Pedram Shahyar
06.04.2012 | 11:28 39

Günter Grass und die Gefahrenzonen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Pedram Shahyar

Israelkritik in Deutschland? Nein, leicht ist es nicht, und Günter Grass ist niemand, dem dies entgangen ist. Wir erinnern uns zu gut an Möllemann und seine Israelkritik im Wahlkampf. Er bediente die Figur der eigenen Schuld der Juden am Antisemitismus, um am rechten Rand zu sammeln und die FDP auf 18 % zu hieven. Kritik an Israel ist immer einer der zentralen Projektionsflächen des rechtsradikalen Randes der Bundesrepublik gewesen; derjenigen, die den Juden den Holocaust nie verziehen haben, die sich ihren imperialen Biographien geraubt fühlten. Erst die totalen Niederlage, und dann die historische Aufarbeitung und die Erinnerungskultur des singulären Verbrechens des Holocaust verhinderten jede Großmachtphantasie. Dieser Rand war es, der ihren antisemitischen Ressentiments, ihre Verschwörungstheorien von mächtigen Juden, die eine Weltordnung dominieren, in der die Deutschen zu kurz kommen, als Tabubruch inszenierte.

Diese alte Sehnsucht nach Größe verließ den Rand und wurde in der Frankfurter Paulskirche rituell mit Standig Ovations gesegnet, als Martin Walser nach einem Schlussstrich rief, um „den Deutschen“ wieder ihren „normalen“ herausgehobenen Position ohne Scham ermöglichen sollte. Während die intellektuelle Elite, ausgenommen der großartiger Ignaz Bubis, hier Beifall klatschte, war man sich bei einer anderen Version der Geschichtsdeutung wiederum einig: der neue Staatsräson der geläuterten 68er an Macht legitimierte den deutschen Militarismus und Kriegspolitik aus einer scheinbar aufgeklärten Aufarbeitung der Geschichte. Die Schwur aus Buchenwald „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ wich einem Geschichtsbewusstsein, das in die Bombardierung Jugoslawiens mündete, um angeblich einen Völkermord zu verhindern. Gepanzert mit dem neuen Menschenrechtsimperialismus marschierte man wieder mit den westlich-imperialen Truppen für die Durchsetzung der Aufklärung gegen die fundamentalistischen Barbaren am Rande des Imperiums.

Das Gedicht vom Günter Grass hat mit dem oben genannten inszenierten Tabubruch nichts zu tun. Er ist höchsten im ästhetischem Sinne konservativ, weil es die Figur des Dichters als Mahner bedient, aber nicht in einer zynischen Abwendung von der Welt, sondern eines politischen Weckrufs. Die Welle der Ablehnung, die er in der Elite der Meinungsmacher dieses Landes erfährt, bestätigt die von ihn angesprochene, sicher auch biographisch bedingte Scheue, sich auszusprechen, aber auch die Notwendigkeit seiner Intervention, die ins Herz eines westlich-imperialen Diskurses getroffen hat. Wir haben es ja nicht mit einem konstruierten Sinnzusammenhang, sondern einer realen unmittelbaren Kriegsgefahr zutun, an dem sich die Bundesregierung mittels Waffenlieferungen beteiligt. Das Verschweigen, von dem Grass spricht, ist die produzierte Blindheit der Öffentlichkeit gegenüber den Gefahren dieses Krieges, ein wichtiger Moment in der Kriegsvorbereitung. Er behauptet nicht, Israel sei die größte, aber die aktuelle Gefahr für den Frieden, und dies ist eine bittere Wahrheit. Man weiß nicht, wie katastrophal dieser Krieg enden wird, aber viele der Katastrophen sind vorhersehbar. Allen voran stirbt die Hoffnung auf einem demokratischen Wandel und Annäherung der Kulturen in der Region. Die Kairoer Rede Obamas, als er den Kampf der Kulturen für beendet erklärte und der muslemischen Welt die Hand gereicht hat, kann dann als historisches Dokument in den Archiv. Eine neue Runde religiöser Hass wird aufflammen, die radikalen Fundamentalisten werden von westlichen Grenzen Nordafrikas bis in südlichen Provinzen Russland und den hinteren Ecken in China mit neuem Auftrieb zum Widerstand gegen die imperialen Truppen blasen und sich eines neuen großen Beifalls sicher sein. Der kleine, zarte aber so wirkungsmächtige Kern des Aufbruches aus dem arabischen Frühling wird unter den Kriegsgeheul genauso zertrampelt werden, wie die neue oppositionelle Jugend in Israel, die im Sommer die Plätze belagerte. Kampfpiloten, Laserraketen und Milizen werden wieder das Bild bestimmen, die Tahrir-Kids werden schnell vergessen sein, das alles ist sicher. Wie groß die ziviler Opfer sein werden, wieviel vom Iran atomar verstrahlt wird, wieweit noch andere Parteien in den Konflikt hineingezogen werden, wie stark der Strom von Öl gestört wird, was mit der labilen Weltwirtschaft und mit der Balance zwischen den den großen imperialen Blöcken passiert; das alles lässt sich nicht voraussagen, liefert aber viel Stoff für apokalyptische Bilder.

