Pedram Shahyar
13.06.2013 | 05:48 13

Die Kommune vom Gezi-Park

Istanbul Im Gezi-Park ist ein neues Biotop demokratischer Kultur entstanden, das durch die Reduktion der Berichterstattung auf Polizeigewalt bisher kaum bekannt wurde

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Pedram Shahyar

Die Kommune vom Gezi-Park

Foto: Uriel Sinai/Getty Images

Nach der Landung mache ich mich am Dienstag sofort auf dem Weg zum Taksim-Platz. Je weiter ich den Berg hochsteige, desto voller sind die Gassen mit jungen Leuten mit ihrer Ausrüstung: Helme, improvisierte Gasmasken. Mehr und mehr spüre ich das Tränengas. Es gibt ein Stop and go. Angekommen auf der größeren Siraselviler brennt es bereits heftig in den Augen. Ich mache einen entschiedenen Versuch, auf den Taksim zu kommen, habe aber keine Chance. Das Gas ist zu stark. Die Augen brennen so sehr, dass ich beim zurücklaufen kaum etwas sehen kann. Doch sofort sind Helfer da und besprühen meine Augen mit Zitronenwasser, 5 Minuten später ist alles wieder in Ordnung.

Die Gewalt dieses Tages überschattete die Berichterstattung. Die Polizei hatte tagsüber den Platz überfallartig attackiert und sich dann wieder zurückgezogen. Am Abend versammelten sich wieder bis zu 30.000 Menschen und die Staatsmacht versuchte es auf die griechische Methode: wie der Syntagma in Athen wurde Taksim einfach stundenlang permanent unter Tränengas gestellt, während Wasserwerfer die Seitenstraßen attackieren.

Der Gezi-Park nördlich vom Platz wird angeblich verschont. Die Regierung versuchte, die Proteste zwischen den „guten Parkschützer“ und bösen Randalierern auf dem Taksim zu spalten. Aber auch der Park wurde mit vielen Kattuschen beschossen, stand unter Tränengas und die vorderen Zelten wurden zerstört.

Am Mittwoch liegt zwar immer noch ein bisschen Tränengas in der Luft, aber im Park herrscht wieder überall ein buntes und lebendiges Treiben. Gezi ist ein recht großes Areal, und ich schätze, hier sind deutlich mehr Zelte als auf dem voll besetzten Tahrir, vielleicht sogar doppelt soviele.

Politisch findet man hier eine unglaubliche Mischung – Aktivisten von der kemalistisch-nationalistischen CHP mit ihren Fahnen neben dem Bereich von kurdischen Gruppen, in dem auch eine große Ocalan-Fahne hängt. Eigentlich Todfeinde. Unzählige linke Kleingruppen, die nie miteinander geredet hätten, zelten jetzt nebeneinander. Das Bild bestimmen aber unorganisierte Protestanten. die allermeisten sind sehr jung, gebildet und mit Smartphones. Alle sind mit irgendetwas beschäftigt, und es gibt für alles mögliche ein Zelt: von einer Gruppe auf deren Fahne Atatürk neben Lenin hängt, der speziellen Verteilerstationen für Wasser und Medizin bis hin zu einem Zelt für die Rechte der Homo- und Transsexuellen – oder „Das Cafe für unverhältnismäßige Liebe“.

Die Struktur der Zeltstadt ist am Tag nach der Schlacht völlig intakt. Es sind Straßen markiert, die meisten nach Namen von bekannten Figuren aus der Geschichte des Widerstands. Auf dem zentralen Platz gibt es eine Bühne der „Gezi Solidaritätskampagne“, eine parteiübergreifende Gruppe, die koordinierende Aufgaben übernimmt. Alle, die Fragen haben, gehen hinter die Bühne, wo Aktivisten der Kampagne diese geduldig beantworten. Es gibt lange Menschenketten, die große Tüten transportieren – Müll wird herausgebracht, Versorgungsgüter kommen rein.

Im Gezi-Park ist übrigens alles umsonst! Medizin versteht sich von selbst, aber auch Essen und Trinken. Es sind auch Kleinhändler da, aber sie sind gebeten, außerhalb des Parks zu verkaufen. Sogar Zigaretten werden gesammelt und umsonst weitergegeben. Auch passive Bewaffnung, also Helme, kleine Masken, Schwimmbrillen und Regenjacken werden an Verteilerzelten ausgeteilt. Alles für alle ist das Prinzip. Finanziert wird Gezi über Spenden, und die kommen reichlich.

