Kairo nach der Schlacht

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Am Montagabend ist die Zufahrt zum koptischen Krankenhaus am Ramsesplatz vor dem Bahnhof von der Polizei blockiert. Zwei Hundertschaften mit Schildern und Stöcken ausgerüstet kreisen um den Platz. Wir entscheiden umzukehren und fahren zurück nach Downtown. Auf der nächsten großen Straße sehe ich viele bepanzerte Wagen und noch weitere Hundertschaften. Schnell checke ich auf google-map den Straßennamen und rufe Naguib an: „Viel Polizei auf Ramses und Jomhurrya“, „ok, danke für die Info, aber die interessieren uns gerade nicht“.

Vor dem koptischen Hospital in der Nähe des Bahnhofs am Ramsesplatz haben sich bereits in der Nacht nach der „Schlacht von Maspiro“ am Samstag hunderte Menschen versammelt. Sie suchen nach verletzten Freunden und Familien. 25 Menschen verlieren in dieser Nacht ihr Leben, als Kairo nach einer großen koptischen Demonstration mit 50.000 Teilnehmern vielleicht die schwersten Ausschreitungen nach dem Sturz Mubaraks erlebt. In der Nacht noch wird die Menge vor dem Hospital zwei Mal von zivilen Schlägertruppen attackiert, etwa 200 sind es, nicht klar ob es radikale Islamisten sind oder von der Armee bezahlte Jugendbanden. Die Menge wehrt sich, und irgendwann schreitet die Armee ein und riegelt das Hospital ab.

In dieser Nacht hat das ägyptische Militär einen tiefen Keil in die Gesellschaft gehammert. Das Staatsfernsehen spricht die ganze Nacht von dem koptischen Angriff auf die Streitkräfte. Permanent laufen die Bilder wie die Demonstranten das Militär attackieren, randalieren oder Soldaten und Polizisten jagen. Dasselbe Bild ist auf Al-Jazeera-arabisch, während Al-Jazeera-englisch vor allem die Panzer zeigt, die mit 60 KmH auf die Menschenmenge zurasen.Im Fernsehen werden die Menschen aufgerufen die Streitkräfte auf den Straßen zu schützen. Dies war faktisch ein Aufruf zur Hetzjagd auf die Demonstranten und Christen, dem aber zuverlässigen Aktivisten zufolge nicht mehr als einige Hundert gefolgt sind, also fast nix in der Megacity von Kairo. Das Fernsehen meldet 2 tote Soldaten, und die Rede ist von unzähligen Verletzten. Am nächsten Tag muss die Armee zugeben, dass es keine Toten in ihren Reihen gab.

Die politischen Kräfte stimmen weitestgehend in das Chor der Armee ein. Dass die radikalislamischen Salafisten gegen die Christen hetzen werden, überrascht keinen. Die moderaten Muslimbrüder, die sich in den letzten Tagen immer stärker mit der Militärregierung, SCAF genannt (Supreme Court of Armed Forces), angelegt hatten, kritisieren die Kopten, weil sie in dieser instabilen Lage Demonstrationen durchführen. Die islamischen Kräfte sind alle zusammen die entschiedenen Gegner jeder politischen Straßenbewegung und Streikaktionen in den Fabriken, von denen jeden Tag mehrere gemeldet werden. Bisher hatten die Muslimbrüder jede Gewalt gegen Christen deutlich kritisiert, aber dieses Mal geht es gegen die Armee, und entsprechend ist auch ihre Positionierung loyal zu den Autoritäten. Der Premierminister Sharaf spricht von einer ausländischen Verschwörung, die das Land ins Chaos stürzen und eine Intervention in Ägypten provozieren wolle. Die Regierung ordnet eine Untersuchung der Ereignisse an, und Sharaf bringt sogar ein Antidiskriminierungsgesetz ins Gespräch.

Die Armee hatte auch versucht, die Autopsie von den Getöteten zu fälschen und die Zahl der Demonstranten der reduzieren. Aktivisten kommen aber mit eigenen Ärzten und Anwälten und behindern den Abtransport der getöteten Körper.Im Laufe des nächsten Tages sammeln sich immer mehr Leute vor dem Hospital, am Abend sind es gut 3000 Leute. Ihre Gesichter sind blass, und gezeichnet von den Spuren der Tränen. Naguib, Pahir, Akram, Mustafa, Heba, alle meine linken Mitstreiter sind hier, auch weil Mina Daniel unter den getöteten ist. Er war 22, ein linker Aktivist der sozialistischen Allianz und aktiv in der koptischen Maspiro-Jugend. Sie kannten ihn alle gut, und immer wenn sie mir von ihm erzählen, wird ihre Stimme schwer. Als ein bekannter Aktivist war er natürlich vorne, in der ersten Reihe, und erlag seinen Verletzungen.

Nach der Autopsie werden die Särge zu der nächsten koptischen Kathederale getragen, um zeremoniell begraben zu werden. Doch es ist kein Trauermarsch, wie sie mir später berichten, sondern die imposanteste politische Demonstration seit langer Zeit.

Die Parolen sind nur zum geringen Teil religiös, am lautesten sind säkulare Parolen und Sprüche gegen SCAF. Im Januar, kurz vor der Revolution, als nach dem Bombenanschlägen auf koptische Kirchen die Christen auf die Straßen gingen, dominierten religiöse, ethnische und antimuslimische Slogans. „Muslim, Massihi, i wahda“ (Muslime, Christen, sind eine Hand), die Parole der Revolution dominiert diese Demonstration und immer wieder „Nieder mit der SCAF“. Es ist nicht nur der arabische Frühling, der den religiösen Charakter auf diese Demonstration bricht, sondern auch eine relevante Beteiligung der linken Kräfte. „Wir von der Iittelaf (Sozialistische Allianz) waren mit mehr als 100 Leute vor dem Krankenhaus“ erzählte mir Akram, dessen Augen weit aufgehen, und er kurz seine analytische Sachlichkeit verliert als er von der Demonstration erzählt: „es war unglaublich“. Es ist fast Mitternacht, als sie in einem gemischt bewohntes Viertel losziehen, und die Demo wächst nach Zeitungsangaben auf sage und schreibe 20 bis 30.000 Menschen, als sie vor der Kathederale ankommt. „Ich sah auch viele Frauen unter Vollschleier am Rande der Demo und auf den Balkonen, die geweint haben“ erzählt Mustafa. Der religiöse Charakter ist in diesem Moment gebrochen, der Konflikt politisiert und auf die SCAF gerichtet. Es ist zu hoffen, dass dieses Signal von hier aus in die Gemeinden getragen wird.

pedram-shahyar.org

12.9.11

16:25 12.10.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

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Pedram Shahyar

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