Nein, es ist nicht die iranische Atombombe, die den Weltfrieden bedroht. Iran ist eine schlimme Diktatur, deren Folterkeller ihres Gleichen auf der Welt suchen, und deren Sicherheitsorgane der ägyptischen oder lybischen weit überlegen sind. Aber das iranische Atomprogramm, ohne Zweifel auch militärisch motiviert, ist defensiver Natur. Grass Figur des „Maulhelden“ trifft ins Schwarze, weil das iranisches Regime sich mit der Option auf die Atombombe einer Lebensversicherung gegen die alten Pläne Pentagons für einer militärischen Regimechange von Außen besorgt, aber ein Angriff auf Israel ist trotz der ideologischen Maulhelderei gegen deren Staatsräson. Das Reime im Iran ist entgegen plumpen Darstellungen alles anderer als irrational und verrückt. Das politische System im Iran ist nach Israel und Türkei das modernste in der Region gewesen: eine Diktatur mit Elitenpluralismus und eine relativ hohe institutionelle Diversität. Jeder hier auch aus der 3. Reihe weiß, bevor eine ungenaue Rakete den iranischen Boden verlassen hat, werden 40 der besten Atombomben auf dem Iran regnen. Iran kann von dem militärischen Potenzial in unserer Lebenszeit Israel nicht auslöschen, Israel könnte aber den Iran, und einige weitere Länder mit einem Fingerdruck.

Dieser Perspektivenwechsel auf die Gefahrenzonen, ist der große Verdienst vom Günter Grass. Die iranische Diktatur hat in den letzten Jahren massiv an Unterstützung verloren und ist in der eigenen Bevölkerung weitesgehend isoliert, Druck von Außen kommt ihnen da gerade recht. In der westlichen Öffentlichkeit werden sie zu einer mächtigen Drohkulisse aufgebaut, um davon abzulenken, dass das Bündnis der Rechten mit den rechtsradikalen in Israel eine große Gefahr für eine kriegerische Eskalation in dieser Periode der Weltpolitik darstellt.

Die Aufgabe liegt hier nicht in falscher Scheue, sondern in der internationalen Isolation dieser Kräften in Israel, um den progressiven Stimmen dort zu verhelfen, eine ernsthafte humane Wende in der Politik und eine Annäherung an die Nachbarn zu beginnen. Die Vorzeichen sind nach dem Hauch der Hoffnung in Washington und dem arabischen Frühling so gut wie nie, aber auch die Gefahr, die Hoffnung auf einem Schlag auf Jahre zu vernichten.

pedram-shahyar.org

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (39)

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Ehemaliger Nutzer 06.04.2012 | 14:24

Ihrer Analyse kann ich in weiten Teilen folgen und sie auch teilen. Grass hat sich meiner Ansicht nach in seinem "außenpoltischen" Teil des Gedichts Ehre gemacht, mit seinem "innenpolitischen" Teil aber so angestellt, dass er die Diskussion von seinem möglichen Anliegen wegverlagerte in das erbitterte Fechten um Antisemitismusvorwürfe, SS, Vergangenheit. Gut, die mag ja auch nötig sein, aber führt weg von den Sorgen, die er und Sie ansprechen.

