Die grüne Pragmatikerin

Porträt Aminata Touré hat als Landtagsvizepräsidentin von Schleswig-Holstein schon vor George Floyds Tod das Gespräch mit der Polizei gesucht

Es ist der 15. Januar, Corona ist noch fast unbekannt, George Floyd noch am Leben. Die Vizepräsidentin des Landtages von Schleswig-Holstein absolviert einen offiziellen Termin an der Polizeischule Eutin, zusammen mit dem Ministerpräsidenten Daniel Günther. Sie ist bei den Grünen, Günther in der CDU, in Kiel regiert seit 2017 eine Jamaika-Koalition. So weit, so Landespolitik.

Dann hält die Landtagsvizepräsidentin ihre Rede. Sie sei gebeten worden, sagt sie, auch über persönliche Erfahrungen mit der Polizei zu sprechen. Was sie auch tut: „Es gibt sie, die unschönen Zusammentreffen, die ich mit der Polizei gemacht habe“, die Momente, in denen sie „vorverdächtigt worden“ sei. Kritik an der Polizei, der Vorwurf der rassistischen Diskriminierung, das führe oft zu Abwehr, aber damit tue man der Polizei keinen Gefallen. Es sei vielmehr genau umgekehrt. Sie unterstütze die Polizei – und kritisiere sie genau deshalb: damit die Polizei besser werde.

Die Landtagsvizepräsidentin heißt Aminata Touré, sie ist 27, geboren in Neumünster. Sie kommt aus einem Akademikerhaushalt, damit ist sie bei den Grünen eine von vielen. Was sie unterscheidet: Sie hat, als Tochter von Geflüchteten aus Mali, bis zum Alter von fünf in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. War bis zwölf in Deutschland nur geduldet, von Abschiebung in ein Land bedroht, das sie nicht kannte. Während Touré den Polizeischüler:innen unterstützend die Leviten liest, illustriert sie auch gleich ihr politisches Kernprogramm: Es ist der Versuch, staatliche Institutionen von innen heraus umzukrempeln, sie dazu zu bringen, Rassismus „zu verlernen“. Touré braucht dafür keinen langen Marsch, es sind bis jetzt sehr kurze Wege: Zwei Jahre nachdem sie als jüngste Abgeordnete in den Landtag einzieht, wird sie Vizepräsidentin, die jüngste in der Geschichte deutscher Landesparlamente. Und die erste afrodeutsche.

Sechs Monate nach dem Aufritt in Eutin sitzt Aminata Touré in einem Hotelzimmer in Berlin. Sie war Gast des ZDF-Morgenmagazins, hat mit dem CDU-Fraktionsvize Thorsten Frei im „moma-Duell“ darüber gestritten, ob der Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz gestrichen werden soll. Der Tag, an dem Georg Floyd von einem Polizisten umgebracht wurde, ist erst drei Wochen her, aber er hat eine anhaltende Welle an Protesten, Debatten und Diskussionen über Rassismus ausgelöst, auch in Deutschland. Touré ist jetzt die prominenteste afrodeutsche Politikerin.

Ihr Kerngeschäft ist – neben dem repräsentativen Amt als Landtagsvorsitzende – immer noch das einer Fachpolitikerin für Frauen-, Jugend-, Queer- und Migrationspolitik. Die verfolgt sie mit ähnlich konstruktiver Hartnäckigkeit wie bei den Polizeischülern. Was vielleicht auch mit der politischen Kultur in Schleswig-Holstein zusammenhängt: Die Grünen sind hier Regierungspartei, saßen in sechs Landtagen, in denen sie vertreten waren, viermal auf der Regierungsbank, selbst Jamaika hat man sich in Kiel zugetraut. Ohne Touré, so wird Robert Habeck zitiert, wäre die Koalition mit CDU und FDP womöglich nicht zustande gekommen.

Derlei Pragmatismus hat auch seine bitteren Seiten. Er führte dazu, dass Touré im Landtag den Plan verteidigen muss, in Kiel ein Abschiebegefängnis einzurichten. Sie sei zwar dafür, Abschiebehaft abzuschaffen. Weil Letztere vom Bund aber vorgeschrieben ist, sei man in Schleswig-Holstein zur Umsetzung gezwungen. Man werde aber immerhin dafür sorgen, dass in der Einrichtung bessere Bedingungen herrschen als in anderen Bundesländern. Pragmatismus kann auch eine Politik des kleineren Übels bedeuten.

Aus ihrem Hotelzimmer gibt Touré ein Interview nach dem anderen. Schon nach ihrer Wahl zur Vizepräsidentin des Landtags habe sie eine ähnlich intensive Zeit erlebt wie jetzt, eine Zeit, sagt sie, in der „ich tagelang nichts anderes gemacht habe, als immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten“. So geht wohl Politik. Aber es sei schon eine „krasse Situation“, weil sie merke, sie sei dabei, „eine Debatte bundesweit zu führen, obwohl man eigentlich im Schleswig-Holsteinischen Landtag sitzt“. Es ist wahrscheinlich, dass ihre politische Karriere nicht in Kiel enden wird.

Was zur Frage führt: Wie sehr wird sie sich dem politischen Betrieb anpassen, in den nächsten Jahren? Was sie von vielen anderen deutschen Politiker:innen unterscheidet, ist ja nicht nur ihre Hautfarbe, sondern zudem ihr Alter und der Umstand, dass sie genauso spricht, wie Menschen Mitte zwanzig das nun mal tun. Sie sagt, eine Äußerung sei „krank daneben“, eine andere „BS“ („Bullshit“). Jemand wird mit Themen „zugeballert“, es gibt „Leute, die das supporten“. Das macht sie nicht nur zusammen mit dem grünen Landtagskollegen Lasse Petersdotter in ihrem Podcast Das nehme ich mal mit. Auch dem CDU-Mann im Frühstücksfernsehen bescheidet sie, wenn er denn Vorschläge für Maßnahmen gegen Rassismus habe, anstatt immer nur dagegen zu sein: „Dann go for it!“

Touré sagt, sie habe das Gefühl, sich zu verstellen, wenn sie das Juristendeutsch der Politik spreche. Überhaupt versuche sie in der Politik gar nicht erst nach der Maxime zu handeln, „wie kann ich am besten so reinpassen, dass ich nicht auffalle“. Sie tue das sowieso, als Frau, als 27-Jährige, als Afrodeutsche.

Letzteres bedeutet auch, dass Touré in Interviews oft danach gefragt wird, ob sie von ihren eigenen Rassismuserfahrungen erzählen könne. Auf die Frage, ob es stimme, dass sie das nicht gerne tue, sagt Touré: „Nein, ich hasse es.“ Sie glaube nicht, dass es an Beispielen für Rassismus mangele, „wir erzählen davon, seitdem wir sprechen können“. Vor allem aber lehne sie es ab, weil es sie in „eine Position der Schwäche“ bringe. Eine Position der Schwäche, „für die ich nicht bereit bin“.

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