Energiekrise

MANNSEIN War das nicht eine beeindruckende »Män nerbewegung«, die wir in den vergangenen Wochen beobachten konnten: Männer in Brummis, die die Städte ...

War das nicht eine beeindruckende »Män nerbewegung«, die wir in den vergangenen Wochen beobachten konnten: Männer in Brummis, die die Städte blockierten, Männer an Tankstellen, männliche Politiker, die von den arg gebeutelten männlichen Autofahrern um Hilfe gebeten wurden.

Eigentlich hatten wir es ja mit mehreren »Männerbewegungen« gleichzeitig zu tun die miteinander konfligierten. Auf der einen Seite die Männer in den erdölexportierenden Staaten, die dem drohenden Ende ihrer (noch) wertvollen Ressource mit einer Verknappung der Fördermengen zuvor kommen möchten, auf der anderen Seite die Multis, denen der hohe Dollarkurs ein willkommener Anlass war, wieder richtig die Preise und damit die Gewinne in die Höhe zu treiben, schließlich noch die Politiker, deren Ökosteuer die Verantwortung für die ganze Misere in die Schuhe geschoben wurde. Ein klassischer Fall dessen, was politikwissenschaftlich gesprochen als Legitimationsproblem des kapitalistischen Staates umschrieben werden kann: der Staat wird für etwas verantwortlich gemacht, wofür er gar nichts kann, da die betreffenden Entscheidungen in der Wirtschaft fallen. Fast gar nichts möchte ich anfügen - denn hat es die Politik nicht versäumt, rund zwanzig Jahre nach der letzten Erdölkrise, die uns die wunderbaren autofreien Sonntage beschert hatte, Alternativen zur ressourcenvergeudenden und umweltverschmutzenden Technologie der Verbrennung fossiler Stoffe zu entwickeln? Warum eigentlich?

Die Antwort auf diese Frage berührt einen Themenkomplex, mit dem sich kritische Männerforschung bisher kaum beschäftigt hat: das Spannungsfeld von Technik, Politik und Männlichkeit. Dabei ist in unserer Geschlechterordnung neben physischer Gewalt fast nichts enger mit Männlichkeit verbunden als Technik, technische Kompetenz und die Macht über Maschinen: »Männlich zu sein heißt«, so die Techniksoziologin Susane Omrod, »technisch kompetent zu sein (...) Weiblich zu sein heißt, nichts oder wenig mit Technik zu tun zu haben«. Ein Bild das sicht hartnäckig hält, obwohl rund ein Drittel der Männer keine Waschmaschine programmieren können. Technik wird trotzdem als Männerkultur etabliert, was Frauen von diesem gesellschaftlichen Bereich weitgehend abhält. Und so sind nur rund 3 Prozent der Ingenieure weiblich. Gerade der Ingenieur wird als Inbegriff von Männlichkeit gesehen, die ältesten Wurzeln dieses Berufs liegen im Militärwesen. So hat der englische Physiker Brian Easlea, einer der wenigen Männerforscher, der sich mit diesem Thema beschäftigt hat, gezeigt, wie die an der Entwicklung der Atombombe beschäftigten männlichen Wissenschaftler ihre Tätigkeiten mit sexistischen und misogynen Metaphern belegten. Überhaupt ist die ganze Geschichte der neuzeitlichen (Natur-)Wissenschaft von Anbeginn ein - wie es Francis Bacon schon 1602 formulierte - männliches Projekt. Natur wird dabei als endlos ausbeutbare, leblose Materie gesehen, die zudem mit »Frau« weitgehend gleichgesetzt wird - ein Bild, das in etwas abgeschwächter Form auch heute noch vorherrschend ist.

Nun ist aber Technik keineswegs homogen männlich - unterschiedliche Technologien können als Ausdruck unterschiedlicher Männlichkeiten gesehen werden. Vor allem Groß- und Risikotechnologien gelten auf der einen Seite als besonders männlich, während auf der anderen Seite einfache Umwelttechnologien - etwa Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung - infolge ihres (weiblich konnotierten) Vorsorgecharakters abgewertet werden. »Mehr als das Kriterium Betriebssicherheit gehören«, so noch einmal Easlea, »offenbar die Kriterien Kompliziertheit und Rentabilität zu den wesentlichen Problemen, die in einer männlichen Gesellschaft gelöst werden müssen, ehe ein größeres technisches Projekt ernsthaft geprüft und in Angriff genommen werden kann (...) An einfachen und logischen Antworten auf die Probleme der Welt sind maskuline Männer nicht interessiert ...« .

Folge ist, dass in der Bundesrepublik wie auch in anderen Industriestaaten bisher kleine, dezentrale einsetzbare Energie(spar)technologien nicht entwickelt wurden, die Fördermittel vielmehr in unsinnige Risikotechnikbereiche wie die nukleare Energietechnik und den Transrapid wanderten, und die Gesellschaft heute mit demselben Problem konfrontiert wird wie Ende der siebziger Jahre: patriarchale Strukturen sind einfach ein Innovationshemmnis.

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