Der neue Kalte Krieg im Labor

Corona Die Suche nach einem Impfstoff führt zu medizinischem Wettrüsten und Pharma-Nationalismus. Dabei ginge es auch anders
Der neue Kalte Krieg im Labor

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Wer Chen Wei kenne, so die staatliche chinesische Tageszeitung Global Times, der wisse: „Sie ist schnell. Chen läuft schnell, spricht schnell, und arbeitet mit hohem Tempo. Derzeit ist sie damit befasst, die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 in China zu beschleunigen“. Die rasende Chen Wei, 54, ist Epidemiologin und Virologin, in chinesischen Medien wird sie wahlweise in weißem Laborkittel oder ihrer Uniform als Generalmajorin der Volksbefreiungsarmee gezeigt. Chen ist das Gesicht des chinesischen Covid-19-Impfstoffprogramms, für das vor allem eines zählt: Geschwindigkeit. Ermöglichen soll das eine Kooperation zwischen privaten Pharmafirmen, staatlichen Behörden und dem chinesischen Militär.

In den USA verfolgt die von US-Präsident Donald Trump lancierte „Operation Warp Speed“ dasselbe Ziel: In gemeinsamer Anstrengung von mehreren Bundesbehörden, privaten Unternehmen und dem US-Militär soll mit maximaler Geschwindigkeit ein Serum gegen Covid-19 entwickelt werden. Es werde das größte wissenschaftliche, industrielle und logistische Unterfangen seit dem Manhattan Project, der Entwicklung der Atombombe, so Trump.

Die Suche nach einem Impfstoff ist zu einem globalen Kräftemessen der Supermächte auf dem Gebiet der Pharmazie geworden. Dabei wächst die Gefahr von überhand nehmendem „Impf-Nationalismus“, wie es die Vorsitzende der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), Jane Halton, nennt: Dass also Länder zwar über einen Impfstoff verfügen, ihn aber zuerst nur für die eigene Bevölkerung und zum eigenen Vorteil einsetzen und andere, vor allem ärmere Länder, das Nachsehen haben.

Sowohl für die chinesische als auch für die US-amerikanische Regierung ist ein Impfstoff gegen die vom Sars-CoV-2-Virus hervorgerufene Krankheit Covid-19 ein Projekt von höchster strategischer Wichtigkeit: Wer als erster über einen Impfstoff verfügt, kann die eigene Volkswirtschaft schneller wieder hochfahren; ein Vorsprung von mehreren Monaten könnte enorme ökonomische Vorteile bedeuten. Und einen Beweis der Leistungsfähigkeit des eigenen Gesellschaftssystems, ein Zeugnis für die Überlegenheit der jeweiligen wissenschaftlichen Institutionen und Forschungseinrichtungen. Für China geht es obendrein um die Wiedergutmachung des Imageschadens, Ursprungsland einer Pandemie gewesen zu sein; für US-Präsident Trump könnte die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs in den Wahlen am 3. November ein entscheidender Faktor sein.

Schon im Mai hat das Entscheidungsgremium der Weltgesundheitsorganisation WHO deshalb in einer Resolution gefordert, ein Impfstoff müsse universell zugänglich gemacht und „schnell und gerecht“ verteilt werden. Schnell und gerecht hieße dabei: Es sollen jene ihn zuerst erhalten, die ihn am meisten brauchen, also ärztliches Personal, Angehörige von Risikogruppen oder Menschen, deren Länder am meisten vom Coronavirus betroffen sind. Die WHO verwies auf Regeln der Welthandelsorganisation WTO, denen zufolge auch patentierte Medikamente in einem weltweiten Notstand von Dritten ohne Einverständnis der Patentbesitzer verwendet werden können: ein Impfstoff als öffentliches Gut also, der nicht nach marktwirtschaftlicher Besitzlogik oder geopolitischen Egoismen denjenigen vorenthalten werden darf, die ihn am dringendsten benötigen.

