Das große Ganze fest im Blick

Jennifer Morgan Die Greenpeace-Chefin soll Klimadiplomatin werden. Kritiker sehen in ihr eine Lobbyistin. Zu Recht? Ein Porträt
Inspiriert wurde sie von der Ikone der Grünen, Petra Kelly. Den Politikbetrieb kennt Jennifer Morgan bereits durch einen Job in den 90er Jahren. Ihre Chefin hieß damals übrigens Angela Merkel
Inspiriert wurde sie von der Ikone der Grünen, Petra Kelly. Den Politikbetrieb kennt Jennifer Morgan bereits durch einen Job in den 90er Jahren. Ihre Chefin hieß damals übrigens Angela Merkel

Foto: Thomas Trutschel/Photothek/Imago Images

Als sich die Nachricht von der Ernennung der Greenpeace-Chefin zur deutschen Sonderbeauftragten für internationalen Klimaschutz verbreitete, waren die Reaktionen von nahezu pawlowscher Reflexhaftigkeit: Jennifer Morgan, die keiner Partei angehört, sei doch eine „Lobbyistin“. Und dass sie als Umweltschutzaktivistin jetzt Klimapolitik betreibe, komme aufs Gleiche hinaus, wie wenn der ADAC künftig seine Leute ins Verkehrsministerium setzen würde oder die Antifa ihre ins Innenministerium.

Davon abgesehen, dass dieselben Kritiker es 2018 für gut befanden, dass der damalige Finanzminister Olaf Scholz (SPD) den Goldman-Sachs-Banker Jörg Kukies zu seinem Staatssekretär machte: Die Reaktionen treffen insofern ins Schwarze, als dass hier eine Frau in eines der höchsten deutschen Regierungsämter gehievt werden soll, die möglicherweise andere Interessen vertritt als jene der deutschen Industrie. Und doch würde man Jennifer Morgan unterschätzen, wenn man annähme, dass sie künftig vor allem die Belange der Mitglieder der Nichtregierungsorganisation Greenpeace im Blick haben wird, deren Chefin sie seit 2016 ist.

Ähnlich falsch lagen übrigens jene Beobachter:innen, die sich daran stießen, dass hier die Chefin einer Organisation eingebürgert und als internationale Sonderbeauftragte des Außenministeriums verbeamtet werden soll, zu deren DNA es gehöre, Gesetze zu missachten und zu übertreten. Obwohl es natürlich stimmt, dass Greenpeace aus medienwirksamem zivilen Ungehorsam eine erfolgreiche Polittaktik gemacht hat, deren Durchschlagkraft genau daher rührt, die Gesetze des Rechtsstaats zu verletzen. Aber auch für diese Kritiker gilt: Sie würden viel lauter schreien, wenn sie wüssten, wie Jennifer Morgan wirklich tickt.

Lobbyistin für die Natur

Wer ist diese Frau, von der Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagt, sie sei eine „Traumbesetzung“ für das neu zu schaffende Regierungsamt – offenbar die bisherige Krönung von Baerbocks Strategie, den Klimaschutz als internationale Klimadiplomatie zur Chefinnensache im Außenministerium zu machen? Jennifer Morgan ist US-Amerikanerin, geboren 1966 und aufgewachsen als Tochter einer Krankenschwester und eines Bankangestellten in New Jersey. In einem Interview mit dem Freitag sagte sie 2020, der Grund dafür, dass sie sich als Lobbyistin für die Natur verstehe, als jemand, der der Natur „eine Stimme in den Entscheidungsprozessen unserer verrückten Welt“ geben wolle, liege darin, wie sie in New Jersey aufgewachsen sei: In dem Waldstück hinter ihrem Elternhaus, wo Morgan als Kind spielte. Und an ihrer großen Schwester, einer Botanikerin, die sie zum Zelten in die echte Weite und Wildnis der Natur mitgenommen habe.

Warum ist sie dann nicht Biologin geworden oder Naturfilmerin? Morgan antwortet mit dem Verweis auf etwas, dass sie ihr „politisches Erweckungserlebnis“ nennt: Die Lektüre eines Buches der Grünen-Politikerin Petra Kelly. Morgan beschreibt es als eine „Offenbarung“, als sie als Studentin Um Hoffnung kämpfen. Gewaltfrei in eine grüne Zukunft gelesen habe. Doch was wurde ihr in dem Augenblick so klar, dass sie sich bis heute daran erinnert und dass es sie bis heute prägt? Das war nicht grüne Parteipolitik. Es war vielmehr die Einsicht, dass all die verschiedenen Kämpfe und Bewegungen, in denen sich die junge Jennifer Morgan engagierte, zusammenhingen: Die Frauenbewegung, die Anti-Atom-Bewegung und die Friedensbewegung. Es war die Einsicht, dass es im Kern bei dem Aktivismus gegen das Patriarchat und die Umweltzerstörung, gegen Rassismus und gegen Krieg um ein und dieselbe Sache ging: um ein System.

Morgan hat diesen Impuls nicht vergessen. Auch wenn sie von außen betrachtet eine ziemlich konventionelle Karriere als Funktionärin einer Nichtregierungsorganisation hingelegt hat: vom Studium der Politikwissenschaften, ihren Anfängen bei dem US-Ableger des Climate Action Network, in dem weltweit mehr als 1.400 Klimaschutzorganisationen organisiert sind, über Stationen als Chefin der Klimaabteilung der Umweltschutzorganisation WWF, des Thinktanks E3G und des World Resources Institute bis hin zur Executive Director von Greenpeace.

Es ist mehr als bloß das Klima

Und auch wenn Jennifer Morgan in den 1990ern sogar ein Jahr lang im deutschen Umweltministerium arbeitete – damals hieß ihre Chefin übrigens Angela Merkel – so ging es ihr eigentlich stets um mehr als Umweltschutz, um mehr als die Rettung der Wale, die Verhinderung eines Kohlekraftwerks hier oder einer Bohrplattform dort. Es ging darum, wie alle Kämpfe miteinander zusammenhängen. Als Greenpeace-Chefin argumentierte sie, dasselbe Machtsystem – sie nennt es den „Fossil-Industriellen-Komplex“ – sei dafür verantwortlich, dass Trump an der Macht sei, dass der Klimawandel ungebremst voranschreite, dass das Verhältnis der Geschlechter immer noch ungleich und die Löhne mies seien und dass die Schwarze Bevölkerung in den USA unter Polizeigewalt leide. „Die Kräfte, die die Natur ausbeuten, sind dieselben, die die Menschen ausbeuten“, sagte sie im Interview.

Es überrascht deshalb nicht, dass sie auch die weltweite Klimabewegung in ihrer ganzen Breite von Fridays for Future bis hin zu Ende Gelände und Extinction Rebellion geradezu euphorisch sieht. Auf die Frage, wofür sie eher kämpfe, den grünen Kapitalismus oder den Systemwandel, antwortete die US-Amerikanerin: „System change, absolutely!“

Die Frage ist nicht: Wem ist Jennifer Morgan verpflichtet, sondern eher: Was wird sie als deutsche Ministerialbeamtin durchsetzen können? Morgan tritt ihr Amt als internationale Sonderbeauftragte am 1. März an.

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