Arabischer Herbst

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Auch am letzten Freitag war der Tahrirplatz nicht von den anderen Tagen zu unterscheiden. Wieder keine Demonstration, obwohl es Freitag ist. Am Abend davor hatte es in der nahgelegenen Maspero wieder eine Demonstration gegeben. Auch dies mal keine große, an die 800 Leute waren gekommen. Die Aktivisten waren zufrieden, zwei Tage zu vor waren es gerade mal die Hälfte. Doch auch dieses Mal gibt wird die Demonstration angegriffen, kleinere Gruppen, man weiß nicht wer es ist. Neun Monate ist es her, als die gigantische Bewegung am Tahrirplatz und überall im Lande die Diktatur Mubaraks zerbrach und den arabischen Frühling einleitete. Der Sommer ist nun in Kairo vorbei, und es ist wieder gefährlich geworden auf Demonstrationen zu gehen.

Der Schock vom Massaker der Armee auf der koptischen Demo in Mapero vor zwei Wochen sitzt immer noch tief. Dazu kommt der Stress bei der Erstellung von Wahllisten, die an diesem Wochenende bei der Militäradministration abzugeben sind. Zunächst mussten die neuen Parteien 5000 Mitglieder vorzeigen, um offiziell registriert zu werden. Von den neuen Linken schaffte dies nur die Sozialistische Volksallianz, kurz „Taallof“. Dann wurden große Blöcke gebildet, mit anderen Parteien gemeinsame Listen diskutiert. Wochenlang wurden dann die Personen und die Plätze der Listen ausgehandelt. Täglich kamen Meldungen und Gerüchte darüber, welche Partei jetzt welche Liste verlässt und sich welche anschließt. Die Muslembrüder erlebten zwei Spaltungen in einer Woche. Erst meldete die alte Nationalkonservative Wafd-Partei ihren Ausstieg aus deren Koalition Anfang Oktober. Kurz darauf stiegen einige große neue Parteien der Salafisten, unter anderen die Nour aus deren Koalition aus, gründeten die „Islamische Liste“, um dann Sonntag zu erklären, dass sie sich doch mit den Brüdern koordinieren wollen.

Zwei Tage nach Maspero brach die Koalition zwischen den Linken und den Liberalen auseinander. Die Taallof stieg aus dem Bündnis mit der Demokratischen Partei und der Sozialdemokratischen Partei aus, weil auch diese Mitglieder der ehemaligen Nationaldemokratischen Partei von Mubarak auf ihre Liste genommen hatten. Mit anderen kleineren sozialistischen Gruppen und liberalen Parteien bildeten sie nun die Liste „Die Revolution geht weiter“. Im letzten Moment traten hier ehemalige Jugendfunktionäre der Muslembruder bei, die wegen ihrer Nähe zur Tahrir-Bewegung von der Führung der Brüder ausgeschlossen worden waren. Diese Liste versammelt nun die meisten Helden von Tahrir, aber während die anderen Millionen Euros aus Saudiarabien und ehemaligen Reichtümer der Mubarakaristrokratie besitzen, haben sie nur einige Tausend, vielleicht Zehntausend vorwiegend junge Aktivisten.

Alle wissen, dass bei der Wahl viel Blut fließen wird. Bei den letzten Wahlen gab es auch schon immer bis zu einem Duzend Tote und einige Hundert Verletzte. Doch im Massaker von Maspero und in den Tagen danach lag in Kairo ein Hauch vom Faschismus in der Luft. Alle rechnen nun mit viel mehr Toten während den 45 Tagen der drei Wahlgängen. Das Ergebnis dieser Wahlen steht auch so gut wie fest, denn diese werden außerhalb der politischen Sphäre entschieden. Die Muslimbrüder verteilen bereits verbilligtes Fleisch aus den Farmen der Armee in armen Stadtteilen. Geschäftsleute aus dem Clan von Mubarak werden alles vollplakatieren in Stadtteilen mit über 50% Analphabeten und Straßengangs mit scharfer Munition gegen die Wahlkämpfer der Opposition einsetzen. Wie immer kurz nach den Revolutionen wird auch in Ägypten 2011 ein neuer konservativer Block die Wahlen haushoch gewinnen.

Es wird Herbst werden in der Hauptstadt Arabiens. „Wir kommen alle wieder in den Knast“ sagen mir die Aktivsten vom 6. April. „Du vergisst mich aber bitte nicht, wenn ich in den Knast komme“, scherzen sie. Sie wollen einen Kontakt in die deutsche Botschaft, für alle Fälle. Als wir am letzten Abend zu den Pyramiden gehen, spielen Kinder in armen Straßen Gizas Fußball. Sobald wir mitspielen beginnen, geraten sie in Freude und sind außer sich, stürmen alle zusammen schreiend auf den Ball: „Thaura Thaura tal al Nasr“, Revolution, Revolution, bis zum Sieg! Auch wenn der Herbst kommt, geschlagen ist die Revolution noch lange nicht.

pedram-shahyar.org

14:43 24.10.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

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Pedram Shahyar

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