Waffenruhe am Tahrir

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Um halb 4 in der Nacht ist der Tahrir-Platz mächtig gefüllt, und die Wenigsten schlafen. Von den massiven Kämpfen der letzten Tage ist hier kaum was zu spüren. Einige haben Masken um den Hals, vereinzelt sieht man noch frische Bandagen von Verletzungen. An allen Eingängen zum Platz wird man kontrolliert, Taschen werden nach Waffen durchsucht und Ausweise werden gecheckt. „Bitte nicht böse sein, das machen wir zu eure Sicherheit“, „ja, wissen wir, Danke Dir“, Händeschütteln. Bis gestern Nacht tobten noch die Kämpfe, immer wieder, und vorallem Tränengas. Dieses Gas war kein normales Tränengas, das wir aus Demonstrationen kennen. Es heißt CR-Gas, US-amerikanische Produktion, und greift sehr stark das Nervensystem an. Menschen sind Reihenweise kollabiert, Einzelne sind wohl auch daran gestorben, weil sie erstickt sind. „Leute sind einfach umgefallen, und zuckten im ganzen Körper“ erzählt eine Freundin. Andere Freunde berichten von Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Wir haben es hier mit einer Art chemische Kriegsführung bei der Aufstandsbekämpfung zu tun.

Doch das alles hat nicht gereicht. Die Menge hat den Tahrir gesichert, und seit Heute gibt es eine Art Waffenrufe. Die Straße zum Innenministerium wird von der Armee bewacht, die anderen Seitenstraßen von den Demonstranten. Es sind tausende, vielleicht Zehntausend, die permanent auf dem Tahrir campieren. Ein Tag Waffenruhe hat gereicht, dass nun hier alles sehr aufgeräumt ist, Duzende Zelte sind aufgebaut worden, und alles ist gut beleuchtet, nach dem die Polizei Mehrmals das Zeltlager mitten auf dem Platz zerstört hatte. Die Bewegung zeigt eine Routine, eine ausgewiesene Expertise in Besetzung, Verteidigung und Aufräumarbeiten. Die Logistik ist beeindruckend: überall gibt es Getränke und Essensstände, Zigaretten, Süßigkeiten, Helme und Gasmasken und Tücher auch reichlich im Angebot. Auf dem Platz aber auch in einzelne Seitenstraßen gibt es kleine Straßenlazarette, mit Medikamenten und erste Hilfe Ausrüstung.Während im inneren des Camps die meisten schlafen, gibt es am Rande des Platzes große Diskussionsgruppen. Man trifft auch Künstlergruppen, die mit bemalten Gesichtern zusammen singen oder tanzen.

Keiner weiß, wie es weiter gehen wird. Diese Leute werden hier nicht einfach gehen. Die Armeeführung hat sich zwar für die Gewalt entschuldigt, aber keine Konzessionen gemacht, die hier irgendeinen befriedigen würden. Der neue Kandidat für den Premierminister ist auch aus dem Establishment. „Wir haben den Platz, wir haben eine so starke Karte in der Hand, sie müssen schon mehr geben“, sagt Mustafa lächelnd. Das alles, 3 Tage bevor die Wahlen beginne sollen. Heute hab es zum ersten Mal ernsthafte Stimmen für eine Verschiebung der Wahlen.

Es ist zwar Waffenruhe, aber beruhigt hat sich hier noch gar nichts. Für den heutigen Freitag haben wieder alle politischen Kräfte zum Marsch auf Tahrir aufgerufen, sogar die Muslembrüder, die noch Dienstag erklärt hatten, sie werden zu keine Demonstration mehr aufrufen. Es wird sehr groß werden, und wieder eine lange Nacht.


Pedram-shahyar.rg

Twitter: Pedam73

12:44 25.11.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

Blog aus den Metropolen des globalen Aufstandes
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Pedram Shahyar

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rahab | Community
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asteuerknecht | Community