„Das ist eine politische Frage“

Interview Charlotte Bartels hat analysiert, warum die Ungleichheit in Deutschland wächst und die Wohlhabenden immer reicher werden
„Das ist eine politische Frage“
„Mit Einkommen aus Kapital wächst die Ungleichheit“

Foto: Max Zerrahn für der Freitag

Wenige Fragen sind so zentral für die politische Debatte wie jene, ob in unserer Gesellschaft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Thomas Piketty hat mit seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert nachzuweisen versucht, dass, wenn Kapitaleinkommen schneller wächst als Lohneinkommen, wie das auch derzeit der Fall ist, die Ungleichheit notwendigerweise steigt. Eine Gruppe von Ökonominnen und Ökonomen rund um Piketty hat nun auf breiterer Datenbasis nachgelegt: Das Ergebnis ist der „Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018“, dessen Deutschland-Abschnitt Charlotte Bartels verfasst hat.

der Freitag: Frau Bartels, was sind denn die wichtigsten Ergebnisse des „Berichts zur weltweiten Ungleichheit“?

Charlotte Bartels: Der Bericht zeigt, dass die Einkommensungleichheit in den letzten Jahrzehnten in fast allen Ländern zugenommen hat. Und das, obwohl die Ungleichheit zwischen den Ländern sich verringert hat, etwa durch die rasante Entwicklung Südostasiens und vor allem Chinas. Trotzdem hat die Ungleichheit global zugenommen, weil innerhalb der allermeisten Länder die Verteilung der Einkommen ungleicher geworden ist. Ungleichheit wird in dem Bericht daran gemessen, welchen Anteil Verdiener unterer, mittlerer und hoher Einkommen am gesamten Markteinkommen haben.

Zur Person

Charlotte Bartels, 33, hat an der Freien Universität in Berlin mit Versicherung und Anreize im deutschen Wohlfahrtsstaat promoviert. Seit 2015 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Für ihre Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland hat sie unzählige Daten zu Steuerzahlern und deren Einkommen ausgewertet, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von den Statistischen Ämtern der Länder publiziert wurden

Sie sagen „in fast allen Ländern“ habe die Ungleichheit zugenommen: Was wären denn die Ausnahmen von der Regel?

Einige Länder Afrikas, der Mittlere Osten und Brasilien haben so hohe Ungleichheitsniveaus, dass die Ungleichheit kaum weiter steigen kann. Die oberen zehn Prozent erwirtschaften dort mehr als 50 Prozent des Volkseinkommens. Dann gibt es einige Länder in Europa, wo der Trend nicht so klar ist, zum Beispiel Frankreich.

Was sind die wichtigsten Faktoren, die zu dieser steigenden Ungleichheit führen?

Die Literatur zu den Gründen und Konsequenzen von Ungleichheit ist sich bis jetzt keinesfalls einig. Es gibt aber einen Konsens unter den meisten Ungleichheitsforschern, dass die Rolle von Kapitaleinkommen, also Unternehmensgewinnen und Vermögenseinkommen, gegenüber Lohneinkommen in der Gesamtwirtschaft eine zentrale Rolle spielt. Die Art, wie der Kuchen zwischen den Kapitaleignern und denen, die Arbeitsleistungen erbringen, um ihren Lohn zu erwirtschaften, verteilt wird, scheint zentral dafür zu sein, wie viel Ungleichheit zwischen Spitzenverdienern und unteren Einkommensgruppen wir beobachten können. Wenn das Einkommen aus Kapital relativ zu jenem aus Arbeit steigt, was wir in vielen Ländern der Welt und auch in Deutschland seit den 1970ern sehen, heißt das, dass auch die Einkommenskonzentration am oberen Rand überproportional steigt.

Aus dem Ungleichheitsbericht lässt sich auch ein relativ klares Urteil zu den Folgen der Globalisierung für die Ungleichheit herauslesen, nicht wahr?

Ja, das oberste eine Prozent der Einkommensbezieher weltweit hat seit 1980 doppelt so stark vom weltweiten Einkommenszuwachs profitiert wie die ärmeren 50 Prozent der Weltbevölkerung. Dabei haben die unteren 50 Prozent ebenfalls ein deutliches Wachstum verzeichnet. Wer aber abgestiegen ist, das ist die globale Mittelschicht, zu der auch die unteren 90 Prozent der Einkommensbezieher in der EU und den USA zählen.

Der Bericht betont, dass diese Entwicklung nicht naturwüchsig ist, sondern Folge von politischen Entscheidungen.

Ein zentraler Faktor ist die starke Privatisierung in allen Teilen der Welt, in reichen Industrieländern genauso wie in Schwellenländern. Sie führt zwangsläufig dazu, dass Kapital in weniger Händen konzentriert ist: Erstens, weil privates Vermögen meist in den Händen weniger ist, und wenn mehr öffentliches Kapital privatisiert wird, dann erhöht sich dadurch die Vermögenskonzentration; und zweitens, weil viele Staaten sich durch Privatisierung und Steuersenkungen um ihren eigenen Handlungsspielraum gebracht haben, in wirtschaftliche Prozesse einzugreifen.

Wenn man die Entwicklung der Einkommen in den USA und Europa seit 1980 vergleicht, dann zeigt sich eine krasse Diskrepanz: Das oberste eine Prozent, das 1980 sowohl in den USA als auch in Europa zehn Prozent der Einkommen bezog, kommt heute in Europa auf zwölf, in den USA aber auf 20 Prozent des Volkseinkommens. Was sagen Sie zu dem Argument, dass die stärkere Zunahme der Ungleichheit in den USA mit einem höheren Wachstum einhergegangen ist, während sich Europa mehr Gleichheit mit niedrigeren Wachstumsraten erkauft hat?

