„Viele wollen sich einmischen“

Interview Silja Graupe gründete eine Hochschule, die den Gemeinsinn in die Wirtschaft bringt
„Viele wollen sich einmischen“

Foto: David Klammer/laif

Gewiss bietet eine Monokultur auch Vorteile: Große Erträge auf großer Fläche, ermöglicht durch die intensive Ausbeutung vorhandener Ressourcen. Doch das ist nicht möglich ohne schädliche Nebenwirkungen, vor allem auf lange Sicht: Die brutale Eintönigkeit macht anfällig für Krankheiten, die Umwelt leidet und erholt sich nicht mehr, am Ende steht der Boden leer und erschöpft da.

Silja Graupe diagnostiziert eine „Monokultur des ökonomischen Denkens“: Eine verheerende Eintönigkeit des neoklassischen Mainstreams, die der Gesellschaft auf lange Sicht mehr schade als nutze. Dagegen versucht Graupe ein anderes, nachhaltigeres und zukunftsweisenderes Denken und Forschen über wirtschaftliche Zusammenhänge zu entwerfen. 2014 hat sie die Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues an der Mosel mitgegründet, einen Ort für alternative, plurale Ökonomik. Heute trägt die Universität den Namenszusatz „für Gesellschaftsgestaltung“. Ihr erklärter Zweck besteht also nicht nur darin, anders zu denken, sondern auch andere Handlungsmöglichkeiten anzubieten.

der Freitag: Frau Graupe, die Coronakrise hat die Art, wie unsere Wirtschaft funktioniert, völlig aus der Bahn geworfen, wenn auch vielleicht nur für kurze Zeit. Sie konstatieren im ökonomischen Ausnahmezustand etwas, das Sie Gemeinsinn nennen. Was hat es damit auf sich?
Silija Graupe: Ich schließe damit an eine lange Tradition der Philosophie zum Begriff des Gemeinsinns an. Um es in einem erkenntnisphilosophischen Sinn auszudrücken: Gemeinsinn heißt, die unmittelbare Wirklichkeit wahrzunehmen, ohne auf Kalküle und Stereotype zurückzugreifen. Wenn wir uns die Situation in den Krankenhäusern zu Beginn der Corona-Pandemie anschauen, dann sehen wir: In Strukturen, die eigentlich vollkommen ökonomisiert sind, mit unzähligen Vorschriften und Abrechnungsmodalitäten, brach auf einmal eine unvorhergesehene große Zahl kranker Menschen ein. Also hat das Pflegepersonal improvisiert, um auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen: Es gab nicht genug Schutzkleidung, also wurden Malerkittel verwendet; Ärzte reichten Sterbenden ihre iPhones, um sie mit ihren Liebsten zu verbinden. Krankenhausmanager haben, statt Effizienztabellen auszufüllen, kreativ Desinfektionsmittel besorgt und so weiter.

Der Ausnahmezustand hat die Verwertungslogik außer Kraft gesetzt.
Ja. Die spontane Nachbarschaftshilfe, die es gab, folgt einem ähnlichen Muster.

Nun sagen Sie, Care-Arbeit als ganze funktioniere eigentlich immer so, nur werde das im „Normalzustand“ nicht sichtbar.
Sorgearbeit hat immer dieses Element des Spontanen: Wenn Sie einen Sterbenden pflegen oder kranke Kinder, dann müssen Sie auf die unmittelbaren Bedürfnisse des anderen, auf das unmittelbare Geschehen eingehen. Diese Art der Care-Ökonomie wurde jetzt als systemrelevant entdeckt. Das ist ja auch richtig, aber sie war das immer schon, nur wird das im Normalzustand verdeckt und kann weder an die Oberfläche der gesellschaftlichen Wahrnehmung dringen noch an jene der wirtschaftlichen Effizienzkalküle.

Viele sagen jetzt: Wie schön wäre es doch, wenn es auch nach Corona so bliebe! Oder politisch: Hoffentlich ist der Neoliberalismus jetzt am Ende.
Tja, dieses politische Staunen über den Gemeinsinn gibt es in jeder Krise, egal ob Hochwasser, Wirtschaftskrise oder Ebola. Das Problem ist, dass der Gemeinsinn improvisierend ist, spontan, und von alleine keine Strukturen schaffen kann, um sich selber zu erhalten. Wir können ja nicht unbegrenzt weiter improvisieren, sondern müssen irgendwann zum Routinehandeln zurückkehren bzw. neues schaffen. Unsere heutigen Routinen aber schaden dem Gemeinsinn und begraben ihn unter Effizienz, Steuerungsideen, Diskursen von Sachzwängen und Stereotypen.

