Fünf Dinge, die anders besser wären

Status quo Über Heu- und andere Schrecken: die Lage der Weltwirtschaft in fünf Vorschlägen
Ausgabe 09/2020

So sind die Zeiten, dass ein Kind, das in Berlin aufwächst, noch niemals Schnee gesehen hat (es sei denn im vorbeirasenden Kokstaxi). Und dass es beim Wort „Heuschrecke“ eher an Private-Equity-Firmen denken wird als an das sechsbeinige Fluginsekt aus der Ordnung der Orthoptera. Letzteres aber, die Heuschrecke im biblischen Wortsinn, plagt derzeit mehrere Länder in Ostafrika: Ganze Schwärme treiben ihr Unwesen in der Region, fressen Felder leer, vernichten Ernten. In den nächsten Wochen, warnt die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation, wird eine neue Generation Wüstenheuschrecken die Nahrungsgrundlage von Millionen Menschen bedrohen. Fast harmlos wirken dagegen die metaphorischen Artgenossen aus Münteferings Mund.

Ganz harm- und zahnlos scheint jedenfalls die im Entstehen begriffene EU-Betrugsstaatsanwaltschaft zu werden: Sie soll den betrügerischen Missbrauch von Geldern aus dem Brüsseler Budget aufklären. Mehr als 3.000 Fälle pro Jahr werden auf die Behörde wohl zukommen, so eine vorsichtige Schätzung. Der Haken an der Sache: Um ihre Fälle abzuarbeiten, hat man der ersten EU-Generalstaatsanwältin, der rumänischen Antikorruptions-Ermittlerin Laura Kovesi, einen Stab von ganzen vier Stellen zugestanden. Man kann ihr nachsehen, dass sie darob Trübsal bläst.

Sie ist damit an diesen kurzen Wintertagen nicht allein, wo der Himmel grau bleibt und die Menschen immer blasser werden. In manchen wächst da der unbändige Wunsch, in das helle Licht der Südsee zu fliehen. Dem Geld geht es übrigens ganz gleich, auch es will weg, am besten in eine Südsee-Steuer-Oase auf den Cayman-Inseln, Trinidad oder den Seychellen. Da lässt es – das Geld – dann unbehelligt die Seele baumeln. Doch nicht mehr lange! Denn die EU hat sich ein Herz gefasst und die Cayman-Inseln auf ihre Schwarze Liste gesetzt. Überfällig war der Schritt schon lange, jetzt ist er – Brexit sei Dank – endlich passiert. Denn die Caymans gehören Großbritannien, sind also nicht mehr Teil der EU, und können entsprechend gemaßregelt werden. Im Umkehrschluss heißt das: Die EU ist ein Verein, wo eine Steueroase der anderen kein Auge auskratzt – man denke an Luxemburg, Irland, die Niederlande.

Über die Fluchtbewegungen des Geldes gen Süden mag man auch bei der Weltbank nichts hören. Vor allem, wenn es das eigene betrifft. Ein Mitarbeiter der Weltbank hatte mit zwei anderen Ökonomen in einer Studie nachgewiesen, dass ein guter Teil der Weltbank-Hilfsgelder, die an Entwicklungsländer gehen, in Wirklichkeit in Steueroasen weiterfließen. Die Studie war schon vor mehr als einem Jahr fertig gestellt worden, wurde aber von der Weltbank aus Gründen nicht veröffentlicht. Das sorgte für Unmut unter den Wissenschaftlern, die daran beteiligt waren. Einiges spricht dafür, dass der Vorfall auch zum Weggang der Chefökonomin Penny Goldberg beigetragen hat. P. S.: Letzte Woche stellte die Weltbank die Studie dann doch online.

Als Deutschlands Bauern im Januar gegen billige Lebensmittelpreise protestierten, waren viele sich einig: Schuld am Darben der Landwirte sei die erdrückende Marktmacht der vier großen Discounter. Die wehrten sich damit, dass sie immerhin Grundnahrungsmittel für 13 Millionen Arme oder von Armut Bedrohte anbieten. Ganz falsch ist das nicht: Der Hartz- IV-Satz für Kinder sieht für Lebensmittel 2,96 Euro vor. Pro Tag.

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Geschrieben von

Pepe Egger

Verantwortlicher Redakteur für das „Wochenthema“

Pepe Egger verantwortet das Wochenthema und die Titelseite der Zeitung. Er studierte in Wien, Paris, Damaskus und London und arbeitete sechs Jahre im Herzen des britischen Kapitalismus, der City of London. Seit 2011 ist er Journalist und Reporter. Seine Reportagen, Lesestücke und Interviews sind in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Seit 2017 arbeitet er als Redakteur beim Freitag.

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