Unteres Mittelfeld, schlechte Sicht

Arbeit Deutschland boomt. Hurra. Hinter der Erzählung stecken immer mehr Jobs, die uns krank machen. Enttäuscht. Und wütend

Wie häufig fühlen Sie sich bei der Arbeit gehetzt oder stehen unter Zeitdruck? Wie häufig werden Sie bei Ihrer Arbeit von anderen Menschen, z.B. Kundschaft, Kolleg*innen oder Vorgesetzen, herablassend bzw. respektlos behandelt?*

Jetzt, zur Weihnachtszeit, bringen ja viele Zeitungen „Geschichten“ aus der Arbeitswelt, die thematisch in die Zeit passen: über Paketboten zum Beispiel, die voll beladen mit Geschenken treppauf, treppab durch Stiegenhäuser hetzen und nur kurz innehalten, um von den schwierigen, ja skandalösen Arbeitsbedingungen bei DHL oder Amazon zu erzählen (der Freitag 48/2018): von den zu hohen Vorgaben, den zu vielen Paketen, der zu kurzen Zeit.

Ich frage mich: Warum eigentlich immer Paketboten? Warum nicht mal ein Fliesenleger? Oder eine Angestellte in einer Wurstfabrik? Ich vermute: weil Paketboten sichtbar sind. Weil wir ihnen täglich begegnen, sie bis an unsere Wohnungstür kommen. Weil wir uns über sie beklagen und trotzdem immer mehr Pakete im Internet bestellen. Dabei sind sie beileibe nicht die Einzigen, die unter unfairen und gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen zu leiden haben. Eher sind Paketboten so etwas wie die sichtbare Spitze eines Eisbergs.

Auf die tatsächlichen Umrisse dieses Eisbergs zielt der DGB-Index Gute Arbeit, aus dem die vorangehenden und folgenden fett gedruckten Fragen stammen. Sie sollen erkunden, wie es um die realen Bedingungen von Arbeit in Deutschland bestellt ist: Wenn es ein gutes Leben gäbe, gehörte da nicht auch gute Arbeit dazu? Ich habe den Index jedenfalls gleich an mir selbst ausprobiert. Das Ergebnis war – überraschend.

Wenn Sie an Ihre Arbeitsleistung denken, inwieweit halten Sie Ihr Einkommen für angemessen? Inwieweit bringt Ihr/e Vorgesetzte/r Ihnen persönlich Wertschätzung entgegen?

Paketboten sind sichtbar, die meiste Arbeit aber, die in unserer Gesellschaft getan wird, geschieht hinter verschlossenen Türen, abseits der Öffentlichkeit. In der Peripherie. Dementsprechend bleibt auch die Qualität von Arbeit, bleiben die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, weitgehend unsichtbar. Nicht weil die Arbeit versteckt würde: Es reicht, dass sie uns nicht präsentiert wird. Was uns präsentiert wird, ist Werbung: zufriedene Arbeiter in farblich abgestimmter Kleidung, die uns ein Produkt darbieten, dessen Herstellung sie aus irgendeinem Grund glücklich zu machen scheint.

Die Anlagenbedienerin von Halle 4 aber hat keine Presseabteilung, der Bauarbeiter auf der Großbaustelle keinen Instagram-Account, jedenfalls keinen professionellen. Wenn Sie überlegen: Wie oft haben Sie in letzter Zeit Reportagen gelesen, in denen von den realen Bedingungen die Rede war, unter denen Ihr Schnitzel hergestellt wird? Ist es überspitzt, zu sagen: Es wird mehr über die Drangsalierung der Tiere berichtet als über die der Menschen, die die Tiere zum Schnitzel verarbeiten. Dabei heißt es im Bericht zur „Entwicklung der Menschenrechtssituation“ des Instituts für Menschenrechte für das Jahr 2017/18: „Fälle von schwerer Arbeitsausbeutung sind aus vielen Branchen bekannt, beispielsweise der Baubranche, der Fleischproduktion, der Pflege oder der Prostitution“.

Wie häufig erledigen Sie außerhalb Ihrer normalen Arbeitszeit unbezahlte Arbeit für Ihren Betrieb? Wie häufig kommt es vor, dass Sie bei Ihrer Arbeit eine ungünstige Körperhaltung einnehmen müssen, z.B. Arbeiten in der Hocke, im Knien, Arbeiten über Kopf, lang anhaltendes Stehen oder Sitzen?

Nun ist es nicht so, dass kritikwürdige Arbeitsbedingungen überhaupt nie Schlagzeilen machen würden: Der Bericht „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ der Bundesregierung etwa schaffte es sogar bis auf die Titelseite der Bild. „So krank macht Arbeit!“ lautete die Schlagzeile dazu – mehr kann man eigentlich nicht erwarten, oder?

Doch der Schein trügt. Denn der Bericht zeigt zwar, wie viele Beschäftigte im Jahr 2017 auf welche Weise gesundheitlich beeinträchtigt waren, er zeigt, dass körperliche Leiden ab- und psychische zunehmen, ja sogar, dass die Fälle von Depressionen und Burn-outs sich verdoppelt haben. Aber die Frage nach dem Warum, auf die es doch ankäme, bleibt unbeantwortet. Mehr noch: Der Bericht erfasst Gesundheitsschäden vor allem aus der Perspektive von Arbeitgebern: 2017 seien insgesamt 668 Millionen Arbeitstage flöten gegangen. Weil Arbeitnehmer krank waren! Was zu Produktionsausfällen von mehr als 12 Milliarden Euro geführt habe! Dass Arbeit krank macht, scheint also vor allem ein volkswirtschaftlicher Verlust zu sein.