Das heißt, wir fallen nach dem Ausnahmezustand notgedrungen wieder zurück in alte Muster?
Ja, solange wir nicht mithilfe einer weiteren Erkenntnisform aus der Erfahrung des Gemeinsinns neue Routinen entwickeln: Ich nenne sie das sinnstiftendes Erkennen, wodurch Zukunftsvisionen entwickelt und alten Routinen einer Prüfung unterzogen werden. Der Gemeinsinn muss hier mit Imagination zusammenkommen: Vorstellungen darüber, wie ein gutes Leben zukünftig aussehen soll. Wir müssen imaginieren können, was es noch gar nicht gibt, und dann Strukturen für dessen Realisation gestalten. So können wir alte Muster brechen und neue kreative Normalitäten entstehen lassen.

Tatsächlich operieren Regierungen und Eliten in Krisenzeiten, wie Naomi Klein Milton Friedman zitiert, mit den „ideas that are lying around“: Man fällt auf das zurück, was vor der Krise schon etabliert war.
Klar. Das Pflegepersonal hat zwar in der Krise anders und spontan gehandelt, aber deswegen sind die Effizienzkalküle und der Managerialismus ja nicht verschwunden. Es ist eine völlig andere Fähigkeit, die Konsequenzen zu ziehen und Routinen zu verändern. Ein Problem der herrschenden Ökonomik ist, dass der ganze Gewohnheitsbereich der Menschen als unbewusst oder irrational gilt und damit nicht als selbst veränderbar und aushandelbar, sondern nur als manipulierbar durch sogenannte „nudges“ und Meinungssteuerung.

In der herkömmlichen Wirtschaftsforschung wird es als Fortschritt angesehen, dass seit einiger Zeit über den „homo oeconomicus“ und die Zweckrationalität hinaus auch der Bereich der Gewohnheiten durch die Verhaltensökonomik erforscht wird.
Mir geht es nicht darum zu sagen: Das ist alles falsch. Aber es ist unzureichend. Klar gibt es seit der letzten Krise 2008/2009 sehr viel neue Forschung zur Verhaltensökonomik, die quasi die unbewussten Schichten jenes Eisbergs erforscht, dessen Spitze der „homo oeconomicus“ darstellt. Doch da geht es auch nur um nahezu erstarrte Strukturen. Gewohnheiten spiegeln ja nur das Vergangene.

Sie schlagen statt des Eisbergmodells ein Schichtenmodell vor, das den tektonischen und geologischen Schichten der Erdkugel nachempfunden ist.
Ja, die Idee dahinter ist, eine Metapher dafür zu finden, die die ökonomische Zweckrationalität als bloß verkrustetes Oberflächenphänomen begreifen lässt, das in seiner Tiefe eigentlich auf dynamischen, flüssigen Prozessen ruht: Dies ist der ganze Bereich gesellschaftlicher und ökologischer Dynamik, den Cornelius Castoriadis als gesellschaftliches Magma bezeichnet: die Fülle aller noch unerkannten gesellschaftlichen und natürlichen Möglichkeiten. Der Gemeinsinn schafft daraus die ersten sinnstiftenden Bilder und Praktiken und kann so grundlegenden Sinn- und Wertewandel initiieren; Imagination und praktische Urteilskraft schaffen daraus wiederum neue Strukturen. Die beiden obersten Schichten, also jene, mit denen sich die herkömmliche Ökonomik ausschließlich befasst, sind wie verkrustete Oberflächenschicht, die auf all diesem schwimmen, ohne davon zu wissen.

Diese erstarrten Strukturen werden aber immer wieder aufgebrochen.
Wenn die Erdkruste, um in der Metapher zu bleiben, vollkommen verkrustet wäre und keinerlei Kontakt zum Magma des Erdkerns hätte, dann könnte sich letzteres nur in Form gewaltiger Eruptionen und Erdbeben Bahn brechen… Dies sehe ich als Sinnbild unserer ökonomisierten Gesellschaft: Gewaltige Spannungen bauen sich direkt unterhalb unserer Füße auf, aber wir sagen: Och, da ist doch gar nichts. Man fühlt sich sicher, lässt die Bäume in den Himmel wachsen und merkt erst etwas, wenn erschütternde Krisen alles zum Einsturz bringen. Der Wiederaufbau folgt dann oft nur in den alten Strukturen, bis die nächste Eruption kommt. Dabei könnten wir so viel mehr! Im Grunde geht es mir darum, das dynamische Potential von Menschen und Gesellschaften zu wecken. Das geht aber nur mit einem wirklichen Wechsel des Erkenntnisparadigmas. Wir müssen das "Denken des Denkens" neu lernen und dafür systematisch und strukturell Räume schaffen.

