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Tahrir erlebte am gestrigen Freitag eines der größten Demonstrationen seit Monaten. Es ist der 8. Tag, an dem hier in Folge demonstriert wird. Um Mittag ist der Platz schon sehr voll, und erst nach 22 Uhr ist die Dichte der Menschen auf dem Platz weniger geworden. Während auf der Pro-Armee Demonstration in Abassiya höchstens 10.000 Menschen sind, lässt sich hier am Tahrir der Teilnehmerzahl kaum schätzen, es sind aber deutlich über ein Hunderttausend, da auch die Seitenstraßen recht gut gefüllt sind. Die Zahl ist aber auch letztlich nicht so wichtig, die „Eine Millionen-Leute-Marsch“ ist dann erfolgreich, wenn der Platz voll wird, und Heute war es überfüllt. Auf dem Platz ist es so dicht, dass eine Überquerung über eine halbe Stunde dauert. Das ganze ist keine Demonstration, wie man es in Europa kennt. Es ist viel mehr die erneute Wiedergeburt des demokratischen Platzes, der Agora, in dem die Menge sich findet und artikuliert. An allen Ecken formieren sich Sprechchöre, Menschen tanzen, andere klatschen, die meisten laufen einfach um den Platz, diskutieren und treffen Freunde.

Es ist eine sehr bunte Mischung an Menschen, allen Alter, alle soziale Gruppen sind hier vertreten, aber insbesondere an den Checkpoints zu den Seitenstraßen, da wo die Kämpfe der letzten Tage liefen, sieht man viele sehr junge Leute, mit kaputte Schuhen und dreckigen T-Shirts. Sie bringen eine sehr viel höhere Militanz und Opferbereitschaft mit. Sie haben nichts zu verlieren, sind im Alltag in den Slums nichts wert, aber hier auf dem Tahrir sind sie Subjekte, die ihre Würde wiedergewinnen. Sie stellen die ersten Reihen bei den Kämpfen, und sie sind die ersten, die fallen. Akram erzählt mir von einem kleinen Jungen bei der Schlacht in der Muhamad-Mahmood-Straße. Der Junge, der keine richtige Schuhe hat sei zu Ihnen gekommen, die sichtbar gebildete Leute sind, und zu Ihnen gesagt „geht ihr zurück auf dem Platz, wir fechten das hier aus, ihr musst später das Land aufbauen“. Mit ihnen ist der Platz unräumbar geworden und wieder als ein Faktor in die ägyptische Politik zurückgekehrt.

Die Zeltstadt in der Mitte des Platzes ist inzwischen auf den umliegenden Rasen ausgeweitet. Alles richtet sich gegen die Armee, für die echte Freiheit und Würde, in Ehrung der Gefallenen. Politische Gruppen und Netzwerke haben Zelte als Treffpunkte, aber anders als sonst bei den Freitagsdemonstrationen gibt es keine Bühnen von Parteien. „Es gibt eine deutliche Stimmung gegen politische Parteien“ erzählt mir Akram. Die Menge betont ihre Einheit, Unabhängigkeit und die Individualität und der Einzelnen. Es herrscht eine ausgelassene, aber sehr ernsthafte Stimmung. Alle Eingänge werden von Ordnern kontrolliert, und auf dem Platz findet man alles, was man für einen langen Demonstrationstag braucht. Doch anders als in der Vornacht werden kaum noch Gasmasken angeboten, die Waffenruhe scheint stabil zu sein, Die Zufahrtstrassen zum Innenministerium, die in den letzten Tagen Schauplatz von heftigsten Straßenkämpfen waren, sind von beiden Seiten blockiert: die Armee hat Barrikaden mit Stacheldraht aufgezogen und die Ordner blockieren vom Platz aus die Zugänge zum Muhamad-Mahmood-Straße. Es herrscht ein Patt zwischen den Besetzern und dem Militär,. Die SCAF (Armeeführung) weiß, dass bei jeglicher weitere Eskalation der Beginn der Wahlen am Montag unmöglich wird. Die Bewegung fühlt sich sehr stark, aber nicht stark genug und die Armee direkt abzusetzen.

Die großen politischen Kräfte sind über die Besetzung gespalten. Die konservativen Kräfte, allen voran die Muslembrüder haben sich geweigert, zu der Demonstration aufzurufen. Sie wollen die Wahl, die sie gewinnen werden, und sollte die Armee jetzt abtreten, entsteht ein gefährliches Machtvakuum, so ihre Argumentation. Doch viele jüngere Aktivisten der Muslembrüder sind hier auf dem Platz, der aber vollkommen von säkularen politischen Parolen dominiert ist. Die Idee, die unter den Aktivisten heiß diskutiert wird, ist die öffentliche Ausrufung eines Gegenkabinetts, eine Art „Premierminister des Platzes“. Der Name von Al Baradi fällt oft, und Abdol Foutuh, ein liberaler Islamist.Al Baradai war am Freitag am Platz beim großen Morgengebet dabei, sagte aber die Pressekonferenz für den Abend ab. Die SCAF schlug gestern Ganzouri als neuen Premierminister ab, einen 78 jährigen, der unter Mubarak schon Premier war. „Er ist eine Mumie“ meint der linke Journalist Mustafa, „die Hälfte seiner damaligen Minister sind nach der Revolution angeklagt und im Gefängnis“. Die Bewegung hat institutionell noch nichts gewonnen, uns so kommt es zu weiteren zivilen Ungehorsam: am Nachmittag wird auch der Zugang zum Büro des Premiers blockiert und dort eine dauerhafte Sit-In eingerichtet, damit er seine Arbeit nicht aufnehmen kann. Hier gibt es Heute morgen einen Übergriff der Polizei, wo ein Demonstrant von einem Fahrzeug überfahren wird, allerdings beruhigt sich die Lage wieder schnell.

Die große Frage, wie es hier weiter gehen soll, kann niemand so recht beantworten. Dafür sind auch alle viel zu überrascht von dieser Wucht der Bewegung, niemand hat so recht eine Erklärung für diese Dimensionen des Protestes. Die Bewegung war noch vor 3 Wochen sehr isoliert und erschien schwach, aber abgekoppelt von den politischen Kräften hat sich in den letzten Monaten eine neue Wut gebildet, die nun sich hier entlädt.

pedram-shahyar.org

Twitter: Pedam73

13:02 26.11.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

Blog aus den Metropolen des globalen Aufstandes
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Pedram Shahyar

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