Mich interessiert die Frage, ob es Kräfte im arabischen Frühling gibt, die graswurzelmäßig wie der Isreali Rony Edry die geistigen Schützerngräben verlassen? Wobei ich verstehe kann, dass man in der politischen Öffentlichkeit Ägyptens gerade andere und näherliegende Probleme verhandeln muss.

Ullrich Läntzsch 06.04.2012 | 18:53

Lieber Pedram Shahyar

Stimme weitgehend zu.

ABER @ Israel könnte aber den Iran, und einige weitere Länder mit einem Fingerdruck.[auslöschen]

Die Frage ist nur zu welchem Preis. Schon nach der erstem israelischen Atombombe auf Iran – oder wo auch immer – würde zu einer Haßexplosion und nachfolgender Rache-, Gewalt- und Terrorexplosion führen, daß alles was wir bislang als Terrorismus erlebt haben uns als Programm einer Sonntagschule vorkommen würde.

Siehe daher :

www.freitag.de/community/blogs/rick/leider-leider

Allerbeste

Ullrich Läntzsch

Georg von Grote 07.04.2012 | 04:45

Meine Bitte an die Redaktion vom Freitag wäre ja: Traut Euch einmal, so einen Blog, also jetzt den Text von Shahyar in den redaktionellen Teil zu übernehmen.

Ich denke einmal, man kann ihn in Absprache mit ihm auch in eine Form bringen, die man redaktionell gutheißen kann.

Ich denke mal, das wäre ein Zeichen und ein Schritt hin zu freitag goes to community.

Fritz Teich 07.04.2012 | 07:52

"Kritik an Israel ist immer einer der zentralen Projektionsflächen des rechtsradikalen Randes der Bundesrepublik gewesen; " halte ich fuer eine ganz toerichte These. Auch den Vorwurf, man wuerde den Blick verengen, wenn man einseitig Israel kritisiert. Kritik ist ein Zeichen von Freundschaft oder doch jedenfalls Interesse und Interesse darf man haben. Denn der Holocaust hat die gemeinsame Geschichte nicht beendet, wenn man ueberhaupt einen Unterschied zwischen Juden und Deutschen machen kann.

txxx666 07.04.2012 | 10:32

Das Problem an den oft so überhitzten und atmosphärisch vergifteten Debatten über Israel ist ja, dass sich immer zwei Diskurse überlagern und einander in die Quere kommen.
Da wäre zum einen die lange Geschichte der Judenverfolgung mit ihrem (hoffentlich nicht nur) bisherigen Kumulationspunkt, der Shoa, und die sich daran anschließende Erzählung von "Eretz Israel" als gelobtem Land und letztem Zufluchtsort der Juden.
Zum anderen gibt es die kaum weniger lange Geschichte der Dominanz des westlichen, jüdisch-christlichen Abendlandes und seiner Vormachtstellung in der kolonialen und postkolonialen Weltordnung, in der Israel vor allem einen Verbündeten bzw. einen Brückenkopf des "freien Westens" und der Supermacht USA im ökonomisch und geopolitisch bedeutenden "Nahen Osten" darstellt.
Auch wenn es sicherlich gute Gründe gegeben hätte, nach dem Zweiten Weltkrieg einen Judenstaat eher in einem Teil Deutschlands oder der USA einzurichten als in Palästina, ist an dem Existenzrecht Israels heute aus guten Gründen nicht zu rütteln. Das bedeutet aber auch, dass dieser Staat keine Sonderrechte beanspruchen und genießen sollte, sondern in seiner Innen- und Außenpolitik kritisiert werden darf wie jedes andere Land.
All jene, die Israel immer wieder eine Sonderrolle zugestehen und Kritik an seiner Regierungspolitik pauschal abschmettern, argumentieren genau in den Kategorien des Antisemitismus, die sie immer ihren Widersachern, oft zu unrecht, vorwerfen.
Vor allem aber wird so eine konstruktive politische Auseinandersetzung verunmöglicht und ein für Viele schwer erträglicher, für Manche aber sehr einträglicher Status Quo zementiert.
misanthrope.blogger.de/