Wenn wir das an einem konkreten Beispielen durchspielen, wie sähe das aus?
Nehmen wir das Beispiel der Pflege, der Care-Ökonomie: Dort ist der Gemeinsinn konstitutiv, nicht nur dafür, dass jemand einen Pflegeberuf ergreift, sondern auch in der täglichen Arbeit, in dem direkten Zusammenspiel von Pflegepersonal und Patienten, in dem Eingehen auf die wirklichen menschlichen Bedürfnisse. Wenn wir aber keine sozialen Strukturen haben, die ihn stützen, ihm Wertschätzung geben, dann scheuert sich der Gemeinsinn wund, er erschöpft sich, und man landet – individuell wie kollektiv – im Burnout.

Wie lässt sich das ändern? Die geläufigste Antwort bestünde darin, zu sagen: Ihr wollt Wertschätzung, also versuchen wir, Wertschätzung ins Medium des Monetären zu übersetzen, das heißt, euch besser zu bezahlen.
Eine einzelne monetäre Maßnahme würde nicht reichen, dafür spricht auch die Empirie: Primär geht es um die Mitgestaltung von sinnhaften Strukturen. Die Geldlogik ist immer auf Vorhersehbarkeit angelegt, dabei ist der Pflegeberuf inhärent unvorhersehbar. Es braucht kreative Routinen, die sich kontinuierlich selbst erneuern dürfen. Die zu schaffen, ist eine organisatorische Gestaltungsaufgabe, die nur mit den beteiligten Menschen geht. Gerechte Bezahlung sollte ein Ergebnis dieser Prozesse sein - und nicht gleichsam von oben durch starre und realitätsferne Effizienzkalküle gesteuert werden. Es ist wie bei der Erde: Strukturen müssen von unten nach oben, von flüssig nach fest wachsen - und nicht umgekehrt.

Wie sähe ein besseres Pflegesystem denn aus? Und könnten wir es uns überhaupt leisten?
Es gibt Modelle wie die Nachbarschaftspflege in den Niederlanden oder andere Pflegekonzepte wie in den Demenzdörfern, in denen die Gewinnmaximierung ausgesetzt wird. Das Interessante ist, dass diese neuen Strukturen, die auf dem Gemeinsinn aufbauen, gar nicht mehr kosten: Weil sie sich an realen Bedürfnissen, aber auch Potentialen orientieren, und Abflüsse an externe Shareholder oder all die Energieverluste und Kosten, die durch die Gewinnmaximierung entstehen, verhindern.

Warum ist die Gewinn- und Nutzenmaximierung, das Denken im Modus des homo oeconomicus, trotz aller Schäden, die es schlägt, trotzdem so hartnäckig erfolgreich?
Das lässt sich mit epistemischer Gewalt erklären, mit der systematischen Auslöschung anderer Wissensformen, bewusst oder unbewusst. Das fängt schon an der Uni an, wo Studierende mit ihren Erfahrungen ankommen und dann sagt die Ökonomik, wie es mein Kollege Bachmann ausgedrückt hat: „Lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet!“ Den Studierenden der Ökonomie, das sind in den einführenden Lehrveranstaltungen ca. 20 Prozent aller Studierenden in Deutschland, vermittelt die Standardlehre lediglich implizit, nur auf Grundlage einer Gewohnheit zu denken: Denk dran, wie du im Supermarkt einkaufst, wie du eine Ware gegen die andere abwägst, und dann dafür bezahlst, mit Geld. Das ist die einzige Gewohnheit, auf die du dein Denken fußen musst. Auch wenn es offenkundig gar nicht passt, wie in der Pflege, trotzdem heißt es: Tu überall so, als gäbe es Preise. Die Chicago-School fordert stillschweigend so zu agieren, als würden Märkte in jedem Bereich menschlichen Lebens existieren, und nennt das ökonomischen Imperialismus. Mein Kollege Walter Ötsch bezeichnet es treffend als Marktfundamentalismus: Die Erfahrung, wie wir auf Märkten miteinander umgehen, wird verabsolutiert, um alles in der Welt auf Grundlage dieser oberflächlichsten aller Gewohnheiten zu denken.

