Studieren und Promovieren

In den Hochschulen: Einige signifikante Krankheiten.
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Da hat sich am 20. Januar Ralf Klausnitzer zur universitären Lehre zu Wort gemeldet. Und am 6. März Erhard Schütz, diesmal zur Forschung und der Situation bei den Doktoranden. Beide Probleme liegen mir am Herzen, also gebe ich auch diesmal wieder meinen Senf dazu. Allerdings bin ich nicht in den Literaturwissenschaften unterwegs gewesen, sondern meine Erfahrungen bei MINT gesammelt. Trotzdem sind die ähnlich. Wobei ich eingangs gleich etwas provokativ die Frage stelle:

Braucht es wirklich all die Studenten/innen und Doktoren/innen?

Folgt man der Politik, dann lautet die Antwort: Ja! Folgt man dem Bedarf, dann möchte man sagen: Kommt darauf an welche!

Beim Hochschulstudium unterscheidet man gewöhnlich zwischen universitärem und Fachschulstudium. Diese Unterscheidung sollte dadurch gerechtfertigt sein, dass das universitäre Studium vorrangig das Ziel hat, Absolventen auszubilden, deren Einsatz in Forschung und Entwicklung besteht, sowie den akademischen Nachwuchs abzusichern. Hingegen sind Fachhochschulen hauptsächlich verantwortlich für die Ausbildung von Absolventen mit einem Einsatz in der Wirtschaft und Industrie bei der Bewältigung aktueller Aufgaben. Daraus ergeben sich unterschiedliche Orientierungen in der Ausbildung, auf die ich hier nicht eingehe.

Leider verschwimmen diese Unterschiede zunehmend. Aus meiner Sicht sind dafür zwei Gründe maßgebend:

Erstens stehen die Universitäten unter dem Druck, die Studierendenzahlen hoch zu halten. Sie werben mit allen Mitteln um Studenten/innen. Ein Mittel ist die Installation von skurrilen und hoch spezialisierten Studiengängen. Die TU-München bietet über 100 verschiedene Studiengänge an, allein fünf verschiedene in Mathematik. An dieser Zahl ist vielleicht auch die Aufteilung in Bachelor und Master mit schuld, trotzdem!

Zweitens haben die Fachhochschulen den Drang, sich durch Forschung zu etablieren. Das bedingt, dass Verbindungen zur Lehre aufzubauen sind. Man dringt damit in die Domäne der Universitäten ein und möchte natürlich analog behandelt werden.

Dieser Trend zeigt sich in den vorgenommenen Zusammenlegungen von Universitäten und Fachhochschulen, zuletzt in Cottbus praktiziert. Verwässerung der Zielstellung auf der einen Seite und über das Ziel hinausschiessen auf der anderen werden für die Studierenden die Sache nicht einfacher machen, sich für eine Richtung zu entscheiden. Eine Konsequenz sind vermehrte Studienabbrüche auf beiden Seiten. Das machen sich mittlerweile die Handwerker zunutze, indem sie sich die „Versager“ im Studium als Lehrlinge angeln.

Wurde das Studium aber erfolgreich absolviert, dann steht die Frage nach dem beruflichen Einsatz. Da gibt es schon seltsame Erscheinungen. Wenn eine (promovierte) Absolventin der Humanbiologie Mikroskope justiert beziehungsweise Hinweise zur menschgerechten Bedienung macht, dann kann man eine Verbindung zum Studienfach vielleicht ahnen. Auch, wenn eine Architektin ein Cafe eröffnet und dafür einen Gründerpreis erhält, hat das Studium zumindestens bei der Inneneinrichtung genützt, hofft man. Wenn sich aber Literatur-Absolventen der grandiosen Idee widmen, am Abend bei den Bäckern der Stadt nicht verkaufte Ware einzusammeln, um dann diese am nächsten Tag in Haustürgeschäften abzusetzen, dann ist diese Geschichte höchstens Grundlage eines späteren Romans. „Freiheit hat seinen Preis“ kann man, wie auch unser verehrter Bundespräsident, betonen. Wo aber bleibt die Verantwortung, die er ja neuerdings auch mit im Repertoire hat, bei der Studienberatung? Diese konzentriert sich sehr darauf, das Studium, egal in welcher Richtung, schmackhaft zu machen.

Findet man durchaus keinen Einstieg in eine berufliche Praxis, dann könnte man vielleicht promovieren. Man nutzt aus, „dass Promotionswillige umgarnt und umhegt werden“ (Erhard Schütz im Kulturkommentar vom Freitag, 6. März 2014). Drei Motive sehe ich für die Promotionswilligen:

Erstens, wie eben angedeutet, das Schliessen einer Lücke im Leben. Ob es mit der Promotion was wird, ist dann nicht so wichtig. Wenn ja, dann hat man einen Titel und sieht weiter, wenn nicht, dann wird sich auch was finden.