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2012 | 15:22

Sehr guter Beitrag! Danke dafür!
Endlich wird auch mal aus der "anderen" Sicht geschrieben. Das hatte Grass wohl auch vor.
Nie wird über die Atommacht Israel geschrieben, als wenn es nicht erwähnt werden dürfte. Oder über die agressive Politik Israels im besetzten Jordanland. Oder das Israel sich noch so gut wie an keine UNO-Resolution gehalten hat.
Von wem geht also die Gefahr eines Krieges aus???

Rainererich 07.04.2012 | 20:42

Es gibt sie also noch, Die Realisten, die bereit sind Fakten anzuerkennen und unabhängig vom Mainstream Stellung zu beziehen, gegen die selbsternannten Meinungsmacher dieser Republik. Kritik an der jüdischen Regierungspolitik, einer Politik, die seit Netanjahu immer mehr religiös-fundamentalitsische Züge annimt, ist erlaubt und ist nicht gleichzusetzen mit Antisemitismus. Und daher hat Günter Grass Recht mit seiner Einschätzung und die deustch-jüdischen Lobbyisten haben unrecht. Hier ein Kommentar des WDR:
www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/s/d/05.04.2012-06.05/b/aussage-grass-gefahr-israel.html

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2012 | 21:18

Hmm,
ich fass das mal eben zusammen. Ein vom Westen anerkannter souveräner Staat, dass von Staaten umgeben ist, wo "Mein Kampf" Bestseller ist, ständig verbal attakiert und bedroht wird, ein Land in dessen Nähe die Muslimbruderschaft, entgegen anfänglicher Beteuerungen, nun doch herrschende Partei in Ägypten werden will, diesem Land wird nun auch noch vorgeworfen, dass es für die Gefährdung des Friedens verantwortlich ist?

"religiöser Hass wird aufflammen" dieser existiert längst schon und weitet sich aus, getrieben durch zum Teil verständlichen Anti-Amerikanismus. Die USA bewirken mit der Unterstützung Israels, dass dieses Land als Freund dieser imperialistischen Macht betrachtet wird und bietet somit einen weiteren Grund ein Feindbild zu sein.
"Aber das iranische Atomprogramm, ohne Zweifel auch militärisch motiviert, ist defensiver Natur." kannst du das bitte belegen? Über den Iran und dessen Innenpolitik gibt es nämlich so gut wie keine Informationen.

thinktankgirl 07.04.2012 | 22:25

Eben gefunden:

Aufschlußreich für die derzeitige Medienausrichtung erscheint die am Freitag vom Bundestagsabgeordneten Diether Dehm (Die Linke) verbreitete Information, daß eine von ihm in Auftrag gegebene Anzeige mit dem Text »Kein Krieg gegen den Iran!« vom Madsack-Konzern abgelehnt wurde. Selbst das Angebot, nur den Satz Willy Brandts »Krieg ist die ultima irratio« zu zitieren, akzeptierte das vor allem in Niedersachsen tätige Presseunternehmen nicht. Der Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Gregor Gysi, wandte sich mit einem Brief an die Madsack-Führung und fragte darin: »Ist es wirklich in Ihrem Verlag so weit gekommen, daß Warnungen vor Krieg und Werben für den Frieden gegen Ihre verlegerischen bzw. unternehmerischen Absichten verstoßen?«

freund 07.04.2012 | 22:57

das ist wirklich eine sehr kluge und treffende analyse und das beste, was ich seit tagen über günter grass gelesen habe.

ich bin entsetzt, dass gefühlte 98% aller leitartikler in der deutschen medienlandschaft bei günter grass antisemitismus hineininterpretieren wollen (oder müssen?).
auffällig ist die absolute dümmlichkeit dieser kommentatoren. dem gegenüber steht eine überragend hohe zustimmung der leserkommentare zu günter grass. so eine diskrepanz habe ich in den letzten jahrzehnten nicht erlebt.

bei ihnen hat man den eindruck, als hätten sie die letzten 30 jahre in deutschland gelebt.

danke!

