Zu Ralf Klausnitzers

Kommentar: Der akademische Kapitalismus in Deutschland
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wie wahr! Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Dass die Verantwortung für die Lehre bei den Leitern von Lehrstühlen immer mehr in den Hintergrund rückt und damit die Qualität mindert, hat mindestens noch zwei weitere Gründe.

Erstens ist grundlegende Forschung ohne den immensen administrativen Aufwand bei der Beantragung von Fördermitteln kaum noch möglich. Da wird schon erwogen, spezielle Mitarbeiter einzustellen, die sich auf die Prozedur der Antragstellung konzentrieren können und diese so besser beherrschen. Ob das wohl mal eine Wissenschaftsdisziplin wird? Dazu kommt, dass die Lehrstühle und die damit betrauten Professoren/innen bei allen möglichen Evaluationen bzw. Rankings an der Höhe der erreichten Drittmittel gemessen werden. Das verführt regelrecht zur Jagd. Die aus diesen Mitteln bezahlten Mitarbeiter werden dann, entsprechend der Zweckgebundenheit, wenig bis nicht in der Lehre eingesetzt. Sie konzentrieren sich in der Qualifikation oft einseitig aufs eingesetzte schmale Forschungsgebiet und sammeln damit natürlich keine Lehrerfahrung. Auch bei der von der Wirtschaft finanzierten Forschung ist das ähnlich. Hier mag die Antragstellung mitunter einfacher sein, dafür ist der Forschungsgegenstand kurzlebiger und stark vom Auftraggeber dominiert.

Zweitens werden Ausgründungen von Instituten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geradezu in den Himmel gelobt. Sie sind es natürlich auch, vor allem aber lukrative Nebenverdienste der Institutsleiter. Wie viele der Professoren/innen auf dem Gebiet der Architektur haben eigentlich kein eigenes Büro? Leider, bei den Naturwissenschaftlern und Mathematikern läuft es da nicht so rund. Aber, da bin ich mir sicher, das wird auch noch. Klar, man kümmert sich natürlich zuerst um das Wohl des Institutes, bevor man sich die Aktualisierung der Vorlesung vornimmt. Besser noch, man überlässt das dem Mittelbau.

Zwei Gründe habe ich genannt, warum wie Ralf Klausnitzer schreibt, „Hochschullehrer in den überregulierten Bologna-Universitäten substantiell zu wenig Zeit (für die Lehre haben – Einschub von mir)“. Die Regularien sind allein nicht schuld daran. Und wenn doch, zumindest zum großen Teil, dann sind sie durch die Universitäten selbst gemacht. Am Bologna-Prozess gibt es andere Schwachpunkte, aber das steht auf einem anderen Blatt. Weiter bedauert Ralf Klausnitzer: „Der Gewinn und die Sicherung von Reputation ist dabei zu einem Spiel geworden, dessen Regeln immer schwerer zu durchschauen sind“. Ob es da Regeln gibt, ist auch für mich nicht zu erkennen, aber vielleicht hilft das Stichwort Lobby etwas bei der Beantwortung der Frage.

17:30 17.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Bachmann

Mathematiker/Informatiker, Hochschullehrer im Ruhestand, kritisch eingestellt, trotzdem Optimist
Schreiber 0 Leser 1
Peter Bachmann

Kommentare