Am frühen Abend gibt es eine Versammlung vor der großen Bühne. Die Parkbewohner tauschen sich aus. Mehrere reden über ihre Überlegungen, wie der Park demokratisch organisiert werden kann. Der Vorschlag steht im Raum, dass die jeweiligen Zelt-Straßen Delegierte wählen, die sich dann in einem Park-Parlament treffen. Ein anderer fragt, wie die Leute, die hier nicht schlafen, in die Entscheidungen eingebunden werden können. Und was ist mit der Bevölkerung? Was machen wir gegen die staatlichen Medien, die nichts oder Lügen über den Park berichten?

Und zu guter Letzt werden die Vorbereitung für die Angriffe der Polizei diskutiert. Kaum einer der Diskutanten macht den Eindruck, ein geübter Redner zu sein. Die meisten, die ich kennenlerne, sind vor zwei Wochen zum ersten Mal überhaupt auf eine Demo gegangen. Umso beeindruckender sind ihre Fragen, die man genauso auch auf dem Tahrir, Placa del Sol, der Wallstreet oder Syntagma hätte stellen können. Es sind wohl die Grundfragen der neuen globalen Revolte: wie organisiert sich die aktive Menge demokratisch als Gegenmodell zum autoritären Staat, wie beziehen wir uns auf die anderen Teile der Bevölkerung, die weniger oder gar nicht aktiv sind, und wie wehren wir uns gegen die Repressionen des Staates.

Am späteren Abend wird die Stimmung immer angespannter. Die internationalen Medien berichten über den Dialog von Erdogan mit von ihm ausgewählten Symbolfiguren der Bewegung – die übrigens hier niemand als Repräsentanten sieht – und das mögliche Referendum über den Park. Doch hier macht sich eher die Nachricht über seine Ansage breit, „binnen 24 Stunden alles zu beenden“. Er habe den Innenminister beauftragt, alle nötigen Maßnahmen zu treffen. Alle deuten dies als eine Ansage für eine anstehende brutale Räumung. „Vielen Dank, dass Du da bist“ sagt Embre, den ich beim Handyaufladen kennenlerne, „dass Du in dieser letzten Nacht bei uns bist“.

Auf der östlichen Seite des Platzes sind seit späten Nachmittag auch wieder Spezialkräfte der Polizei mit Kampfmontur aufgestellt. Doch die Menge ist immens gewachsen, es sind jetzt weit über 20.000 Leute im Park. Überall bereiten sie sich vor. Wir werden angehalten und unser Gesicht wird mit Wick-Salbe beschmiert, das hilft angeblich gut gegen Tränengas. Andere geben uns Zitronen. Die Schwimmbrillen werden festgezurrt, nasse Decken ausgeteilt um die Kattuschen zu überdecken, die in den Park reinfliegen. Nirgendwo entdecke ich, entgegen meiner Erwartung, offensive Waffen, keine Steinlager, keine Molotov-Cocktails. Das Prinzip ist hier das der passiven Bewaffnung zum Schutz.

Mich erfasst ein Druck von Trauer tief in meinem Bauch. Diese starke Energie, diese Kreativität an diesem besonderen Ort der Aktivität und Begegnung, wird alles wirklich gleich unter Gaswolken und Schlagstöcken zerquetscht? Als wir herumlaufen, entdecke ich nirgends Angst in den Gesichtern. Alle sind sehr ruhig. Ich lasse mich von dieser Ruhe anstecken und vergesse schnell den Trauereinschlag. Wir scouten die Polizei links und rechts, hinten am Park sind gar keine. Als wir um Mitternacht wieder nach vorne zum Taksim-Platz gehen ist die Lage völlig verändert: Tausende sind auf dem Platz geströmt, und die Polizei hat die Kampfmontur wieder abgesetzt. Der Platz ist wieder besetzt, Taksim re-occupied! Auf den Treppen zum Park ist ein großer Flügel gebracht worden und jemand spielt ein Klavierkonzert. Hunderte sitzen davor auf den Treppen und lauschen in absoluter Stille den klassischen Stücken und singen die bekannten Songs mit. Gänsehaut pur, meinem Begleiter kullern die Tränen über das Gesicht.

Diese Treppen führen nicht einfach in einen Park mit seinen Besetzern. Die Zeit zum Träumen hat wieder begonnen. Chiapas und Madrid, ihr seid nicht allein! Auch hier, am Scheidepunkt zwischen Europa und Orient, hat die rebellierende Menge instinktiv eine Kommune gegründet. Jeden Tag erwarten sie, zermalmt zu werden. Doch bis dahin leben sie, singen sie, kämpfen sie. Die Erfahrung dieser Tage wird dieser Generation niemand mehr nehmen können.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (13)

Sascha 13.06.2013 | 13:38

Auffällig ist, dass es in der Geschichte immer wieder vorkommt, dass Kämpfe zur Verteidigung der demokratischen Rechte eine Tendenz dazu haben, die Demokratie selbst weiterzuentwickeln.