Peleo 08.04.2012 | 11:47

Die Atombombe als Versicherung gegen Angriffe von außen - dieses Argument liest man auch in israelischen Zeitungen.

Immerhin wird Israel vom höchsten politischen Führer des Iran, Khamenei, als "Krebsgeschwür" bezeichnet. Diese werden bekanntlich durch Radikaloperationen bekämpft - oder mit einer "Strahlen-Therapie". Maulheldentum? Damit haben die Juden bekanntlich sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Erstaunlich auch, dass in dieser "klugen und treffenden Analyse" kein Wort darüber verloren wird über die gedankliche Schlamperei in Grassens Machwerk, einen Angriff auf iranische Atomanlagen gleichzusetzen mit einem atomaren Erstschlag, der das iranische Volk "vernichten" sollte. Nicht einmal die schlimmsten Hardliner in der israelischen Führung haben das auch nur in Erwägung gezogen.

Keine Frage, auch ein konventioneller begrenzter Angriff würde die hier in diesem Beitrag genannten schlimmen Folgen haben, und deshalb wird er auch von klarsichtigen Menschen - sogar in der Militärführung und dem Geheimdienst - in Israel verurteilt.

Wenn Grass dies geschrieben hätte, könnte man ihn - trotz der peinlich pseudo-lyrisch verschwurbelten Form seines Gedichts -ernst nehmen. So nicht.

So löst die unkritische, fast hymnische Zustimmung eines Jakob Augstein - und viele Kommentare in diesem Blog - bei mir die Erinnerung aus an den Sarazzin-Hype und damit - Angst.

Nil 08.04.2012 | 12:43

Ich bin sehr froh über Herrn Augsteins differenzierte Analyse und der daraus abgeleiteten Haltung. Das zeugt von einem Journalisten der in der Lage war, Zusammenhänge historisch und menschlich, von allen Seiten her betrachtete und das Problem aufrichtig erkannte. Schaulogik nennt man das oder gesunder und gerechter Menschenverstand. Ich hatte ehrlich gesagt Zweifel, ob Herr Augstein in der Lage sein würde, aus einer übergeordneten Perspektive heraus zu interpretieren und dann dem Druck der Egomanen, Kriegstreiber und Pseudointellektuellen zu widerstehen. Er hat mich und Andere eines besseren belehrt. Er hat die Verantwortung für sein Amt übernommen. Vielen Dank Herr Augstein. Mit Ihnen kann unsere Generation versuchen endlich Frieden zu initiieren, statt Stillstand und Krieg zu unterstützen. Die Erben des deutschen Idealismus sind rar gesät. Bitte bleiben Sie dran!

Ian Bellyn 08.04.2012 | 14:10

@Peleo

Um das einfach mal klarzustellen, Sie schreiben:

"Erstaunlich auch, dass in dieser 'klugen und treffenden Analyse' kein Wort darüber verloren wird über die gedankliche Schlamperei in Grassens Machwerk, einen Angriff auf iranische Atomanlagen gleichzusetzen mit einem atomaren Erstschlag, der das iranische Volk 'vernichten' sollte. Nicht einmal die schlimmsten Hardliner in der israelischen Führung haben das auch nur in Erwägung gezogen."

Soooo, und jetzt lesen wir das nochmal ganz genau worauf Sie sich da beziehen. Konzentration! und schön Wort für Wort!

"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das [...]
iranische Volk auslöschen könnte,
[...]"

Na dämmerts?
(Ja, ja, der Konjunktiv, der hat so seine Tücken, nicht?)

Nil 08.04.2012 | 19:15

Ich mache auf einige Links aufmerksam, welche von Boggern aus dem laufenden Community-Beitrag von Georg von Grote mit einem Kommentar gepostet hatten.

Kalin schrieb am 08.04.2012 um 16:08

Ich möchte nochmal auf Günter Grass zurückkommen und warum ich meine, dass es ihm ein wirkliches Bedürfnis gewesen sein könnte, die Wahrheit zu sagen.

