Rheinmetall wird BVB-Sponsor: Ein Rüstungskonzern macht deutschen Fußball kriegstüchtig

Meinung Wieso muss sich ausgerechnet der ehrliche Malocher-Club aus dem Ruhrgebiet von einem Rüstungskonzern finanzieren lassen? Immerhin profitiert Rheinmetall weltweit von blutigen Kriegen. Über die politischen Hintergründe eines Mega-Deals
Die BVB-Fans wurden nicht gefragt, ob sie Rheinmetall als Sponsor wollen
Die BVB-Fans wurden nicht gefragt, ob sie Rheinmetall als Sponsor wollen

Foto: Christoph Koepsel/ Getty Images

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der Rüstungskonzern Rheinmetall steigt als Sponsor bei Borussia Dortmund ein. Zum ersten Mal wird ein Rüstungskonzern Sponsor eines Fußballclubs. BVB-Chef Hans-Joachim Watzke behauptet, diese Entscheidung sei nach reiflicher Überlegung und im Austausch mit allen im und um den Verein und den Fans gefällt worden. Pustekuchen! In den Foren und Kommentarspalten tobt es, und es hagelt ein Shitstorm auf den BVB ein. Mit den Fans scheint Watzke nicht gesprochen haben.

Um das Ausmaß dieses Deals zu verstehen, sollten wir die Akteure genauer anschauen: Rheinmetall ist nicht irgendein Konzern, und der BVB nicht irgendein Club.

Borussia Dortmund ist sehr populär in Deutschland und darüber hinaus. Der Club hat es geschafft, sein Image als Arbeiterverein aufrechtzuerhalten, obwohl er der erste deutsche Fußballclub war, der an die Börse ging. Die Stadt Dortmund steht für ehrliche Malocher, die Kultur der Kohle-Kumpels und ist historische Hochburg der SPD. In Dortmund steht das größte Stadion Deutschlands, und die Fans in der gelben Wand sind in der Fußballwelt legendär. In den letzten 20 Jahren hat es der BVB geschafft, zum Bayern-Jäger und zweitwichtigsten Club Deutschlands aufzusteigen. Unter dem populären Trainer Jürgen Klopp wurden die reichen Bayern vom Thron gestoßen und ihre Dominanz streitig gemacht. Das brachte dem BVB größte Sympathien ein.

Rheinmetall ist Paradebeispiel für Kriegsgewinnler

Immerhin ist Rheinmetall der größte deutsche Rüstungskonzern. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich dessen Aktienwert verfünffacht: Das Unternehmen ist das Paradebeispiel dessen, was man Kriegsgewinnler nennt. Jedes Mal, wenn deutsche Regierungsvertreter mit Saudi-Arabien oder andere Diktatoren dieser Welt Rüstungsdeals abschließen, sitzt Rheinmetall am Tisch und verdient sich eine goldene Nase. Wenn die türkische Armee mit Panzern gegen kurdische Dörfer vorgeht und Zivilisten massakriert, wenn die israelische Armee mal wieder palästinensische Zivilisten zerfetzt: Rheinmetalls ist „mittendrin statt nur dabei“.

Die Bewerbung eines Rüstungskonzerns durch einen so populären Fußballclub ist eine Zäsur für den Deutschen Fußball und zeigt, auf welche Kultur wir uns in dieser „Zeitenwende“ einstellen sollen. Dies ist kein normales Sponsoring im Sport: Es werden keine Panzer durch Bandenwerbung verkauft! Kein Zuschauer kauft Rüstungsprodukte! Und kein Staat der Welt entscheidet sich durch Bandenwerbung, diesen Rüstungskonzern zu wählen und nicht den anderen. Dieser Deal, das geben die Akteure auch offen zu, zielt darauf, das Image von Rheinmetall in Deutschland zu verbessern. Es geht darum, Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen, wie der Verteidigungsminister es forderte. Nachdem der Ex-Punker Campino für den Wehrdienst trommelt, verkauft Borussia Dortmund nun sein gutes Image des sympathischen Arbeitervereins für das Ankurbeln der Rüstungsproduktion – und das für gerade mal 20 Millionen Euro in drei Jahren. Das sind Peanuts im Fußballgeschäft eines Champion-League-Finalisten.

Im Wertekanon des BVB wird Gewalt verurteilt

Dieser Deal ist politisch motiviert, und das gibt Watzke auch offen zu. Demokratie muss man militärisch verteidigen, so die Ansage des Establishments. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist noch ehrlicher: Das Sponsoring spiegele „sicherlich auch ein Stück weit die Realität der Zeitenwende wider.“

Dieser Deal ist mit dem Alltagsleben der Clubs nicht vereinbar. Wie soll ein Rüstungskonzern zum Wertekanon des BVB passen, wo „ein Vereinsleben und eine Gesellschaft ohne Rassismus, Antisemitismus, LGBT+-Feindlichkeit, Sexismus, Gewalt und Diskriminierung“ gefordert wird?

Bricht demnächst irgendwo wieder ein Krieg aus, am besten in Europa, knallen nicht nur wieder die Sektkorken bei den Rheinmetall-Vorständen, sondern dann auch bei Watzke und Co., weil es ihrem Sponsor dann besser geht und dieser mehr zu zahlen hat? Besonders brisant ist noch der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Deals: kurz vor dem Champions-League-Finale am kommenden Samstag.

Der Sportdirektor Sebastian Kehl hatte dazu aufgerufen, alle Aufmerksamkeit auf dieses Spiel zu richten. Dieser Deal und der Shitstorm wird aber die Mannschaft erreichen und verunsichern, das ist gewiss. Für Rheinmetall ist es natürlich ein toller Zeitpunkt und gutes Marketing so kurz vor dem Finale. Watzke gefährdet den Sieg gegen den übermächtigen Gegner Real Madrid. Er hat als Boss und Geschäftsführer völlig versagt. Er untergräbt Borussia Dortmunds Ruhm, hat die Herzen unzähliger Borussen-Fans gebrochen, dem Verein sehr viel Popularität gekostet. Und das alles für die politischen Ziele eines militaristischen Deutschlands.

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