Man kann davon ausgehen, dass US-Präsident Trump auch bei einem Covid-19-Impfstoff nach der Losung „America First“ verfahren wird. China hat zwar öffentlich angekündigt, dass man ein mögliches Vakzin als „globales öffentliches Gut“ behandeln werde, aber auch die chinesische Führung würde einen Impfstoff wohl dazu verwenden, sich als wohlwollende Supermacht zu präsentieren, die ihren Einfluss im globalen Süden dadurch ausbaut, dass sie ausgewählte Länder zuerst teilhaben lässt. Die Rede ist vor allem von Mitgliedern der chinesischen „One Belt, One Road“-Initiative, dem Projekt einer „Neuen Seidenstraße“, mit der die chinesische Regierung unter Xi Jinping ihren Einfluss in 60 Staaten in Asien, Afrika und Europa auszudehnen versucht.

Medizinische Cyberspionage

Um im Wettrennen der Supermächte nicht leer auszugehen, haben sich Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande zu einer Vierer-Allianz zusammengeschlossen. Zusammen habe man so größeren Einfluss auf die Pharmaindustrie und könne mit einer gemeinsamen Vorbestellung großer Mengen an Impfdosen andere Bewerber ausstechen. Ähnliche Überlegungen wurden von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier als Grund dafür angegeben, dass der Bund Mitte Juni für 300 Millionen Euro fast ein Viertel der Aktien des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac gekauft hatte, das an einem Covid-19-Impfstoff forscht: Man wollte verhindern, dass ausländische Unternehmen Curevac übernehmen. Im „weltweiten Wettlauf“ werde zum Teil „mit harten Bandagen gekämpft“, also müsse man Deutschlands Interessen schützen.

Schon der Beginn der Coronavirus-Pandemie hatte zu medizinischem Protektionismus geführt: Deutschland erließ im März ein Ausfuhrverbot für Atemschutzmasken und Schutzkleidung, während Frankreich Masken gar beschlagnahmen und rationieren ließ. Warum sollte sich Ähnliches nach der möglichen Entwicklung eines Impfstoffs nicht wiederholen? Dann könnte es um Impfdosen gehen, um Glasröhrchen oder Spritzen. Schon im Mai gaben britische und US-amerikanische Geheimdienstbehörden an, medizinische Einrichtungen, die an einem Impfstoff forschen, würden vermehrt durch Hacker und Cyberspionage angegriffen. Es ist davon auszugehen, dass westliche Geheimdienste ähnlich gegen chinesische Einrichtungen verfahren.

Die Ironie am Wettlauf um den Impfstoff liegt darin, dass gar nicht ausgemacht ist, wer am Ende triumphieren wird. Und ob es mehrere Kandidaten bis zur Zulassung schaffen – oder kein einziger. Schätzungen zufolge scheitern 94 Prozent aller Impfstoffe auf ihrem Weg durch die verschiedenen Stadien klinischer Studien; es könnte also sein, dass weder die USA, China noch die EU am Ende über einen Impfstoff verfügen. Und dass all die Milliarden, die derzeit für die Impfforschung aufgewendet werden, ergebnislos verpuffen.

Einen möglichen Ausweg aus dem Wettlauf weist übrigens die Geschichte der US-amerikanischen Pharmaforschung: Niemals war die Innovationsrate der US-Impfstoffforschung so hoch wie während des Zweiten Weltkriegs. Ermöglicht hat das damals eine Allianz aus Bundesbehörden, Militär, Universitäten und privaten Firmen; dieses Erfolgsrezept versucht man auch heute anzuwenden. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg aber, so stellte sich später heraus, war der Austausch von Informationen über Grenzen hinweg, die freie Zirkulation von Forschungsergebnissen. Mit einem Wort: die Zusammenarbeit der Forschenden. Damals hat man so übrigens den ersten Grippe-Impfstoff entdeckt.

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06:00 12.07.2020

Ausgabe 33/2020

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