Souverän oder flexibel

Arbeitskampf Die Warnstreiks der IG Metall und die laufende Tarifrunde betreffen unser aller Zukunft
Souverän oder flexibel
Die Warnstreiks heben Fragen der Digitalisierung und Flexibilisierung auf ein neues diskursives Niveau

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Eines haben die laufende Tarifrunde und die heute begonnenen Warnstreiks in der Metall- und Elektrobranche jedenfalls schon mal gebracht: Die Dauerberieselung mit Digitalisierungs- und Flexibilisierungsgedöns kurz zu unterbrechen und zu jenem diskursiven Kampffeld zu machen, das es eigentlich ist.

Was da stets auf alle einrieselt, das sagt: Flexibilität ist gut, solange sie den unreglementierten Zugriff auf die Ware Arbeitskraft bedeutet. Dreht man den Spieß um, nennt man sie „Zeitsouveränität“, wird daraus eine Zumutung, eine Bedrohung der Wettbewerbsfähigkeit.

Dabei ist es natürlich ein zweischneidiges Schwert, was die IG Metall für die rund 4 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche fordert: Nicht die Lohnerhöhung um 6%, sondern das Recht, ohne Angaben von Gründen die Arbeitszeit für die Dauer von bis zu zwei Jahren auf 28 Wochenstunden zu beschränken.

Die Forderung rührt von einer Mitgliederbefragung her, in der sich zeigte, dass die Metaller „mehr wollen als Geld“, nämlich das Recht, ihre Arbeitszeit zumindest teilweise selbst zu bestimmen. Andersrum könnte man sagen: Sie wollen oder können nicht länger auf jenes verzichten, was die Vollzeitarbeit per Definition auf andere abwälzt, zum Beispiel die Sorge um Kinder oder die Pflege von alternden Eltern.

In den 1970ern hieß das noch „Humanisierung der Arbeitswelt“: Dass der Umfang und die Ausgestaltung von Arbeit ein Stück weit auf die tatsächlichen Lebensumstände der Beschäftigten abgestimmt werden sollte. „Flexibilität“ meint das Gegenteil und es passt, dass auch in dieser Tarifrunde die Arbeitgeberseite unter ersterer nur die Möglichkeit zur Ausdehnung der Arbeitszeit verstanden haben will.

Es wäre also zukunftsweisend, würde sich die IG Metall durchsetzen. Die wirtschaftliche Großwetterlage, in Deutschland wie international rosig wie selten in den letzten Jahren, bietet sich in jedem Fall dafür an. Und auch für andere Branchen wäre die Durchsetzung der IG Metall-Forderung ein wichtiger erster Schritt.

Zweischneidig ist die Forderung nach Arbeitszeitsouveränität aber deshalb, weil sie die Gefahr birgt, dass am Ende doch wieder „Flexibilität“ dabei herauskommt. Wenn etwa die Aushandlung der Arbeitszeit auf individueller Ebene verbleibt, wenn sie am Ende doch wieder zu geschlechtsstereotyper Arbeitszeitverteilung führt, oder wenn Unternehmen die wegfallenden Arbeitsstunden zupass kommen, weil sie durch Robotisierung sowieso nicht mehr nötig wären.

Das wäre die Gefahr. Und zugleich ein Grund mehr, die für alle Arbeitenden fundamentale Auseinandersetzung zu suchen. Und zu gewinnen.

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