Kolumne #18: Warum es Gott gibt

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Patchwork-Religionen waren gestern. Sich die passenden Glaubensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzuschustern ist längst nicht mehr in en vogue, sondern Mainstream, also Pfui. Warum ich mich trotzdem keiner Religion anschließe, obwohl ich fest an Gott glaube.

Aus meiner Sonntagskolumne von www.peterknobloch.net

Ein Geständnis vorne weg: Ich weiß es nicht. An Gott glaubt man eben, weil man es nicht sicher wissen kann. Es heißt ja auch nicht Wissen, sondern Glaube. Schade eigentlich. Diese Ungewissheit verlangt vom Gläubigen eine Menge Vertrauen.

Das Vertrauen, das ich in Gott habe, fehlt mir gegenüber Religionen. Ich habe keine Kirche. Meine Gemeinde ist hingegen riesig – und expandiert stetig. Patchwork-Religion ist das missbilligende Schlagwort, der Stempel, der gleich einem Stigma an meiner Art zu Glauben haftet. Es sei eben das Bequemste, sich vom Buffet der Weltreligionen zu bedienen und Spiritualität wie ein wie ein schickes Designerprodukt zu konsumieren. Man picke sich ausschließlich die Delikatessen aller Religionen und mische diese zu einer Wohlfühlgottkeit zusammen, bekömmlich wie ein Rucola-Salat mit Eso-Dressing. Außerdem sind Patchwork-Religionen längst Mainstream. Und der ist bekanntlich Pfui-Ba.

Das ist mir schnuppe. Ich glaube nicht, um irgendwem zu gefallen – nicht einmal Gott.

Warum ich keine Religion als die meinige akzeptieren kann, darauf haben mich ausgerechnet die Zeugen Jehovas gebracht. Vielleicht hat diese bibeltreue Sekte ja einzig den Sinn, Leuten wie mir die Augen zu öffnen. Wer hat sie noch nicht an seiner Tür gehabt, bewaffnet mit Wachturm und jeder Menge Bibelzitaten. „Suchen sie nicht auch nach einem tieferen Sinn im Leben?“ So klingt einer der typischen Einstiegsfragen. Und klar, als aufgeschlossener Mensch lasse ich mich jederzeit gerne auf ein Gespräch über Gott und die Welt ein. Bis zu dem Punkt an dem sie ihre Bibel zücken – so selbstverständlich, als handele sich um ein Lexikon.

Irgendetwas hat mich daran jedes Mal verstört. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, fast als wäre dieser Griff zum Wort Gottes etwas zutiefst Blasphemisches. Irgendwann kam ich darauf: Es widersprach allem, was man mir bis dahin über Gott erzählt hatte.

Gott. Dieses allmächtige und zugleich unsichtbare und deshalb unergründliche Etwas wird auf ein Buch festgenagelt, fast als wäre der liebe Gott publizistischer Herausgeber der Bibel. Wenn Gottes Wille tatsächlich unergründlich ist, wie man sagt, wie sollte er dann mit Sprache ausgedrückt werden können, geschweige denn alles Wissenswerte über dieses unergründliche Etwas in ein Buch passen. Das klingt für mich wie: „Hallo, ich bin James Bond. Von Beruf bin ich Geheimagent, aber bitte behalten sie es für sich.“ Denn wenn es unergründlich ist, kann man es eben auf nicht aufschreiben.

Und vor allem: Warum sollte ausgerechnet dieses eine Buch die Wahrheit sagen. Könnte es nicht auch genauso gut ein anderes sein. Wenn Gott unendlich ist, dann muss es auch unendlich viele Varianten geben, dieses Transzendentale zu erfahren. Viel wahrscheinlicher ist: keine der bisher überlieferten Schriften hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

Betrachtet man es also einmal etwas genauer, dann zeugt es schon von einer unsäglichen Vermessenheit, wenn eine Religion für sich beansprucht, im Besitz der einzig gültigen Wahrheit über Gott zu sein. Mehr noch, das ist Respektlos gegenüber der allmächtigen Unendlichkeit. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen: Fundamentalismus ist Blasphemie.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“, ist das zweite Gebot. Was anderes ist aber eine Religion, genauer: eine heilige Schrift, als der Versuch, Gott in Worten abzubilden.

Wenn Gott in einem Buch stecken würde: Ich würde es vermutlich in einer Nacht verschlingen und mich anschließend in einen Sarg legen. Den Sinn des Lebens wüsste ich dann ja, also gäbe es nichts mehr zu klären.

Für mich – ja, hier bewege ich mich eindeutig im Bereich, den man als Glaube bezeichnet – also für mich ist Gott nicht mit dem Verstand greifbar. Dafür sind unsere Sinne, ist unser Hirn einfach zu beschränkt. Wie will man denn als endliches Wesen das Unendliche wahrnehmen. Ich meine jedoch seine/ihre Anwesenheit in kurzen Augenblicken der Klarheit erfühlen zu können. Es ist mehr eine Ahnung, eine innere, unbegründete Gewissheit als Wissen. Diese Gewissheit ist keine rationale. Sie ist emotional. „Ich bin der ich bin“. Auf den asiatischen Raum übertragen heißt diese Tautologie, dieser Zirkelschluss: „Alles ist eins“. Für uns endliche Wesen birgt sie die Hoffnung, dass jedes Ende auch einen Anfang darstellt. Vielleicht ist das Unendliche für den Menschen auch einfach nicht anders vorstellbar, außer in Form eines Zirkels. Eines Kreises.

20:32 08.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Knobloch

Seit September arbeite ich als ifa-Redakteur bei Radio Neumarkt in siebenbürgischen Neumarkt, Târgu Mureș
Schreiber 0 Leser 3
Peter Knobloch

Kommentare 17

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
klappslieb | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community