So wie hier auf dem Taksimplatz. Oder der Widerstand der spanischen Republikaner und Anarchisten gegen Franco. Aus der Verteidigung der Demokratie entsteht im Kern eine neue, bessere Form von Demokratie und die bürgerlich-repräsentative Scheindemokratie wird in der Praxis zu Basisdemokratie weiterentwickelt.

Das Tragische daran ist, dass die Verteidiger der Demokratie meistens vom Staatsterror aufgerieben werden. Und die Basisdemokratie bleibt dann nur eine vorübergehende Episode, eine Fußnote in der Geschichte, ohne gesellschaftliche Breitenwirkung, ein kurzer "Sommer der Anarchie". Es wäre erstaunlich und wunderbar, wenn die Demokratiebewegung in der Türkei mehr Glück hat als ihre historischen Vorgänger.

Daniel Domeinski 13.06.2013 | 17:02

Hier noch ein Hinweis auf einen lesenswerten Artikel des Blogautoren, den ich gerade bei Jungle World gefunden habe:

http://jungle-world.com/artikel/2013/24/47896.html

Dort heißt es:

"Die soziale Frage ist in Ägypten die nach Brot und Gaskartuschen zum Kochen, in Spanien die nach Wohnungen und Jobs, und in Istanbul ist es die Gentrifizierung. Der Umbau des Gezi-Parks zu einer Shoppingmall mit militaristischem Antlitz würde die ärmeren Schichten und die prekäre Jugend weiter aus dem Zentrum der Stadt vertreiben. Es sind dieses soziale Unbehagen und der Schrei nach einem Recht auf Stadt, der diese Revolte trägt. Die Verbindung der demokratischen und der sozialen Frage bestimmt die innere Dynamik und schafft die Wucht dieses neuen globalen Protestzyklus. Der westlich-liberale Diskurs verschleiert hier den Blick: Die Reduktion dieser Revolten auf die demokratische Frage, die mit west­lichen Werten gleichgesetzt wird, verschließt sich der allgemeinen Grundlage dieser Proteste, die nichts weniger sind als eine Antwort auf die weitreichende politische und soziale Krise des globalen Kapitalismus."

Costa Esmeralda 13.06.2013 | 19:43

Lieber Pedram,

ein grosses Dankeschön an Dich aus der Ferne für den anschaulichen Bericht, der nebenbei die richtigen Fragen aufwirft, die auch

@DANIEL DOMEINSKI

erwähnt.

Bleiben wir immer wieder bei einem "kurzen Sommer der Anarchie und selbstbestimmten Freiheit" stehen, oder kommen wir endlich der entscheidenden Frage nach Abschaffung des globalen Kapitalismus voran? Die Grünen und die 68er-Generation haben exemplarisch vorgemacht, wo der Weg hingeht: Unterordnung unter die Herrschaft des Kapitals, spätestens dann, wenn Familiengründungen und Pensionsvorsorge anstehen. Dann sammeln die Büttel des Kapitals die verwelkten Blumen der kurzlebigen Freiheit wieder ein und stopfen die Mäuler, die vorher noch den Schrei nach Utopia, Liebe, Menschlichkeit und selbstbestimmtem Arbeiten und Leben auf den Lippen führten mit Knete.

Wir selbst haben Schuld an diesem so kurzlebigen "Blick ins Paradies auf Erden", da wir die Zivilcourage und Hoffnung in der Jugend nicht ins Alter zu retten wissen. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist die Allianz zwischen den Generationen, die eine Kommune vom Gezi-Park zu dauerhaftem Leben verhelfen könnte, aber bloss nicht mit Menschen wie Merkel, Steinbrück, WW, Gas-Gerhard und Elder Statesman Fischer, den Totengräbern und Verrätern der politischen Freiheit der Büeger.

Sascha 13.06.2013 | 20:26

Aber ist das nicht gerade der schwache Punkt bei jeder Revolte oder Revolution? Solange nicht die wirtschaftlichen Strukturen des Kapitalismus und die politischen Herrschaftsverhältnisse angegriffen und nachhaltig aufgehoben werden, bleibt das Problem bestehen, dass die Menschen "käuflich" sind, man könnte auch sagen: erpressbar sind.

Ich wäre vorsichtig dabei, jemanden als "Verräter" zu beschimpfen, der sich von seinen früheren Idealen verabschiedet hat, auch wenn es natürlich nicht schön ist, wenn einer wie Joseph Fischer Molli und Steine gegen Anzug und Krawatte eintauscht.Es ist nicht so einfach, aus dem Bestehenden auszubrechen und das auch noch dauerhaft, wenn das große Ganze nicht überwunden wird.

