Kein neues AKW an der deutschen Grenze - Ein offener Brief

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Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit erhebe ich Einspruch gegen den geplanten Bau eines neuen Atomkraftwerks in Borssele (NL). Für diesen Einspruch gibt es mehrere Gründe, die ich im weiteren ausführlich erläutern werde und um deren Berücksichtigung ich bitte. Da ich unweit der niederländischen Grenze in Bonn (DE) wohne, bin ich von dem Vorhaben direkt betroffen und stehe im aufgrund der Gefahr für Leib und Leben meiner selbst und meiner Mitmenschen ablehnend gegenüber. Folgende Punkte sind dabei von entscheidender Wichtigkeit:

1. Umweltzerstörung und Förderung von Unrechtsregimen beim Uranabbau

Durch den Bau eines Atommeilers wird der weltweite Verbrauch an Uran deutlich erhöht. Dies führt zu einem verstärkten Abbau und einem höheren Marktpreis für diesen Rohstoff. Dadurch werden vor allem die Ökosysteme und Bewohner der Abbaugebiete massiv gesundheitlich gefärdet. So werden für den Uranabbau große Mengen Wasser benötigt. Die größten Uranvorkommen der Welt liegen aber in Regionen absoluter Trockenheit (Australien), in denen ihnen nur fossile Wasserreserven zur Verfügung stehen, welche sich nicht regenerieren können. Die bei der Förderung entstehenden Trainlings (Schlacken und Abwässer) werden meist ungeschützt am Förderort zurückgelassen und stellen über tausende von Jahren eine schwere gesundheitliche Gefahr für Menschen dar. Desweiteren führt der weltweit hohe Bedarf an Uran auch zur Akzeptanz und Unterstützung menschenverachtender Regime in den Förderstaaten (z.B. Niger).

2. Hohe CO2 Emmisionen bei Transport von Uran und Bau von AKWs

Das Vorprodukt der in AKWs verwendeten Brennstäbe - der so genannte "Yellowcake" - wird nach einer energieintensiven Förderung über tausende Kilometer (aus Australien: über 24.000 Kilometer) nach Europa befördert. In Europa angekommen muss er unter hohem Energieaufwand weiterverarbeitet werden. Da AKWs vor allem aus Beton bestehen, entstehen auch schon bei Bau und später bei der Entsorgung große Emmissionsmengen. Rechnet man all diese Emmissionen auf die Produzierten Kilowattstunden um, so ist ein AKW meist Klimaschädlicher als eine Winkraftanlage und stößt sogar mehr CO2 aus als ein modernes Gaskraftwerk (ebenfalls unter Berücksichtigung der Produktionsemmissionen). Atomkraft ist also kein Klimaschutz, was für eine Abkehr von dieser Art der Energieerzeugung spricht.

3. Atomstrom und erneuerbare Energien können nicht gemeinsam wachsen

Wie der Atomstromkonzern e-on am Beispiel England darlegte, kann der Grundlaststrom aus Atomkraft nicht mit einem höheren Anteil erneuerbarer Energien gleichzeitig in einem Netz rentabel existieren. Das bedeutet, dass ein Bekenntnis der niederländischen Regierung zum Atomstrom das Wachstum erneuerbarer Energien deutlich einschränkt. Das ist nicht akzeptabel.

4. Risiko der Proliferation von Atomwaffen

Mit dem Bekenntnis westlicher Staaten zur Atomkraft, räumt man gleichzeit allen anderen Nationen das moralische Recht auf eine friedliche Nutzung der Atomkraft ein. Da aber friedliche und kriegerische Nutzung von Atomkraft nicht scharf trennbar sind und für beide Bereiche die selben Techniken und Geräte benötigt werden, ist jeder Staat der die Atomkraft zu Energieerzeugung nutzt, theoretisch auch zum Bau von Atomwaffen befähigt. Dies ist durch die Beispiele Pakistan, Indien, Korea und in jüngster Zeit Iran hinreichend belegt. Nur eine entschiedene Abkehr von der Atomkraft kann für eine Atomwaffenfreie Zukunft sorgen.

5. Dauerhafte gesundheitliche Gefärdung der Bevölkerung

In Deutschland wurden im Umkreis von AKWs erhöhte Krebsraten vor allem bei Kindern festgestellt. Die dauerhaft Gefährdung von Anwohnern durch den laufenden Betrieb eines AKWs kann nicht hingenommen werden.

6. Risiko eines GAUs oder anderen schwerwiegenden Unfalls

Atomkraft ist keine sicher beherrschbare Technologie! Die Beispiele Tschernobyl und Sellarfield sind nur zwei aus einer ganzen Reihe von Vorfällen, die dies belegen. Die Wahrscheinlichkeit eines GAUs mag zwar bei einem modernen AKW relativ klein sein, in anbetracht der Verwüstung die ein solcher Unfall auslösen würde, muss aber jedes Risiko ausgeschlossen werden.

Dies sind die wichtigsten Gründe, die für mich gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Borssele oder an irgendeinem anderen Ort sprechen. Statt über den Neubau von Atomkraftwerken nachzudenken, sollte vielmehr ein Ausstieg aus der Atomkraft so schnell wie technisch möglich vollzogen werden. Das wäre der Weg in eine saubere, Umweltfreundliche und sichere Zukunft.

Mit freundlichen Grüßen,

Peter Dörrie

Diesen Brief schicke ich an das zuständeige Ministerium. Jedem steht es frei, ihn unter seinem Namen ebenfalls zu verschicken. Adresse:

Ministerie van Volkshuisvesting, Ruimtelijke Ordening en Milieubeheer Directoraat-Generaal Milieu
Directie Risicobeleid/IPC 645
Postbus 30945
2500 GX Den Haag
Niederlande

Einsendefrist ist der 10. November 2009.

09:27 24.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

peter.doerrie

Ich bin 25 Jahre alt, lerne und schreibe über Krieg und Frieden, Afrika und Social Media.
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