Abi rennt Tykwer hinterher

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Tom Tykwer hat in Kenia einen Film produziert, einen Märchenfilm. Er spielt in Kenias Hauptstadt Nairobi, genauer gesagt, in Kibera, ihrem größten Slum. Mitwirkende sind beherzte Jugendliche von Kibera, versagende Erwachsene, eine behufte Hexe und ein guter Mensch, der am Ende die Kette der Probleme löst. Der ist - man wundert sich dann doch über die Unbedarftheit des großen Regisseurs gegenüber allen postkolonialen Debatten - ein Scheck wedelnder, innerlich verarmter, aber netter, weißer Mann. Damit ist der wirkliche Pferdefuß dieses modernen Märchens auch schon genannt.

Einiges an dem Film "Soul Boy" verdient Anerkennung: Er ist während eines Workshops entstanden, den Tykwer für junge Leute in Kibera anbot, und viele der Mitwirkenden sind Bewohner dieses Viertels. Kibera ist dem westlichen Zuschauer bislang aus Filmen wie „Der ewige Gärtner“ bekannt, wo es als Kulisse für weiße Akteure und als Illustration für das Elend des Afrikaners an sich fungiert. Dieser Film dagegen stellt zwei jugendliche Ghettobwohner ins Zentrum des Geschehens, die Zuschauer sehen den vielseitigen Alltag in Kibera aus ihrer Sicht. Mietschulden und Kriminalität gehören ebenso dazu wie Verliebtheit und Freundschaft, Spannungen aufgrund ethnischer Zugehörigkeiten und Aids, kindlichen Mutproben, Frauen, die Familien managen und Männern, die sich in Alkohol flüchten. Der Film erzählt eine Geschichte und es gelingt ihm, viele Aspekte anzusprechen, ohne das Klischee vom elenden, hilf- und tatenlosen Afrikaner zu widerholen. Das ist recht viel angesichts des hierzulande dominierende Afrika-Heimatfilms, in dem Afrikaner die Rolle der servilen Statisten einnehmen, neben deren Passivität die weißen Pioniere, Ärzte, Naturschützer und Abenteurer geradezu hyperaktiv scheinen.

Hinzu kommt, dass man den Film gerne sieht. Er ist interessant, er ist schnell und mitunter witzig. Eine ganze Weile ist man froh, endlich einen Film aus und über Afrika zu sehen, der etwas vom Alltag der Menschen dort erzählt, einen Film, den man gern weiter empfiehlt. Doch dann kippt der Plot gnadenlos. Abi bekommt Gelegenheit, im reichen Vorort Karen eine weiße Familie zu besuchen, er rettet (selbstverständlich) das Leben der Tochter des Hauses und erhält als Belohnung seinen Scheck. Darüber hinaus entwickelt der Bursche plötzlich die geradezu buddhistische Weisheit, die man armen Menschen gern andichtet, und die ihn erkennen lässt, dass der unverschämt reiche Weiße seelisch gesehen ein armer Schlucker ist.

Ein - gelinde gesprochen - zynischer Abschluß von Abis Reise durch Nairobi. Er fährt wohlgemut zurück in den Slum, seine kluge Freundin freut sich über die Buntstifte aus Karen. Am Ende des Filmes haben wir dann den Afrikaner, wie ihn sich der wohltätige Europäer wünscht: Dankbar gegenüber Almosen, zufrieden im Ghetto, ohne Anspruch auf den Reichtum zu erheben, in dem jener es sich bequem macht.

So sehr es zu begrüßen ist, dass Tykwer sein Wissen über’s Filmemachen dort weitergibt, wo Kunst nicht zu den primären Bedürfnissen zu zählen scheint – er hat über’s Ziel hinausgeschossen. Im Grunde ist der Plot seit Lola wohlbekannt, und wie groß der Einfluss des Produzenten auf die junge kenianische Filmemacherin, Hawa Essuman, war, lässt sich ahnen. Wie der 14-jährige Abila durch Kibera und einst Lola durch Berlin, jagt der Film einer frühkolonialen Märchenmoral hinterher, in der die Weißen die mildtätigen Menschenfreunde sind, deren ökonomische Macht mit keiner Silbe hinterfragt wird.

Tykwer möchte noch mehr Filme in Kenia machen. Wenn man den deutschen Star-Produzenten und seine kenianische Regisseurin gemeinsam sieht, hat man den Eindruck, das typische Lehrer-Schüler-Verhältnis der klassischen Entwicklungsphilosophie widergespiegelt zu sehen. Ob der gute weiße Mensch mit dem Scheckbuch auch noch in Filmen vorkommt, deren Regisseure sich aus Tykwers Schule gelöst haben, darauf darf man gespannt sein. Dann werden vielleicht Filme mit ganz anderen Lösungen entstehen. Oder auch völlig ohne Lösungen, Filme, die den kenianischen Lebensalltag ohne märchenhafte Zusätze darstellen. Ob diesen Filmen allerdings im Westen dann mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als sie der afrikanische Film bisher genießen durfte – nämlich eine sehr mäßige – auch das wird sich zeigen.

22:21 09.12.2010
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Geschrieben von

perlenklauben

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