Den Namen Mordechai Vanunu konnte ich hier nirgends lesen - oder habe ich ihn bei den vielen Beiträgen überlesen?

Der Völkerrechtler Prof. Norman Peach (siehe Link von "goch" hat für die AG Friedensforschung Kassel einen Artikel verfasst, in dem es um israelische Atomwaffen geht und das Schicksal von Vanunu. Günter Grass war derjenige, der sich für Vanunu bei der israelischen Regierung für Hafterleichterungen eingesetzt hat: Er verbrachte nach einem geheimen Verfahren 11,5 Jahre in Isolationshaft und weitere 6,5 Jahre im Gefängnis.

www.ag-friedensforschung.de/themen/Friedenspreise/vanunu.html

Ich kann leider kein Datum für den Artikel von Prof. Paech finden. Er muss wohl aus 2003 stammen. Vanunu wurde 2004 aus dem Gefängnis entlassen - allerdings mit vollkommen außergewöhnlichen Auflagen, die bei Verstoß hart geahndet werden: Er darf Israel nicht verlassen, er darf nicht mit ausl. Journalisten reden, er darf sich keiner ausländischen Botschaft nähern, er darf kein Internet und Handy benutzen ......

Im Dezember 2010 sollte ihm die Ossietzky-Medallie in Berlin überreicht werden. Er durfte nicht ausreisen. Es war wieder u.a. Günter Grass, der sich bei der israelischen Regierung (vergeblich) für die Ausreise für Vanunu eingesetzt hat.
Hier kann man in Kurzform die Nach-Haftzeit oder wie man es nennen soll nachlesen:
de.wikipedia.org/wiki/Mordechai_Vanunu

Ich meine, dass das mit ein Grund ist/war, warum Grass mit nun 84 Jahren dazu etwas sagen musste.

Nun hat Israel ein Einreiseverbot für Grass verhängt. Es wird absurd.

Warum schreibt keine Zeitung über Vanunu? Warum wird so abgelenkt? Warum richtet der Vorstandsvorsitzende des Springer Verlages, Michael Döpfner, höchstpersönlich das Wort an die 4 Millionen Bild-Leser und teilt ihnen mit, Grass relativiere die Schuld der Deutschen am Holocaust, indem er die Juden zu Tätern mache."
Warum geht es in den ganzen Diskussionen nicht um die israelischen Atomwaffen - von denen Grass sprach, sondern um Holocaust, die Schuld von Deutschen, um Deutschland überhaupt - so dass sich der Außenminister sogar zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt sieht?

goch schrieb am 08.04.2012 um 12:49

Auch hier nochmal einen Link zur Stellungnahme von
Prof. Moshe Zuckermann Noam Chomsky Domenico Losurdo Prof. Dr. Rolf Prof. Ekkehart Krippendorff
und Prof. Norman Paech zu Grass Gedicht:

www.hintergrund.de/201204062011/feuilleton/zeitfragen/was-auch-noch-gesagt-werden-muss.html

Käptn Kirk 08.04.2012 | 19:25

Ob Grass dies vor hatte, weiss nur er selbst. Da braucht er keine Appologeten.
Doch, es wird über Israel geschrieben, zu genüge, jedoch sind dies oftmals leider sehr uninformierte Quellen, welche sich einigen Tatsachen schlicht nicht bewusst sind!
Zum Beispiel
-dass israel den Nichtproliferationsvertrag nie ratifiziert hat, Iran hingegen schon.
-dass Israel nie mit der Vernichtung eines anderen souveränen Staates gedroht hat, Iran hingegen schon zum wiederholten Male.
-dass Israel sich schon in diversen Kriegen, in denen es um seine Auslöschung ging (Vernichtung einer Nation ist auch illegal!) um seine Existenz kämpfen musste.
-"besetzten Jordanland", gemeint das Gebiet welches bis 1948 auch von arabischer Seite "Judäa und Samaria" genannt wurde, auch bekannt unter "Westbank" oder "West-Jordanland" oder "Cis-Jordanien" ... Westbank von was eigentlich? "Cis-" implementiert auch ein "Trans-", und siehe da, 1948 gab es eine aggressive Politik eines Akteuresin diesem besagten Gebiet, welcher dieses Gebiet, oh Schreck, JUDENREIN machte! Ja, Jordanien hatte dieses Gebiet BESETZT und ethnisch gesäubert! Einige der heutigen Siedlungen stehen an den hisorisch jüdischen Orten, welche genau damals gesäubert wurden wie "Gilo" zum Beispiel, nur so zur Info, nicht zur Rechtfertigung irgendeiner Politik!
Aber wer bin ich, dass ich gebildeten Leuten Geschichtsunterricht geben muss:/

