennen, muss kaum extra erwähnt werden. Aber auch jenseits dessen hat der Verein für die Stadt eine große finanzielle und identitäre Bedeutung.

Wie viele Vereine auch hatten sich die Rostocker verspekuliert, Infrastruktur geschaffen, die erstligatauglich ist, und mit dem Personalkarussel einige Extrarunden gedreht, dass die Finanzlast den einstigen Leuchtturm des ostdeutschen Fußballs zu erdrücken droht. Mit 13 Trainern in den vergangenen zehn Jahren hat man versucht, den sportlichen Niedergang zu stoppen und dabei zeitweise aus den Augen verloren, dass auch entlassene Trainer fürs Nichtstun bezahlt werden müssen, so ihre Verträge noch nicht ausgelaufen sind oder sie andernorts angeheuert haben. Obendrein haben ganze 75 Lizenzspieler in den letzten drei Jahren das Hansa-Team durchlaufen.

Vor einigen Wochen nun stand auch an der Ostseeküste die jährliche Mitgliederversammlung an. Es gab einiges Positives zu berichten. Mit 2000 neuen Mitgliedern konnten in einem Jahr so viele Neue in der Crew des FCH begrüßt werden, wie nie seit Bestehen des 1965 gegründeten Vereins. Obendrein vermeldet der Vorstand Merchandise-Einnahmen, die sich vor Vergleichen mit Erst- und Zweitligisten nicht scheuen müssten. Dennoch bleiben da horrende Fixkosten, die mit der aktuellen Drittligazugehörigkeit kaum tragbar sind. Und auch das Anfang der 2000er-Jahre umgebaute Ostseestadion wartet immernoch darauf, abbezahlt zu werden.

So stehen für Hansa auch in der zurückliegenden Spielzeit rund 10.2 Millionen Euro Einnahmen etwa 11.3 Millionen Euro Ausgaben gegenüber, während ohnehin noch 21.5 Millionen Euro Verbindlichkeiten auf ihren Ausgleich warten.

Viele Optionen bleiben den Norddeutschen nicht mehr. Große Sprünge sind angesichts klammer Kassen nicht drin und sportlich hat sich die Kogge inzwischen auf dem vorletzten Platz eingetrudelt, droht in die semi-professionelle Regionalliga Nordost abzustürzen, die im selben Atemzug den Komplettzusammenbruch bedeuten könnte. Dabei sah noch 2013 alles so gut aus. Mit einem Benefizspiel, zu dem extra der FC Bayern an die Ostseeküste gekommen war, und dem Finalspiel der A-Junioren gegen den VfL Wolfsburg im eigenen Stadion klingelten für kurze Zeit kräftig die Kassen und es ging eine Euphorie durch den Verein und seine Anhänger, dass es auch wieder besser Zeiten geben würde.

Anderthalb Jahre später jedoch ist Hansa ein Schatten seiner selbst. Fußballerisch wenig ansprechend bleiben ihm die Zuschauer und damit so nötig gebrauchte Einnahmen weg. Insbesondere diesen Umstand hatte Michael Dahlmann, der Vorstandsvorsitzende, auf der Mitgliederversammlung immer wieder betont: es fehlen dem Verein die Zuschauereinnahmen - und das obwohl alsbald die 10.000er-Marke an Mitgliedern geknackt und die Auswärtsspiele des Vereins regelmäßig von 2000 Fans und mehr begleitet werden. Zahlen, die sich bundesweit sehen lassen können.

So war es auch die Mitgliederversammlung, die Anstoß für erste Ideen aus der Mitgliederbasis war. Wie so oft ergreift die Basis die Initiative, wenn die Vereinsvorderen den Kahn in den Sand gesetzt haben, Union Berlin und Lok Leipzig machten es vor. Aus einer dieser Ideen, jeder und jede könne doch beim Stadionbesuch Verantwortung übernehmen, eine Karte mehr kaufen und einen Freund mitnehmen, wird nun mehr.

