So schläft das Blut der Erschlagenen nicht

Antike trifft Gegenwart Die renommierte Berliner Regisseurin Christina Emig-Könning inszeniert auf einer Baustelle in Friedrichshain antike Geschichte mit einer Gruppe junger Schauspieler
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Es war schon eine geniale Idee, das von der Berliner Regisseurin Christina Emig-Könning erarbeitete Antikeprojekt „So schläft doch das Blut der Erschlagenen nicht“ Open-Air auf einer Baustelle zu inszenieren. Bauzäune links und rechts, eine alte Mauer als Hintergrund, ein provisorischer Bodenbelag...selbst die gelagerten Baumaterialien fügten sich nahtlos ins Bühnenbild. Und als wäre das noch nicht genug, ist die Spielfläche zudem das Dach einer in der Entstehung befindlichen Bühne, die der kooperierenden Berliner Schule für Schauspiel in Berlin-Friedrichshain demnächst als Zuhause dienen wird.

Geführt von Chrstina Emig-Könning, deren Handschrift in deutschen Theaterkreisen wohl bekannt ist, entfachten die zehn jungen Schauspieler zwischen Zementsäcken und Bauschutt ein beachtenswertes spielerisches Feuer, dessen Schein auch die Hallen der etablierten Berliner Theaterszene erhellen könnte – so er sie denn erreichen würde.

Das als szenische Collage konzipierte Stück konzentriert sich in seiner künstlerischen Aussage auf den Titel: „So schläft doch das Blut der Erschlagenen nicht“. Blut fordert neues Blut und jeder Mord schreit rachetrunken nach weiteren Opfern – egal wie individuell nachvollziehbar und scheinbar gerecht die Greueltaten auch immer gewesen sein mögen. Diese scheinbar unausweichliche und tödliche Konsequenz, diese zeitlose Wahrheit der griechischen Antike erhält in der Inszenierung von Christina Emig-Könning eine aktuelle gesellschaftliche Relevanz. Denn auch heute schläft das Blut der Erschlagenen nicht – nicht in Syrien, nicht in Gaza, nicht im Irak, in Libyen in der Ukraine und überall dort, wo der Boden mit dem Blut der Opfer getränkt wurde. Die Tyrannen sind unter uns und die Gewänder der Helden kaschieren nach wie vor nur mangelhaft das Leid der Getöteten. Alles wiederholt sich. Die Höllenhunde kommen und jagen am Ende des Stücks alle Spieler - David Ford, Ulla Guhl, Fiona-Maria Karagiannidou, Jessica Kollande, Sebastian Kowollik, Jonas Münchgesang, Adrian Pfeifer, Nadine Pirchi, Cathleen Rabe und Marit Thelen - wieder auf ihre Posten hoch auf den Mauern der Stadt zurück wo sie die Götter anflehen. „Die Veränderung, sie muss kommen. Jetzt!“

16:15 20.06.2018
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Geschrieben von

Peter Clotten

Jahrgang 1955, Rheinländer, Buchautor, war lange im Lokaljournalismus unterwegs und habe ebenso lange im Nahen und Mittleren Osten gelebt
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