Hartz IV statt Konzert

Corona Staatshilfen stoppen Großpleiten. In der Veranstaltungsbranche aber kämpfen die Kleinen ums Überleben
Hartz IV statt Konzert
So machen wir das wieder nach dem Ende dieser verdammten Pandemie, ja?

Foto: Michael Simon/Redux/laif

Vor Corona managte Marcus Pohl Konzerttourneen für Künstler wie Scooter oder die Scorpions. Heute hilft er den Mitgliedern seines Verbandes beim Ausfüllen von Hartz-IV-Anträgen.

Pohl ist Erster Vorsitzender der „Interessengemeinschaft der selbständigen DienstleisterInnen in der Veranstaltungswirtschaft“ (ISDV), einem Branchenverband mit rund 1.200 Mitgliedern. Tourmanager wie Pohl, Techniker, Caterer, aber auch Security-Leute und Veranstaltungstechniker, für fast alle von ihnen gilt: Corona bedroht ihre Existenz. Immer noch und weiterhin, allen Soforthilfen, Überbrückungsgeldern und Sonderprogrammen wie dem „Neustart Kultur“ der Bundesregierung zum Trotz. Marcus Pohl drückt es so aus: Während Industrie und Einzelhandel sich erholten, wenn auch unter schwierigen Voraussetzungen, sei es für die Veranstaltungsbranche „unter den derzeitigen Bedingungen“ immer noch nicht möglich, Events auszurichten, die wirtschaftlich wären. Abstandsregeln, Höchstgrenzen beim zugelassenen Publikum sowie Auflagen zur Belüftung von Konzertsälen und Messehallen machen es bis auf Weiteres unmöglich, das Kerngeschäft zu betreiben.

Veranstaltungsbranche – immerhin ein Wirtschaftssektor mit mehr direkten Beschäftigten als die deutsche Autoindustrie – steckt coronabedingt in einer Krise, aus der sie mit eigener Kraft nicht wieder herauskommt. Der übliche Selbstständige, sagt Pohl, halte drei bis sechs Monate ohne Einkommen aus: „Jetzt sind wir in Monat sechs.“ Trotzdem ist nicht damit zu rechnen, dass die Zahl der Insolvenzen sprunghaft ansteigt. Wie kann das sein?

Joachim Voigt-Salus ist Insolvenzverwalter in Berlin. Er wird von Gerichten dann bestellt, wenn ein Unternehmen – wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung – Insolvenz anmelden muss. Beziehungsweise musste: Die Pflicht zur Insolvenzanmeldung wurde coronabedingt bis Ende September ausgesetzt; für den Insolvenzgrund der Überschuldung wurde die Regelung vor Kurzem sogar bis Jahresende verlängert. Voigt-Salus sieht bis jetzt keinen sprunghaften Anstieg der Insolvenzen. Für das dritte Quartal rechnet er sogar mit einem Rückgang der Insolvenzeröffnungen, was sich schon daran ablesen lässt, dass es im zweiten Quartal kaum Insolvenzanträge gegeben habe.

Das ist die Folge der Milliarden an Staatshilfen, mit denen die Bundesregierung die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bekämpft, und des erleichterten Zugangs zu Kurzarbeitergeld, von dem vor allem große Unternehmen profitieren. Die mögliche Bezugsdauer für Kurzarbeitergeld wurde jüngst sogar bis Ende 2021 verlängert; ein Schelm, wer dabei nicht an die Bundestagswahlen im Herbst nächsten Jahres denkt, in deren Vorfeld die Bundesregierung einen massenhaften Anstieg der Arbeitslosigkeit auf jeden Fall vermeiden möchte.

Daran ist auf der einen Seite nichts auszusetzen: Bei manchen Unternehmen kann es ja durchaus sein, dass ihre Aufträge im Laufe des nächsten Jahres zurückkommen oder sie es schaffen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Andrerseits aber führt das Hinauszögern der „Stunde der Wahrheit“ aus Gründen politischer Opportunität dazu, dass manche Unternehmen nunmehr ein weiteres Jahr als „Zombies“ durch die Landschaft torkeln: nicht imstande, einen wirklichen Gewinn zu erwirtschaften, aber auch nicht vollends so marode, dass sie ihre laufenden Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können.

Nicht in der Statistik

Doch während so die Zahl der Insolvenzen gering bleibt und sich oberflächlich ein Bild wirtschaftlicher Erholung breitmacht, ist die Lage in der Veranstaltungsbranche nach wie vor dramatisch: Solo-Selbstständige, die das Gros im ISDV von Marcus Pohl ausmachen, können keine Kurzarbeit anmelden und tauchen auch nicht in den Insolvenzzahlen auf. Stattdessen fahren viele von ihnen ihre betrieblichen Aktivitäten auf null herunter. 40 Prozent seiner Mitglieder, schätzt Pohl, hätten inzwischen einen Antrag auf Hartz IV gestellt.

Wer nicht aufgibt und weiterkämpft, riskiert dafür viel. Sonia Simmenauer zum Beispiel, Gründerin und Geschäftsführerin einer Agentur für klassische Musik in Berlin, die einige der weltbesten Streichquartette vertritt. Schon vor acht Jahren hatte sie damit begonnen, für das Beethoven-Jahr mit dem Quatuor Ébène den Zyklus der Streichquartette für die Carnegie Hall in New York und andere Konzerthäuser in Paris, London, Frankfurt und München vorzubereiten. Dann kam Corona und machte die Arbeit von Jahren von einem Tag auf den nächsten zunichte. Wenn ihre Künstler nicht auftreten, verdient Simmenauer nichts. Von den rund 1.500 von ihrer Agentur geplanten Konzerten im Jahr 2020 werden wohl nur 500 stattfinden.

Ihre Agentur mit 13 Angestellten stand vor dem Aus. Und sie selbst irgendwann im März vor der Entscheidung: „Entweder ich löse die Firma jetzt sofort auf, dann kann ich meine Rücklagen herausholen.“ Mit Rücklagen meint Simmenauer ihre eigene Altersvorsorge. „Oder ich gebe der Sache noch eine Chance, indem ich das einsetze, was da ist.“ Sie habe sich dann entschieden, weiterzumachen. Sonia Simmenauer sagt: „Vielleicht gehen wir kaputt daran. Aber ich mache willentlich nicht kaputt, was ich aufgebaut habe.“ Seitdem schwankt sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Notbetrieb dank Überbrückungshilfen plus Kurzarbeitergeld und der Unmöglichkeit, Konzerte für Musiker zu organisieren, die nach der Einreise aus dem europäischen Ausland 14 Tage in Quarantäne müssten.

Der Augenblick der Wahrheit komme im März 2021, sagt Simmenauer ebenso wie Marcus Pohl. Den Herbst und Winter haben beide schon abgeschrieben, jetzt hoffen sie auf den Frühling.

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06:00 29.09.2020

Ausgabe 43/2020

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