Und ich meine auch, dass die Antwort weniger darin besteht, die Generationen zusammenzubringen, auch wenn das dazu gehört und natürlich ein Fortschritt wäre. Aber entscheidend erscheint mir, nicht den Fehler früherer Revolutionäre zu begehen und alles auf die Machtfrage zu reduzieren, also den Staat übernehmen und dann einen "besseren" Staat lenken.

Die Antwort liegt meiner Meinung darin, "von unten" Strukturen aufzubauen, die - und das ist die große Herausforderung - eine gesellschaftliche Dynamik und Breitenwirkung entfalten. Kost-nix-Läden, selbstverwaltete Fabriken und besetzte Häuser sind alles schön und gut, aber für das System ist es kein Problem, solange diese Gegenstrukturen eine Nische bleiben, wo die "üblichen Verdächtigen" unter sich sind, aber die Normalbürger einen großen Bogen drum machen.

Costa Esmeralda 13.06.2013 | 20:56

Lieber Sascha,

Du hast selbstverständlich recht mit dem Aufbau von Strukturen "von unten", die m. E. exemplarisch und auch erzieherisch wirken sollten. Die Gegensysteme und -kulturen, wie Du sagst, werden ein nützliches Nischendasein fristen, solange dort lediglich Enttäuschte Dampf ablassen können. Aber, wie ich meine, wenn sie mithilfe einer generationsübergreifenden Allianz wie frische Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schiessen würden, immer verbunden mit erzieherischen Aktivitäten, könnte langsam der Keim einer alternativen Wirtschafts- und Lebensform erwachsen und stetig mehr Normalbürger mit einbinden.

LG, CE

PS: Ich weiss, dass Worte wie Verräter hart klingen, aber wenn ich mir das Treiben all der ehemaligen 68er-Machos und Möchtegernweltverbesserern im heutigen "Salon" ansehe, ist das genau der Grund für den Tod von ehemals freiheitlichen Träumen.

Oberham 17.06.2013 | 12:11

.... jetzt wurden sie zermalmt, die Untertanenbürger nicken zufrieden - in ganz Europa, die Presse echauffiert sich scheinheilig, in ganz Europa, der Mehltau legt sich über ganz Europa!

Doch auch die Menschen vom verstanden unter Freiheit vor allem, die Freiheit für Ihr Spiel!

.... und ich fürchte Ihr Spiel dreht sich auch um Eitelkeit und Wohlstand für das Ego und nicht für die Menschen auf der Welt generell.

Wer etwas verändern möchte - kann es bei sich tun - überall auf der Welt - vor allem jene Menschen, die noch die Mittel haben zu Plätzen zu pilgern und dort für Ihre Rechte zu kämpfen.

Doch was sind das für Rechte - es sind doch nichts weiter als Ansprüche, wieder Ansprüche, wieder für eine bestimmte Gruppe, wieder der Kampf die Einen gegen die Anderen.

Solange der Mensch nicht begreift, nicht mehrheitlich begreift, worum es gehen müsste, werden Tränengas und organisierte Gruppen jene zerschlagen, die gegen Willkür und Privilegien anderer aufbegehren, solange aufbegehren und vor allem mit dem Ziel aufbegehren, eine andere Machtstruktur zu etablieren, die nun wiederum gefälligst IHRE Interessen vertreten soll.

Dabei haben wir Menschen doch nur ein Interesse das zählen sollte,

den Lebensraum gütig, friedlich und im Einklang mit den anderen Seinsformen zu erleben und beleben.

Sorry, das könnte von jetzt auf gleich - jeder hier, wenn er wollte.

Nur - was wird aus meinem schönen Job, was wird aus meinem Auto, meinem Haus, ich würde verhungern, vorher verdursten, -

falls Ihr so denkt, solltet ihr eigentlich begreiffen, dass ihr ohne die Despoten gar nicht mehr lebensfähig seid.

Enteder Ihr dient willig dem Apparat, oder ihr glaubt keine Zukunft zu haben - da liegt der Fehler!

Gehet hin und lebet, ohne Gewalt und ohne Haß

sehet Ihr werdet nicht sterben, sonder glücklich sein!

Wenn es einen Gott geben mag, so ist es jener der das Alles für Euch in einen Begriff betten möge - und ein Teil dieses Alles - sind wir - für immer egal ob Mensch oder Element.

Ich hoffe für diejenigen türkischen Menschen, die nicht mehr willige Diener sein wollen, dass sie sich zurückziehen und ihre Lebensmodelle autark entwickeln, lasst einfach den Staat neben euch liegen und lebt ein friedliches Leben - miteinander!