Die Plattform Hansafans.de betreibt seit über 15 Jahren das wohl wichtigste Forum der aktiven Fanszene. Dort wurde die Idee geboren, Geld zu sammeln. Dieses Geld soll nicht einfach nur blind dem Verein überwiesen werden, denn die Treusten der Treuen wurden in den letzten Jahren schon so oft geschröpft. Die Fans sammeln Geld, um davon Eintrittskarten zu kaufen. Eintrittskarten, die Geflüchteten und sozial Benachteiligten zu Gute kommen sollen. Ab einem Betrag von 10 Euro können sich die Fans und Mitglieder an der Aktion beteiligen und obendrein gleich noch einen Wunsch abgeben, wer von ihrem Geld eingeladen werden soll, manch einer packt sogar noch einen Fanschal oder eine Essenspauschale oben drauf. Hatte die Fanszene der Rostocker in den letzten Jahren wiederholt schon Heimkinder unterstützt, sprechen sich nun manche für Obdachlose und besonders viele dafür aus, dass Geflüchteten der Stadionbesuch ermöglicht werden soll.

In Weihnachtszeiten setzen die Hansafans damit nicht nur ein Zeichen der Nächstenliebe, sondern greifen zugleich ihrem Verein unter die Arme und räumen mit einem Klischee auf, das sich seit Jahren hält. Entgegen der Vorurteile hat sich der Verein und seine Fanszene längst von einer rechten Dominanz losgesagt. Beteiligte sich der Verein etwa 2012 an den Erinnerungsveranstaltungen anlässlich des rassistischen Pogroms von Lichtenhagen oder rief zu Gegenveranstaltungen entlang des rechtsextremen Aufmarschs im mecklenburgischen Friedland auf, ergriffen die Fans schon 2010 selbst die Initiative als eine Abordnung Rechtsradikaler um den NPD-Fraktionsvorsitzenden Udo Pastörs die Begegnung gegen TuS Koblenz auf der Südtribüne verfolgen wollte. Dass sie dort, dem Standort der aktiven Fanszene, allerdings alles andere als willkommen waren, wurde ihnen insofern umgehend deutlich mitgeteilt und sie nach draußen befördert.

Inzwischen hat die Initiative von Hansafans.de fast 3.400 Euro gesammelt und wird rund 200 Menschen den Spielbesuch ermöglichen. Der Blogger Kai Tippmann unterdessen sah sich angesichts dessen zum Vergleich mit dem italienischen Konzept "Caffé sospeso" animiert, mit dem Menschen der Kaffee oder Tee ermöglicht wird, den sie sich sonst nicht leisten könnten. Als Geste des Mehrzahlens wird Soziabilität gelebt, wo sie im Alltag sonst allzu oft hinten runter fällt. In Zeiten neuerer rassistischer Mobilisierungen in der Bundesrepublik solidarisieren sich also die Hansafans mit denen, die den sozialen Härten unserer Gesellschaft mitunter schutzlos ausgeliefert sind.

Und doch geht auch der gewöhnliche Hansa-Alltag weiter. Nach der Heimniederlage gegen Preußen Münster musste Cheftrainer Nummer 14, Peter Vollmann, vor wenigen Tagen seinen Hut nehmen. So bleibt den Fans weiter nicht mehr als die Hoffnung, dass der Neue, Karsten Baumann, es besser macht und Hansa zurück zu alten Ufern findet. Ihr Kartenkauf-Engagement wird auf dem Weg dorthin sicher nicht das letzte gewesen sein.

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Update: Zum Abend des 16.Dezember haben die Hansafans 7634 Euro gesammelt und können damit nun an die 450 Menschen zum Spiel gegen Holstein Kiel einladen.

14:01 09.12.2014
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Geschrieben von

peausbe

Sozialwissenschaftler. Interessiert an Gesellschaft, Fußball, Politik, Geschichte, Menschen, allem.
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