Der italienische Fischmob

Porträt Mattia Santori ist das so durchschnittliche wie sympathische Gesicht der Sardinen-Bewegung gegen Salvini
Pepe Egger | Ausgabe 50/2019

Die Sardine ist ein schlanker, lang gestreckter Schwarmfisch aus der Familie der Heringe. Sie lebt in offenen Wasserregionen in Küstennähe, ihre natürlichen Feinde sind Delfine, Wale und Haie. In diesem Herbst 2019 ist nun die Sardine zum Angriff übergegangen: Unter ihrem Banner entsteht in Italien eine Bewegung gegen den Rechtspopulismus, die allein dem rechtsextremen Lega-Chef Matteo Salvini gefährlich werden könnte.

Zum ersten Mal aufgetaucht ist die „Bewegung der Sardinen“ Mitte November in Bologna, dem einst linken Herzen Italiens in der Region Emilia Romagna: Der Ex-Innenminister und derzeitige Oppositionschef Salvini wollte hier Wahlkampf machen, in einer Sporthalle, der Paladozza, er hatte ja schon Ende Oktober mit Umbrien eine andere ehemals linke Region für das von ihm geführte Rechtsbündnis erobert. Würde er auch in Bologna seinen aufhaltsamen Aufstieg fortsetzen können?

Die Parteien der Linken haben Salvini derzeit nicht viel entgegenzusetzen: Sie sind – obwohl zersplittert und gespalten – in Gestalt von Partito Democratico, Liberi e Uguali und Matteo Renzis Abspaltung Italia Viva mit dem Movimento 5 Stelle zwar an der Regierung, aber eher aus Angst vor einem Sieg Salvinis bei Neuwahlen. Es ist also kein Zufall, dass es vier Freunde waren, die Salvini die Stirn boten, vier Niemande ohne Partei im Rücken. Giulia, Andrea, Roberto und Mattia, echte Freunde im echten Leben, nicht bloß auf Facebook, auch wenn sie dort ihren ersten Aufruf veröffentlichten, der sinngemäß lautete: Salvinis Paladozza hat 5.570 Plätze, die er am 14. November wohl füllen wird. Lasst uns also mindestens einer mehr sein, auf der Piazza Maggiore, ein Flashmob, 6.000 Normalbürger, dicht aneinander gedrängt wie 6.000 Sardinen. Es ging bloß um ein Zeichen, dass Salvini nicht die Lufthoheit über das rote Bologna hat, die schweigende Mehrheit nicht hinter ihm steht.

Am Ende kamen mehr als 10.000 und brachten selbst gebastelte Papp-Sardinen mit. Sie sagten, sie wären still wie ein Fisch, dann sang der ganze Platz gemeinsam das Partisanenlied Bella Ciao, in der Emilia Romagna ein Volkslied. Es war die reine Selbstbehauptung eines linken Bewusstseins am Nullpunkt: keine Inhalte, keine Festlegungen, außer der, dass Salvini nicht für einen spreche. Dass der Zeitpunkt gekommen sei, um auf die Straße zu gehen, zusammenzustehen, für eine andere Art der Politik. Seitdem verbreiten sich die Sardinen tatsächlich wie umherwandernde Schwarmfische: Jeder Auftritt Salvinis wird von einer Kundgebung in ihrem Zeichen übertrumpft, immer öfter und immer zahlreicher. Es ist, als hätten die Leute – oder besser: ein ganzes Milieu – nur darauf gewartet, sich die „Piazze“ wieder anzueignen, mit ihren dicht gedrängten Körpern, sich wieder zu zeigen und sich zu treffen. Die lange währende Lethargie der Linken wieder zu überwinden.

Seit dem ersten Fischmob begleitet die Sardinen die Frage, wer hinter ihnen steht: Wer sind die vier Freunde, die sich das alles ausgedacht haben? Ob Absicht oder Zufall, jedenfalls ist es unmöglich, dabei nicht an einen Sommerhit aus dem Jahre 1991 zu denken: Eravamo quattro amici al bar sang damals der schnauzbärtige „Cantautore“ Gino Paoli, „vier Freunde waren wir, saßen in der Kneipe und wollten die Welt verändern“. So ähnlich muss man sich die Geburt der Sardinen vorstellen, als Kneipenspinnerei des guten Willens, als Gegengewicht zu den „discorsi da bar“, den Stammtischparolen Salvinis.

Von den vier Freunden hat sich bis jetzt nur einer der Öffentlichkeit ausgesetzt: Mattia Santori, der zum Gesicht und Sprecher der Bewegung geworden ist. Santori, geboren und aufgewachsen in Bologna, ist ein prototypischer „ragazzo“, Anfang 30, ebenso durchschnittlich wie sympathisch, mit studentischem Wuschelkopf und Wollpulli. Er engagiert sich für Umweltschutz, arbeitet als Energieberater und Sportlehrer, kurvt auf seinem Moped durch Bologna. Seine Mutter sei Krankenschwester, heißt es, sein Vater Beamter, sein Facebook-Profil füllte er bis zum 14. November mit Schnappschüssen von Familie, Freundin und Sommerurlaub am Meer.

Santori und seine drei Freunde verstehen Politik eher als Ehrenamt denn als linken Aktivismus, sich selbst nicht als Avantgarde, sondern bloß als Impulsgeber. Bis jetzt gibt es nur drei Gebote, die ex negativo das Programm der Sardinen bestimmen: Keine Fahnen, keine Beleidigungen, keine Gewalt. Im Kern also: Eine Zivilisierung des italienischen politischen Diskurses. Der ist in den vergangenen Jahren immer drastischer geworden. Bis in die 1990er dominierte das „politichese“, das Politiker-Italienisch der Christdemokraten und Sozialisten, voll von Worthülsen und Phrasen. Dann kam Berlusconi, der vorgab, die Sprache der Leute zu sprechen, aber sie dann doch nur mit den Werbesprüchen des Privatfernseh-Mannes, der er war, simulierte. Dagegen erfanden Lega und Fünf-Sterne-Bewegung eine Sprache des Polterns und Pöbelns, bei der jede Verletzung der Diskursregeln zusätzliche Energie erzeugt und die vulgär, also authentisch war. Man denke an den „Vaffa-Day“, mit dem die Fünf Sterne groß geworden sind: den „Fickt-euch-Tag“.

Das Besondere – zynisch gesprochen: das Beschränkte – der Bewegung der Sardinen ist, dass sie an die Stelle der „Anti-Politik“ von Lega und Fünf Sterne wieder „Politik“ setzen wollen. Bis jetzt allerdings nur als reine Form, ohne Inhalte. Wie lange kann das gut gehen? Auf die Frage nach ihrem Programm antworten die Sardinen bis jetzt stets: Fragt uns am 14. Dezember, nach unserer größten Kundgebung, an diesem Wochenende, in Rom.

In Bologna und in der Emilia Romagna wird übrigens erst am 26. Januar gewählt.

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