Fünf Dinge, die anders besser wären

Status quo Im Westen nichts Neues: Die Reichen werden reicher, die Justiz ist blind und Start-ups sind ein Männerclub. Zum Glück gibt es Versailles
Fünf Dinge, die anders besser wären
Deutsche Start-ups sind ein Jungsklub – wer hätte das gedacht?

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie, wenn Sie, geneigte Leser und -innen mir diesen Fußballvergleich zur Unzeit durchgehen lassen. Oder anders, um den Ball hier flach zu halten: Corona hat noch mal für alle gezeigt, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt. Supermärkte zum Beispiel haben sich im vergangenen Jahr eine goldene Nase daran verdient, dass die Restaurants zu waren und die meisten von uns ein Jahr lang daheim am Sofa saßen und vor sich hin snackten. Umsätze von Lidl und Aldi stiegen um knapp neun Prozent, die von Rewe und Edeka sogar um knapp 17 Prozent. Das freute ihre Eigentümer, wir reden hier von Milliarden an Vermögensgewinnen. Nichts davon hatten hingegen die ProduzentInnen und LandarbeiterInnen: Viele verloren ihre Jobs, viele mussten ungeschützt vor Ansteckung weiterarbeiten, und die meisten verdienen immer weniger an dem, was sie produzieren. TeepflückerInnen etwa erhalten nicht mal ein Prozent des Verkaufspreises für ihre Arbeit.

Aber auch in anderen Bereichen wäre es an der Zeit, der Ungerechtigkeit mal die Rote Karte zu zeigen. Eine Reportage der Süddeutschen Zeitung hat sich jüngst angeguckt, wie ungleich die Justiz arbeitet. Iustitia ist nämlich nicht blind. Sie hat eine Sehschwäche! Aber nur bei manchen, den Reichen nämlich. Man erinnere sich an den Fall des Ulmer Fußballspielers Uli Hoeneß, der 28,4 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hatte. Er musste dafür dreieinhalb Jahre in den Bau. Eine Osnabrücker Hartz-IV-Bezieherin, die zu Unrecht Leistungen von 84.000 Euro erhalten hat, bekam eine Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten. Gilt da etwa nicht dasselbe Regelwerk für beide?

Nach der Pandemie ist auch für Wolfgang Schäuble vor der Pandemie. Der ist zwar schon lange nicht mehr deutscher Bundesminister der Finanzen, aber offenbar will er sich noch manchmal wie einer fühlen. Anders ist ein aberwitziger Gastbeitrag nicht zu erklären, den der Freiburger Jurist neulich in der Financial Times geschrieben hat. Thema ist Schäubles Spezialgebiet: „Die Italiener und Griechen müssen den Gürtel enger schnallen!“ Ökonomisch ergibt der Text keinen Sinn, sprachlich holpert er heftig, offenbar ging es nur darum, noch einmal Schäubles kaputte Platte zu spielen: der „soziale Frieden“ in Europa sei in Gefahr, wenn nicht schleunigst wieder gespart werde. Nein, Wolfgang, deutsche Knausrigkeit isch over!

Und noch zwei letzte Dinge, die anders besser wären: Wir haben es jetzt amtlich, deutsche Start-ups sind ein Jungsklub. Schwierig vorzustellen, dass sich das Geschlechterverhältnis in den Vorständen deutscher Unternehmen noch verschlechtern könnte. In allen börsennotierten Firmen beträgt der Frauenanteil im Vorstand sowieso schon nur 10,2 Prozent. Doch bei den Start-ups, die in den vergangenen 15 Jahren neu gelistet wurden, beträgt er 5,4 Prozent. Der Spiegel schreibt: „In Start-up-Vorständen sitzen mehr Christians und Stefans als Frauen.“ Krass innovativ, oder?

Das Allerletzte aber, das liefert Ikea. Also jetzt nicht zu Ihnen nach Hause, aber das Letzte, das ist doch das Bespitzeln der eigenen Mitarbeiter, wie das das französische Ikea-Management über Jahre betrieben hat. Privatdetektive und ehemalige Polizisten hatten im Auftrag von Ikea über Hunderte von MitarbeiterInnen vertrauliche Informationen gesammelt. Ein klares Foulspiel, urteilte jetzt ein Gericht in Versailles. Und unsportlich obendrein!

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06:00 24.06.2021

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