Nil 08.04.2012 | 20:09

@ KK

Wie kann das Falsche von Gestern den Menschen von heute helfen?
Eine mögliche logische Antwort auf diese Frage die zur Diskussion stehen würde, würde lauten:
Schadensbegrenzung, aber doch auf keinen Fall weiter wie bisher bis die Katastrophe endgültig perfekt ist.
Die Israelische Regierung, wenn sie denn Gebildeter sein soll als die Regierungen der Nachbarn, wie vielfach behauptet wird, steht in diesem Falle doch um so mehr in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Ja, sie müsste sogar, wenn sie so über alles erhaben sein will, auch Tatsächlich über alles erhaben sein und die Besatzung beenden.
Dann wird das garantiert die Nachbarn nicht ungerührt lassen.

petz 10.04.2012 | 03:54

Gott - welchem auch immer - sei Dank, dass nach der unsäglich eitlen Debatte in einem anderen Blog sich nun wieder Leute zu Wort melden, die über das eigentliche Thema nachdenken. (Die Technik, sich mit Hilfe ungenauer Zitate oder einfach blöder Unterstellungen die Bälle torgerecht vor den Fuß zu platzieren, ist einfach widerlich, von welcher Seite auch immer.)

Ein paar eher fragende Gedanken zum Thema:

- Das Existenzrecht eines Staatsgebildes aus einer früheren Besiedlung des entsprechenden Gebietes durch eine ethnisch abgegrenzt definierte Bevölkerung herzuleiten, dürfte wohl immer sehr problematisch sein (wo wären hierfür die historischen Bezugspunke zeitlich und ethnisch festzumachen?)
Aber: Das Existenzrecht eines Staates aus der derzeit bestehenden Situation im Hinblick auf die jetzt lebenden Generationen zu bekräftigen, ist schlicht eine Sache von Vernunft und Friedenswillen.

- Was hier kaum diskutiert wird: Ist nicht ein ganz wesentlicher Aspekt der Kriegsgefahr das wirtschaftliche Interesse verschiedenener Lobbys der Rüstungsindustrie, denen kein Risiko zu hoch erscheint, um den Steuerzahlern vieler Nationen das Geld für ihre Produkte aus der Tasche zu holen?

- Wäre nicht mit einem Bruchteil der Mittel, die in Rüstungsprojekte investiert werden, eine nachhaltige soziale Stabilisierung und wirschaftliche Zukunftsfähigkeit für die palestinensische Bevölkerung zu erzielen? Und läge darin, bei Mitwirkung einer vernunft- und friedensorientierten israelischen Regierung, nicht eine immerhin respektable Chance für eine dauerhaftere Existenzsicherung des jüdischen Staates?

- Um den fanatischen religiösen Eiferen den Zustrom an Sympathie aus der Bevölkerung abzuschneiden, könnte Hilfe zur Verbesserung der Lebensbedingungen durchaus wirksam sein. Vor allem aber wäre es nötig, weltweit die mediale Aufmerksamkeit auf die leiseren und vernünftigeren Stimmen auf beiden Seiten zu lenken; das Verwerten der jeweils idiotischsten Äußerungen der Scharfmacher ist allerdings erheblich verkaufsträchtiger. Zumindest die Öffentlich-Rechtlichen müssten hier andere Signale senden.