Wie häufig kommt es vor, dass Sie bei Ihrer Arbeit gestört oder unterbrochen werden, z.B. durch technische Probleme, Telefonate oder Kollegen? Wie häufig werden bei der Arbeit verschiedene Anforderungen an Sie gestellt, die schwer miteinander zu vereinbaren sind? Wie häufig verlangt es Ihre Arbeit von Ihnen, dass Sie Ihre Gefühle verbergen?

Es ist einfach, Arbeit, die krank macht, zu erfassen. Die Fehltage werden automatisch gezählt, die Daten liegen vor. Sehr viel schwieriger ist es, Arbeit zu messen, die wütend macht, Arbeitsbedingungen zu identifizieren, die für Verbitterung, Ärger, Enttäuschung sorgen.

Der Soziologe Joachim Bischoff hat genau das zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren in einer Studie untersucht (der Freitag 17/2018). Er diagnostiziert eine reale „Abwärtsspirale der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“ in Deutschland. Das ist eine Beschreibung, die der öffentlichen und medialen Darstellung von Arbeit konträr gegenübersteht, wo man doch annehmen könnte, alles sei wunderbar im deutschen Boomland. Diese Diskrepanz hat übrigens auch damit zu tun, dass die gängige Sozialforschung sich schwertut, etwas zu erfassen, was sich in den vorgegebenen Antwortkriterien standardisierter Umfragen gar nicht ausdrücken kann. Erst in längeren Einzel- und Gruppendiskussionen tritt der Eindruck einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu Tage.

Bischoff beschreibt verschiedene Gründe für das, was er „arbeitsweltliche Zuspitzung“ nennt, das Resultat einer jahre- oder sogar jahrzehntelangen Entwicklung: steigender Leistungsdruck, Verunsicherung der Beschäftigten durch permanente Reorganisation von Betrieben, Entmündigung und Abwertung, Verunsicherung durch drohenden Arbeitsplatzverlust, sei es durch Restrukturierung oder Verlagerung der Produktion ins Ausland. Erhöhung der Flexibilität – durch Werkverträge, Leiharbeit und Arbeit auf Abruf – zugunsten der Arbeitgeber; Verringerung der sozialen Absicherung zuungunsten der Arbeitnehmer. Verunsicherung durch drohende Altersarmut und Verunsicherung durch die Zukunftsperspektive der Digitalisierung, die den Arbeitsplatz bedroht.

Das betrifft nicht alle Arbeitenden, sondern vor allem die abhängig Beschäftigten in der Industrie und dem Dienstleistungssektor. Es berührt auch nicht alle Betroffenen in gleicher Weise. Aber bei vielen führt die beschriebene Zuspitzung – subjektiv verarbeitet als Abwertungserfahrung, Entsolidarisierung, Resignation und Angst – zu einer stillen Wut.

Ermöglicht es Ihnen Ihre Arbeit, Ihr Wissen und Können weiterzuentwickeln? Wie häufig kommt es vor, dass Sie an Ihrem Arbeitsplatz Lärm oder lauten Umgebungsgeräuschen ausgesetzt sind?

Jörg Köhlinger, Leiter des Bezirks Mitte der IG Metall, sieht in der von Bischoff beschriebenen Entwicklung eine fatale historische Weichenstellung. Er sagt: „Das ist ja nicht von heute auf morgen entstanden: Eher ist es ein langsames Gift, das auf die Politik Gerhard Schröders der Deregulierung des Arbeitsmarkts zurückgeht, die zum Beispiel dem Einsatz von Leiharbeit Tür und Tor geöffnet hat.“

Dazu gehört die Ausweitung prekärer Arbeit, von Werkverträgen, und die gezielte Schaffung eines Niedriglohnsektors quer über alle Branchen. Köhlinger sagt, den müsse man sich vorstellen wie „eine zweite Schicht Beschäftigte, die zusätzlich zur Stammbelegschaft in denselben Betrieben arbeitet, zum Beispiel in den großen Industrieparks rund um Endhersteller, wo es zusätzlich zur Stammbelegschaft Menschen gibt, die teilweise für oder sogar bei den Endherstellern arbeiten, aber mit ganz anderen Entlohnungssystemen“.

Wird in Ihrem Betrieb Kollegialität gefördert? Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Arbeitsplatz überflüssig wird, z.B. durch organisatorische Veränderungen oder neue Technologien?

Die von Joachim Bischoff beschriebene Wut, eine „aufgestaute, immense Wut“, sucht einen Ausdruck. Einen politischen Ausdruck. Wenn sie von den Gewerkschaften nicht aufgegriffen wird, wenn kaum jemand mehr glaubt, dass die linken Parteien an den Ursachen etwas ändern können, erst dann äußert sie sich auch als rechte Wut: als Hass auf die Elite, auf Sündenböcke, auf Flüchtlinge. Als Unterstützung für Parteien wie die AfD.

Allerdings, sagt Bischoff, könnte diese Wut sich aber auch ganz anders artikulieren. Zum Beispiel als das „Schnauze voll“ der Gelbwesten in Frankreich.

Meine eigenen Antworten beim Gute-Arbeit-Index ergaben übrigens 56 Punkte, das ist „unteres Mittelfeld“. Am besten waren die Werte in dem Bereich „Körperliche Anforderungen“, da reicht Sitzen im geheizten Büro schon für die Höchstpunktzahl.

Ich glaube, ich mach’ jetzt Feierabend. Und wünsche gute Arbeit!

Info

* Alle Fragen stammen aus dem DGB-Index Gute Arbeit, einem Indikator für die Qualität von Arbeit aus der Sicht von Beschäftigten

06:00 24.12.2018
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