Ist das deshalb so erfolgreich, weil es so abstrakt ist?
Ja, wir erleben das ja alle selbst jeden Tag: Wenn ich in den Supermarkt gehe, dann ermöglicht uns die Abstraktion, die durch Geld bewirkt wird, dass wir die ganze gesellschaftliche Dynamik dahinter vergessen können, wir müssen es sogar. Es ist nicht wichtig, wie es der Kassiererin geht, ob es im Betrieb Schwarzarbeit gibt, oder wie das Brot gebacken wird. In jeder Geldhandlung erleben wir, dass wir alles zum Schweigen bringen, was vorher gewesen ist; nur so können wir alles berechnend vergleichen. Das ist die Realabstraktion des Geldes, wie Sohn-Rethel das nennt.

Sie sind ja Mitgründerin der Cusanus-Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Wie unterrichten Sie Ökonomik dort anders als an herkömmlichen Hochschulen?
In meinen Vorlesungen besteht die Einführung in die Volkswirtschaftslehre etwa darin, die Gewohnheiten des Geldes nicht vorauszusetzen, sondern explizit zu thematisieren und die die Erfahrungen des Supermarkts bewusst zu reflektieren. Dann merken die Studierenden sehr schnell, dass das ja nur eine Möglichkeit ist, wirtschaftliche Kooperation zu gestalten - Produktion, institutionelles Zusammenleben, Verteilung: Sie alle funktionieren ganz anders und benötigen alternative Fähigkeiten der Kooperation und Kommunikation! Dann erforschen wir trans- und interdisziplinär, wie diese sich verstehen und fördern lassen.

Reicht es dafür, Kritik zu üben?
Natürlich ist Kritik Teil unserer Arbeit. Aber man darf dabei nicht vergessen, dass die Kritik, der Marktfundamentalismus sei realitätsfern, eigentlich keine Kritik ist: Das ist ja der Punkt daran, weit weg von der Realität des gesellschaftlichen Magmas zu sein. Und wir müssen von der Kritik eben auch in die Gestaltung von Alternativen kommen. Dafür ist es etwa wichtig, über die Motivation zu reden. Eine Wissenschaft, die heute nicht mehr über ihre Motivation redet, hat ja im Grunde die Motivation, dass Motivation keine Rolle mehr spielen soll. Bei uns ist die Motivation vieler Studierender, Wirtschaft zu studieren, weil es der gesellschaftsgestaltendste Bereich ist. Sie wollen sich in Realität einmischen und gestalten. Das schaffen sie nicht allein mit Kritik, sondern nur mit neuen konstruktiven Ansätzen. Darin bestärken wir sie. Bei uns gibt es dafür etwa den Bereich der studentischen Forschung, in dem Studierende sich selbst Fragen und Bereiche suchen und wir ihnen dann helfen, diese methodisch zu erforschen.

Woran wird denn dabei dann geforscht?
Etwa zum Bereich der Commons, also aller sozialen Organisationsformen jenseits von Markt und Staat. Dann gibt es viel ökologische und nachhaltigkeitsorientierte Forschung. Eine Absolventin von uns hat gerade den BUND-Forschungspreis für ihre Masterarbeit über die Governance des ‘Gerechten Strukturwandels’ am Beispiel des Rheinischen Braunkohlenreviers gewonnen. Andere Studierende befassen sich mit Zukunftsbildern und Zukunftsnarrativen. Ein wichtiges Ergebnis dabei ist etwa, dass wir in der Gesellschaft über erschreckend wenig Bilder verfügen, wohin wir wirklich wollen. Als Hochschule für Gesellschaftsgestaltung möchten dazu beitragen, jungen Menschen Erfahrungen von Gemeinsinn zu ermöglichen und ihre Imaginationskraft, ethische Urteilskraft und praktische Gestaltungsfähigkeit zu stärken. Auf dass sie die Grundfesten unserer Wirtschaft wirklich ändern können, bevor es Krisen tun.

Zur Person

Silja Graupe, Jahrgang 1975, ist Professorin für Ökonomie und Philosophie. Sie hat in Japan, Deutschland und den USA studiert. Graupe ist Leiterin des Instituts für Ökonomie und Vizepräsidentin der 2014 gegründeten „Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung“ in Bernkastel-Kues in Rheinland-Pfalz. Dort studieren derzeit mehr als 100 Studierende. Die Cusanus Hochschule hat das erklärte Ziel der „Entwicklung einer lebensdienlichen Ökonomie und der Nachhaltigkeit“.

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06:00 30.06.2020

Ausgabe 28/2020

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