Schock und Erleichterung in Kairo

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eigentlich ist alles an diesem Freitag auf dem Tahrir-Platz wie auch an den sonstigen Tagen. Dutzende Menschen sind auf dem Platz versammelt und diskutieren miteinander, es wird Tee, Säfte oder Essen serviert, überall auf kleinen Ständen bieten Vekäufer Flaggen, T-Shirts und sonstigen Revolutionssymbole an.

Aber es sollte kein Tag wie jeder andere sein. Freitags sind der Tag der Mobilisierungen von revolutionären Kräften. In der Woche zuvor waren Tausende Menschen hier, ein Duzend Bühnen, wo verschiedene politische Kräfte Reden hielten und mehrere Demonstrationszüge, die den Platz umrundeten und zu verschiedenen Orten zogen. Dies ist der erste Freitag nach dem Massaker in Maspero, wo nach einer koptischen Demonstration mindestens 25 Menschen ihr Leben verloren, doch der Tahrir ist quasi leer.

Keine der relevanten Organisationen und Jugendbewegungen für den heutigen Tag zu einer Demonstration aufgerufen. Es hat sich eine spontane Demonstration von etwa ein Tausend Menschen vor der koptischen Kathederale versammelt, wo die Begräbniszeremonien stattfanden und nimmt von Dort an einen langem Marsch Richtung Tahrir an. Vor dem Al Azhar Mosche, das legendäre Zentrum der sunnitischen Gelehrten, versammeln sich einige Hundert Menschen, um zu einer nahstehende Kathederale zu ziehen, um die nationale Einheit und den Frieden zwischen den Religionen zu beschwören.

„Die Leute sind Müde“, das ist die erste Antwort, die man als Erklärung von den Aktivisten hört. Die Frist für das Einreichen der Wahllisten läuft in einigen Tagen ab, und es geht drunter und drüber. Jeder Tag brechen Wahlkoalitionen zusammen und neue werden gebildet. Das zerrt an den Nerven von Teilen der Bewegungen. Der Schock von Maspero und den getöteten ist allen Aktivisten noch anzumerken. Viele erzählen, dass sie seit eine Woche nicht mehr gut oder gar nicht mehr geschlafen haben. Und man merkt insbesondere den Jugendbewegungen die Erschöpfung von dem permanenten Ausnahmezustand. Die Repression steckt Ihnen in den in den Knochen. Jede größere Demo scheint im Moment attackiert zu werden und eine Eskalation ist vorprogrammiert. So wurde auch die Demo vor der Al Azhar Mosche zweimal von unbekannten Mob attackiert, bevor sie sich wieder sammeln und losmarschieren konnte.

Der aktivistische Kern der Bewegung ist der Repression eigentlich nur einen Monat lang entkommen. Die Straßen waren komplett unter ihre Kontrolle nach dem Sieg gegen Mubaraks Polizeistaat Anfang Februar. Am 9. März begann der erste Angriff der Armee, als die Besetzung von Tahrir beendet wurde. Nach dem Sieg der Armee und den konservativen Kräften beim Verfassungsreferendum Ende März nahm der Druck weiter zu. Streiks wurden verboten, am Freitag den 9. April attackierten Eliteeinheiten der Armee den Tahrirplatz und zum ersten Mal in ihrer Geschichte schossen sie auf die eigene Bevölkerung. Seit dem gab es immer wieder Phasen der Beruhigung, und dann wieder Demonstrationen die eskalierten. Tausende wurden festgenommen, viele Aktivisten schon mehrmals, und dabei ist Folter eher die Regel als die Ausnahme. Dabei lässt sich eine deutliche soziale Auslese in der Repression feststellen. Bekannte Bloger, Leute mit guten modernen Kleidern werden selten festgenommen. Es sind fast immer die jungen Slumbewohner oder Straßenkinder, erkennbar an Kleider, Schuhe und Zähne, die am heftigsten verprügelt werden und in den Knast wandern.

Das besondere ist auch die völlige Unübersichtlichkeit der Repressionsorgane. Die Armee geht selten direkt gegen die Demonstranten und Aktivisten vor. Es sind meist zivile Mobs, die aber oft bewaffnet und gut ausgerüstet sind. Es sind ehemalige Nutznießer des Polizeistaats unter Mubarak, die oft halbautonom aber auch koordiniert mit ihren Vertrauten in der Armee und Verwaltung agieren. Und sie finanzieren auch Jugendbanden, die für ein paar Euro auf Demos gehetzt werden.

Die offizielle Polizei war geschlagen und bis zum Sommer kaum in den Straßen zu sehen. Mehr und mehr kehren aber die Spezialeinheiten bei den Demonstrationen und zum Schutz von zentralen Gebäuden zurück. Auffällig in dieser Woche war, dass die Checkpoints während der Ausgangssperre in Kairo oft von der Polizei und nicht wie früher vorallem durch das Militär durchgeführt wurden.

Doch die Ermüdung der Aktivisten ist nur die eine Seite der Erklärung für das Ausbleiben einer Reaktion an diesem Freitag. Es gibt auch eine deutliche Erleichterung, denn das was die Hetzer in den staatlichen Fernsehen und Zeitungen wollten, ist nicht eingetroffen. Alle sind erleichtert, darin bestätigt zu sein, dass die Ägypter zu gut und zu smart sind, um eine religiösen Krieg gegeneinander zu beginnen. Sicher, viele waren beeindruckt von der staatlichen Propaganda über die „gewalttätigen“ Kopten, und sauer auf die „Krawallmacher“, aber die allermeisten Ägypter lehnen dezidiert und aktiv eine Eskalation zwischen Muslims und Christen ab. Dafür ist die Gesellschaft auch von der Sozialstruktur einfach zu vermischt. Dazu wurden im revolutionären Elan seit dem Januar die beiden Gruppen stärker denn je vereint. Aber auch im konservativen Diskurs für die Beendigung der revolutionären Aktion und Dynamik, stehen die Stärkung der Nation und die gemeinsame Identität als Ägypter im Vordergrund. So nahmen inzwischen auch große islamischen Parteien die Christen aus der Schusslinie, allen voran die Muslimbrüder, deren Chef vor 3 Tagen Mubaraks Partei für die Eskalation verantwortlich machte.

Es deutet auch in der Tat alles darauf hin, dass ein Großteil dieses Anstacheln zur Gewalt auf Teile der alten Eliten zurückgeht, die viel verloren oder noch zu verlieren haben. Immer wieder schaffen sie es, dass wieder Blut fließt, und viel Trauer und schlaflose Nächte für alle Freunden und Mitstreiter, aber erfolgreich ist ihr Handeln und Strategie nicht, bisher zumindest nicht.

15:58 16.10.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

Blog aus den Metropolen des globalen Aufstandes
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