- Kritik, zumal jüdische Kritik, an einer u.a. die Existenz Israels tatsächlich bedrohenden israelischen Regierungspolitik als antisemitisch zu verunglimpfen, ist ebenso unsinnig, wie der Kritik an der iranischen Führung Beleidigung des iranisches Volkes zu unterstellen.

- Sicher hätte Grass seinem literarischen Ruf Besseres antun können, als ein recht wohldurchdachtes Statement mit Hilfe der Zeilenumbruch-Taste (oder war´s tatsächlich mit Tinte geschrieben?) ein mehr oder weniger lyrisches Ich beizumengen. Aber einen völkervernichtenden atomaren Angriffswillen hat er dem israelischen Regime definitiv nicht unterstellt (darauf hat ja Ian Bellyn weiter oben bereits hingewiesen). Dass mit seinem, nun ja, Prosagedicht eine Diskussion angestoßen wurde, die auch besonneneren Stimmen Gehör verschaffen könnte, ist durchaus zu begrüßen.

petz

Nil 11.04.2012 | 00:17

Ich poste hier noch einmal, was ich im Block von Grote geschrieben hatte.

Nil schrieb am 08.04.2012 um 11:17

@ Tamir

Ob o oder so. Sehen tun wir dass die verfahrene Situation so nicht noch weiter gegen die Wand gefahren werden sollte. Letzten Endes leiden doch alle auf diese weise. Es geht um Schadensbegrenzung. Dann sollen beide Atommacht sein oder Keiner. Das iranische Volk, kann dafür nichts, wie auch das israelische oder andere Völker. Im Grunde gibt es nur Männer und Frauen (als sich seiner Selbst bewusste Wesen), die entweder die Welt zum erbaulichen gestalten oder in den Abgrund führen, mit diesem Denken und Handeln, denn eigentlich gibt es nur eine Erde und Menschen und andere Lebewesen, und das rasante aussterben, die Dezimierung der Artenvielfalt Richtung Monokulturen. Die eigentliche Tragödie.
Das die Atomkraft durch ihre Radioaktive Strahlung die Klimaerwärmung beschleunigt und die grösste Bedrohung für das gesamte Leben auf diesem Planeten Erde ist, denn wo anders gibt es Leben in dieser Form nicht, soweit wir wissen, steht auf einem anderen Blatt. Und selbst wenn es noch eine zweite Erde gäbe? Muss man immer alles verwüsten?

Nil schrieb am 08.04.2012 um 15:28
@goch

Vielen Dank für den Link.

Erbaulich, dass es da auch, Gott sei Dank, noch Stimmen gibt, die sich der gewaltigen menschlichen Verdrängungskräfte bewusst sind und daran erinnern, dass in den letzten zwanzig Jahren nichts passiert ist als eine Verschlimmerung der Situation, wie wir alle sehen können, und Günter Grass wollte nicht mehr verdrängen.
Nun Frage ich mich: Wie kann es sein, dass es in der Medienbranche keine bewussten (noch kein Rückrat entwickelt) oder sagen wir mal, so viele unbewusste Menschen sitzen? Das ist doch alles mehr als Verantwortungslos. Die Politiker die solch eine Entwicklung unterbinden hätten können, sind ihrerseits zuhauf unbewusst und damit noch schlimmer Verantwortungslos.
Wie kommt es nur, dass fast alle Journalisten geistig so unterentwickelt sind und nichts als Egoverliebte Darbietungen uns zugemutet wird?
Bis auf einige wenige ausnahmen, aber damit nicht genug, uns wurde auch noch die Technik aufgezwungen, mit der diese Leute die geistig- und gefühlsmässig vernunftbegabten Denker, sogleich in die Luft sprengen. Sind das nicht auch Terroristen?
Sollte man da nicht einmal endlich anfangen die Kriterien des Journalismus zu hinterfragen und zu fordern, den Einstieg für journalistische Tätigkeiten zusätzlich um psychologische, philosophiesche, kósmologische und theologische Fächer zu ergänzen?
Im Zeitalter des gobalen Dorfes, wird es unter dieser Mindestanforderung wohl einfach nicht mehr funktionieren. Oder so ähnlich...