Zweitens, das ist das „hehre“ Motiv, man will sich in der Wissenschaft beweisen, etwas beitragen. Dass dabei ein Titel mit raussspringt ist der angenehme Nebeneffekt, der dann auch eine weitere akademische Karriere eröffnet. Solche Kandidaten haben aus meiner Erfahrung schon Vorstellungen zum Gegenstand der Untersuchungen und der Wissenslücken, zu deren Schließung sie beitragen möchten. Leider sind sie, wie ich auch aus dem Kommentar von Schütz herausgelesen habe, für die Betreuer nicht immer die angenehmsten.

Drittens ist es die Titelgier, die Menschen verleitet, sich eine Promotion zuzumuten. Diesen Kandidaten ist das Thema nur insofern wichtig, dass es zum Erfolg führt. Oft streben sie eine Promotion als Externe an, die Betreuer bemühen sich, dabei nicht zu sehr beansprucht zu werden.

Nicht immer kann man die Motive so klar trennen. Am Anfang kann von allem etwas dabei sein. Das macht den Umgang mit den Kandidaten schwierig. Man nimmt an, eine Frau oder einen Mann als hoffnungsvolle Nachfolger akademischen Lebens gestalten zu können und dann wechseln diese ihre Absichten. Das ist ja legal, kommt oft vor, siehe unsere Bundeskanzlerin oder die Bundesministerin für Bildung und Forschung. Erstere hatte sich, außer ihrer Dissertation, auch sonst wissenschaftlich betätigt, was ein Dutzend Publikationen, bei denen sie beteiligt war, bezeugen. Dann erschien offenbar die Politik ein interessanteres oder lohnenderes Feld zu sein. Letztere wurde 1993 sogar zur Professorin berufen, allerdings mit einem Publikationsumfang von nur zwei Arbeiten, wenn ich richtig recherchiert habe. Also, in der DDR hätte sie da schon gute Freunde in der SED Spitze gebraucht, um berufen zu werden.

Bleiben aber die Promoventen tatsächlich im akademischen Leben hängen, dann sollte neben der Dissertation schon noch mehr getan werden. Erfahrungen in der Lehre, auch im umgebenen Bereich, täten gut. Leider funktioniert das heutzutage nur teilweise. Etwa Drittmittelmitarbeiter, denen meist auch mit Promotionsmöglichkeiten gelockt wird, haben keine Lehrverpflichtungen, außerhalb des eigentlichen Forschungsgebietes gleich gar nicht. In der DDR, ich komme leider immer wieder auf die alten Zeiten zurück, weil da ein Großteil meiner heute natürlich nicht mehr wichtigen Bemühungen als Professor lag, gab es ähnliche Ansätze: Die sogenannten Forschungsstudenten. Das hatte sich schon damals nicht bewährt! Aber da es ja eine Diktatur war, konnte mein mir übergeordneter Bereichsleiter Professor Nikolaus Joachim Lehmann autoritär anordnen, welche der Assistenten welche Vorlesung zu betreuen haben ohne auf den Gegenstand deren Promotion Rücksicht zu nehmen, was er aber in einem gewissen Rahmen trotzdem tat. Im demokratischen Cottbus dann wurden meine Hinweise zum gegenseitigen Austausch der Mitarbeiter für Lehraufgaben nur wegen des guten Willens von zwei oder drei meiner Kollegen realisiert.

Nun könnte man argumentieren: Was jammert der blos rum, der Wert und die Wertschätzung einer Dissertation und des entsprechenden Titels ist doch sehr gering. Richtig, bei den Medizinern sind wir das schon lange gewohnt. Die haben oft den Titel lange vor dem Facharzt. Und die Verteidigung, die heute meist Aussprache genannt wird, ist eine Farce. Leider wird den Medizinern in dieser Angelegenheit nachgeeifert. Gutachten belasten. Ich habe solche von einer halben DIN A4 Seite gesehen. Mühe gibt man sich nur, wenn man dadurch Aufmerksamkeit erzeugen will. Also übersieht man schnell mal Ungeschicklichkeiten. Das wäre gar nicht mal so schlimm, aber auch Fehler werden oft nicht entdeckt (auf meinem Gebiet ist die Gefahr des Plagiats nicht so groß). Wenn keine Fehler gesehen werden, ist als Note nur ein „sehr gut“ angebracht. Wer insgesamt nur ein „cum laude“ als Prädikat erhält, der schämt sich. Eine Flut von „magna“ und „summa“ droht.

So kommt es zu dem Effekt, dass neue Generationen von Hochschullehrern, die es nicht anders kennen, ihre eigene enge Ausrichtung auf die Nachfolger übertragen.

Dabei möchte ich die Schuld für solche Miseren nicht allein auf meine gewesenen Kolleginnen und Kollegen abladen. Sie sind, wie ich es von 1995 bis zu meinem Ruhestand war, einem von der Politik ausgeübten Druck ausgesetzt: Hohe Studentenzahlen, wenig Abbrecher, hohe Drittmitteleinnahmen, viele Doktoranden, viele Publikationen. Auch die Lehre wird evaluiert, meist anonym durch die Studenten. Aber das ist ein anderes Thema.

18:25 07.03.2014
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Geschrieben von

Peter Bachmann

Mathematiker/Informatiker, Hochschullehrer im Ruhestand, kritisch eingestellt, trotzdem Optimist
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Peter Bachmann

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