Da kommen wir an den Punkt, wo es darum geht, wie man bestimmte Entwicklungen normativ bewertet. Welches Niveau von Einkommensungleichheit angemessen ist, ist schließlich eine politische Frage. Genauso, wie Wachstum in einer Gesellschaft verteilt werden sollte. Wenn Wohlstandsgewinne sich auf einen kleinen Bevölkerungsteil konzentrieren, besteht die Gefahr, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt erodiert. Das kann sich dann etwa in einem Rückgang der Wahlbeteiligung der unteren Schichten zeigen, wie es in Deutschland der Fall ist.

Wenn wir nun die Entwicklung in Deutschland betrachten, dann zeigt sich ein Auf und Ab in puncto Ungleichheit über die letzten 150 Jahre. Aber eines wird ziemlich klar: Die Ungleichheit hat seit der Wiedervereinigung wieder deutlich zugenommen.

Ja. Nun beziehen sich meine Daten auf Einkommensdaten vor Steuern und ohne Transferleistungen, weil wir zu verfügbaren Einkommen für die Spitze der Einkommensverteilung und über so lange Zeiträume einfach nicht das Datenmaterial haben. Allerdings gibt es genug andere Studien auf Basis von Befragungsdaten wie denen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), die zeigen, dass die Ungleichheit auch in Bezug auf die verfügbaren Einkommen, also auch wenn man Transferleistungen einbezieht, vor allem nach der Wiedervereinigung zugenommen hat. Dazu kommt, dass die Steuerreformen der letzten zwei Jahrzehnte Spitzenverdiener und Einkommen aus Kapital überproportional entlastet haben.

In der Studie ist viel von dem obersten Prozent die Rede. Wer gehört denn zu diesem „einen Prozent“ in Deutschland?

Das oberste Prozent bezieht sein Einkommen vorrangig aus Unternehmensbesitz, während die unteren 99 Prozent primär auf Lohnarbeit angewiesen sind.

Wären das in Deutschland also typischerweise Leute, die Einkommen aus Familienunternehmen beziehen, die sie geerbt haben? Wie verändert sich denn diese Gruppe über die Zeit?

Eine quantitative Analyse dazu gibt es noch nicht, das heißt, ich kann nicht genau festmachen, wie viele Individuen am oberen Rand durch Erbschaft derart hohe Einkommen erzielen. Was ich aber spannend finde, ist, dass viele der Namen, die sich heute in der Liste der 1.001 reichsten Deutschen im Manager Magazin finden, auch schon 1913 in den Reichenlisten waren und offensichtlich über zwei Weltkriege hinweg dort verblieben sind. Ich glaube, man überschätzt tendenziell die Variation am oberen Rand. Was auch damit zu tun hat, dass die Vererbung von Familienunternehmen in Deutschland im Gegensatz zu anderen Vermögensarten zumindest ab 1945 viel geringer besteuert wird und dass Firmen weder von der Hyperinflation noch der Währungsreform 1948 so betroffen waren wie die Ersparnisse der Mittelschicht.

Ab wann gehört man in Deutschland zum obersten Prozent?

Ab ungefähr 200.000 Euro Bruttoeinkommen. Im Jahr 2013 war man mit 64.000 Euro schon unter den obersten zehn Prozent der Einkommen.

Und die unteren 50 Prozent?

Die Grenze lag 2013 bei 15.000 Euro brutto. Das heißt, die Hälfte der Steuerpflichtigen verdient weniger als 15.000 Euro, wobei man beachten muss, dass darin auch Arbeitslose mit Nulleinkommen vor Steuern und Transfers enthalten sind und Renten nur mit dem steuerpflichtigen Teil eingehen.

Wenn das oberste Prozent Familienunternehmer sind, dann könnte man sie doch auch höher besteuern, da man annehmen kann, dass sie nicht einfach ins Ausland ausweichen können.

Das ist oft die Frage: Wenn wir nun die Steuern erhöhen, würden die Reichen denn dann einfach woandershin ziehen? Es gibt mehrere wissenschaftliche Studien, die das untersucht haben und eigentlich keinen Beleg dafür erbracht haben, dass das tatsächlich so ist.

Was wären denn politische Instrumente, um die Einkommensungleichheit zu verringern?

Zunächst stellt sich die Frage, ob man Ursachen oder Symptome bekämpfen möchte. Zwar kann eine Erhöhung von direkten Steuern kurzfristig die Einkommensungleichheit reduzieren, aber damit werden nicht die Ursachen hierfür verändert. In diesem Zusammenhang halte ich als Wissenschaftlerin unter anderem eine stärkere Beteiligung der Arbeitnehmer an den Unternehmensgewinnen für sinnvoll.

Sie weisen in Ihrer Studie auf einen zentralen Punkt hin: Anstatt zu fordern, der Staat solle Ungleichheit durch Umverteilung wieder ausgleichen, sollte man diskutieren, wie die zunehmende Ungleichheit der Einkommen selbst verhindert werden kann.

Man muss sich fragen, ob man es für wünschenswert hält, dass die Markteinkommen zunehmend ungleicher werden und damit eine zusätzliche Notwendigkeit für den Staat besteht, mit seinem Steuer- und Transfersystem korrigierend entgegenzuwirken. Oder wäre es nicht besser, wenn der Markt die Einkommen schon so verteilt, dass der Staat nur noch marginal korrigieren und in Form von Transferleistungen eingreifen muss? Wenn Kapitaleinkommen gesamtwirtschaftlich immer bedeutender werden, nimmt meist auch die Ungleichheit der Einkommen zu.

06:00 29.01.2018

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