Kony und die Laptops

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Mitten während der Berlinale rief der Oberfilmmeister Kosslick das Berliner Publikum auf, sich unbedingt den Film War Witch anzusehen, der im Wettbewerb lief. Ich habe War Witch im riesigen Berlinale Palast gesehen.

Während ich, die Afrikawissenschaftlerin, von Minute zu Minute entsetzter darüber war, in welcher epischen Breite, filmischen Eleganz und völligen Schamlosigkeit dieser (später ausgezeichnete) Film alle Klischees einsetzte, die ein Mensch aus dem Westen in einem Film über Afrika haben möchte (Kindersoldatin, ominöse Drogen aus dem Dschungel, um sie gefügig zu machen, sexueller Missbrauch, sprechende weiße Geister, eine 13jährige, die einsam, aber regelrecht routiniert am Flußufer ihr Kind entbindet), war der Mann neben mir zunehmend entsetzt über das, was der Film erzählte. Und als er mich später befragte, beschämte mich fast meine Kritik an der Form des Filmes gegenüber den inhaltlichen Antworten, die ich geben musste. Ja, es gab und gibt im Kongo, in Ostafrika, in Afrika immer wieder Konflikte, bei denen zahlreiche Kinder, Mädchen und Jungen, entführt werden. Nein, es ist nicht erfunden, dass sie gezwungen werden, ihre Eltern oder andere Angehörige zu erschießen, ja, sie werden als kostenloses Kriegsmaterial genutzt, ja, sie schürfen Rohstoffe, ja, sie müssen die Schürfgründe mit der Waffe verteidigen, und schließlich ja, wir im Westen profitieren von dieser ganzen Schweinerei durch die Verfügbarkeit billiger Rohstoffe, sei es Coltan oder Diamanten oder was sonst zu holen ist. Meine Kritik am Film kam mir angesichts dieser Tatsachen sehr kleinlich vor.

Nun flutet Kony 2012 die Facebook-Seiten und man kann auch diesem Film einiges vorwerfen: Die „Triumph des Willens“-Ästhetik weckt gerade bei Deutschen den berechtigten Wunsch nach Abstand, und die aufs Minimale reduzierte Darstellung Ugandas lässt besonders Afrikawissenschaftler zurückschrecken. Dennoch – ich sehe keinen Grund, das Ziel des Filmes irgendwie falsch zu finden. Denn Jason Russel hat mit seinem Film Kony 2012 und mit Riefenstahl-Methodik bei unzähligen Menschen bewirkt, was War Witch bei meinem Kinobegleiter erreicht hat: Aufmerksamkeit für ein viel zu vernachlässigtes Thema. Anders als War Witch transportiert Kony 2012 aber nicht lähmende Hilflosigkeit. Kony 2012 suggeriert, es gäbe eine Möglichkeit, ganz bequem, vom Wohnzimmer, vom Schreibtisch, vom Computer aus, gegen einen jener Warlords vorzugehen, deren Macht und Überleben vomMissbrauch ungezählter Kinder abhängt.

Die Kritik an Kony 2012 ist vielstimmig, und einige Aspekte daran teile ich durchaus. Die Süddeutsche Zeitung etwa fröstelt angesichts des Tempos, mit der sich hier meiste junge Menschen rund um den Globus zu einem Feldzug mobilisieren lassen, ausschließlich aufgrund eines 30minütigen Filmes, dessen Information auf die Schnelle kaum überprüft werden kann. Der ugandische Journalist Michael Wilkerson warnt im Guardian vor dem einseitigen Bild, den dieser Film von Uganda schafft. Und er erkennt im Engagement der Filmemacher den Paternalismus weißer Macher wieder, der den afrikanischen Kontinent entmündigt und entwürdigt.

Tatsächlich aber ist es so, dass Kony 2012 und die globale Unkenntnis über Joseph Kony vor allem eines bloß legt: Die Unfähigkeit und den Zynismus des Journalismusbetriebes. Dessen Aufgabe wäre es, Verbrecher wie Kony und seine kriegstreibenden Kollegen unermüdlich in ein globales Bewusstsein zu bringen. Dessen Anliegen müsste es sein, Informationen über sie zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Angesichts der Welle an Aufmerksamkeit, die ein 30minütiger Film schlagen kann, wird das Versagen der großen Medien umso offensichtlicher. Die Kritik an der Anti-Kony-Kampagne, die nun allerorten zu lesen und sehen ist, trägt zwar dazu bei, die Debatte und das Interesse am Laufen zu halten. In ihrer Konsequenz allerdings wirkt sie seltsam verloren. Die meisten Journalisten scheinen zu spüren, dass sie von Jason Russel und Kony 2012 gnadenlos vorgeführt werden.

Wie auch immer es mit Kony 2012 und Invisible Children weitergeht - etwas Wichtiges haben beide erreicht: Nicht nur Joseph Kony ist in ein weltweites Bewusstsein gerückt. Es wird auch debattiert über die Art und Weise, wie man mit Konflikten heute umgehen kann. Dass man sie nicht hilflos hinnehmen muss. In Zeiten, in denen Völkermörder Massaker und Vergewaltigungen in Zentralafrika vom Laptop aus organisieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch ein weltumspannendes Netzwerk dagegen Erfolg hat.


(Allerdings nicht mit dem Freitag, bei dem jedes Neuladen ewig dauert...)

22:18 12.03.2012
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Geschrieben von

perlenklauben

Perlen werfen
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