Jede Sekunde zählt

Google Instant Verbeugung vor der Ungeduld - Google Instant ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Jetzt-sofort-alles-Maschine

Einfrieren müsste man überschüssige Zeit und, wenn sie gerade knapp ist, wie Tiefkühlspinat auftauen können. Da das noch nicht geht, haben sich die Ingenieure von Google etwas anderes einfallen lassen: Google Instant. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Jetzt-sofort-alles-Maschine. Seit vergangenem Mittwoch kann, wer über einen Google-Account eingeloggt ist, eine beschleunigte Form der Suche bestaunen. Statt Suchbegriffe einzugeben und Return zu drücken, erscheint nun mit jedem eingetippten Buchstaben eine neue Ergebnisseite.

Wer mit einem Computer arbeitet, will alles, und zwar sofort – eine aufreizende Art von Ungeduld. Bei Google weiß man, welche große Rolle kleine Zeiträume spielen. Eine Studie im Sommer 2009 ergab, dass sich Verzögerungen von 100 bis 400 Millisekunden in der Anzeige von Suchergebnissen zu insgesamt 0,6 Prozent weniger Suchanfragen summieren. Das scheint auf den ersten Blick wenig, wenn man die Zahl aber mit den Milliarden von Suchanfragen multipliziert, die Google abarbeitet, und vor allem mit den Anzeigen, die gleichzeitig eingeblendet werden, kommt man schnell auf viele Millionen Dollar Verlust pro Quartal.

Obwohl sie nun ständig sanft in Vorschläge gepampert werden, sagen manche Nutzer, die Google Instant ausprobieren, dass sie eigentlich gar nichts Neues bemerkt haben. Wenn sie allerdings einen Begriff wie etwa „porn“ eingeben, werden sie erstaunt vor einer leeren Seite sitzen; erst wenn man dann doch wieder, wie althergebracht, die Enter-Taste drückt, wird ein konventioneller Suchvorgang ausgelöst.

Eine kurzzeitige Verbesserung für die Qualität der Suchergebnisse könnte sich aus den Schwierigkeiten ergeben, die das neue Feature den Suchmaschinen-Optimierern (SEOs) bereitet. Pro­bleme hatten sich bereits vor ein paar Monaten angekündigt, als Google die Echtzeitsuche im Twitter-Livestream ermöglichte. Die Suche stetig attraktiver zu machen, ist oberstes Ziel des Unternehmens, während SEOs ständig daran arbeiten, das Ergebnis-Reinheitsgebot zu umgehen. Statt einen Kundenlink wie bisher längerfristig in einer Ergebnisseite nach oben drücken zu können, tauchen nun, manchmal nur sekundenlang, die Trendbegriffe aus dem Livestream auf. Da Google Instant ständig mit neuen Vorschlägen zur aktuellen Suche um sich schmeißt, gibt es noch weniger Anlass als bisher, auch mal auf die zweite Seite zu blättern. Die Startseite von Google wird dadurch wertvoller denn je. Torsten Kleinz vom Notizblog vermutet, dass die Suchmaschinenoptimierer, etwa wenn eine neue Lady- Gaga-Single rauskommt, Millionen Seiten zum Suchbegriffen wie „La“ oder „Lad“ ins Netz stellen werden – „vielleicht geht es so weit, dass der nächste Opel Obamo getauft wird.

„Seit mehr als 10 Jahren optimieren wir Leistung und Geschwindigkeit“, heißt es im offiziellen Google-Blog, „und wir haben gesehen, dass jede Sekunde zählt.“ Zeit ist Geld, jedenfalls für Google. Als Nutzer erinnert mich Google Instant ein bisschen an die Verheißungen der Etagenkochtöpfe und Gemüsewürfelungsgeräte aus den Homeshopping-­Kanälen: Zeitersparnis! Ja, man kann zum Beispiel beim Kochen auch Zeit sparen, indem man in ein Würstchen vorn und hinten ein blankes Kabelende steckt und Strom fließen läßt – zack, durch, in unter einer Sekunde.

Der Schriftsteller Peter Glaser ist Ehrenmitglied im Chaos Computer Club. Er bloggt "Bemerkenswertes aus der digitalen Welt" in der Glaserei


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