Religion ist Teufelszeug

Jes suis Charlie Eine naive Auseinandersetzung über das mögliche Wesen von Gott und Teufel in Zeiten der Glaubenskriege.
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http://www.peterknobloch.net/images/bilder/charlie.jpgReligion ist Teufelszeug. Klingt nach einer sehr gewagten, weil paradoxen Behauptung.

Um zu verstehen, was gemeint sein könnte, braucht es einige Grundannahmen. Erstens: Es gibt Gott. Zweitens: Es gibt den Teufel. Beides sind abstrakte Vorstellungen von etwas Transzendentalem, also einer Wahrheit, die jenseits dessen liegt, das Menschen sehen, hören, riechen, tasten und schmecken können. Etwas Übersinnliches. Destilliert man alle Vorstellung, die Menschen – auch und besonders in religiösen Schriften – je über Teufel und Gott formuliert haben, erhält man eine Essenz, die bei den Mystikern des Mittelalters finden lässt, bei christlichen wie jüdischen, ebenso bei den islamischen Suffis. Jenseits der monotheistischen Buchreligionen findet man diese Essenz bei Esoterikern oder im chinesischen Taoismus. Diese Essenz bildet die dritte und wichtigste Grundannahme: Gott und Teufel sind Energien – und zwar in Form von sich jeweils widerstrebende Bewegungsrichtungen, die sich zwar widersprechen aber zugleich auch ergänzen. Gott ist die vereinende Bewegungsrichtung – der Teufel die teilende. Vielleicht machen Sie an dieser Stelle eine Pause, trinken einen Kaffee oder Tee und lassen die Idee einmal ganz neutral auf sich wirken.

Aber warum ist Religion Teufelszeug, wenn sie doch versucht, Gott zu erklären?

Erstens: Wenn Gott wie angenommen die alles vereinende Energie ist, dann vereint sie auch alles, was sich nach logischen Maßstäben widerspricht; also Relativitätstheorie und Quantentheorie, ebenso wie Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Taoismus, Christentum, Islam und die anderen. Die Buchreligionen sind in Sprache ausgedrückt. Sprache basiert auf Logik. Logik lässt keine Widersprüche zu. Deshalb kann Sprache den genauen Sinn, die Absicht oder Funktionsweise von Gott gar nicht ausdrücken; wenn sie es könnte, dann nur unendlich vielen Erklärungen, die sich permanent widersprächen. Wir müssten Unsterblich sein, um überhaupt in den Prozess des Begreifens zu gelangen. Wie lösen Logik und Buchreligionen das Problem: mit Verboten und Zirkelschlüssen.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“ heißt es etwa in den Zehn Geboten. Dazu kommt, dass Gott jeden Namen verweigert. Nicht nur in der Bibel. Ähnliches gibt es im Taoismus. „Tao, kann es ausgesprochen werden,
ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden,
ist nicht der ewige Name.“ In der Bibel erscheint Moses Gott als brennender Dornenbusch. Moses fragt Gott, was er den Kindern Israels sagen soll, wenn sie ihn fragen, wie ihr Gott heißt. Da weicht Gott aus – nämlich mit einem Zirkelschluss: Ich bin der „ich bin da“. Menschen können sich das Unendliche allerhöchstens als Spirale vorstellen. Kein Wunder, dass man der Mathematik die Unendlichkeit als liegende Acht, also als Dauerschlaufe, darstellt. ∞

Zweitens: Versteht man den Teufel im Gegensatz zu Gott als teilende Energie, die spaltet und abgrenzt, also definiert, so ist der Teufel fundamental wichtig für das menschliche, tierische, pflanzliche und organische Leben wie wir es kennen.

Warum wir den Teufel brauchen

Einschub: Ich hatte zu Anfang um eine neutrale Betrachtung dieser beiden Pole gebeten. Es sind zwei Extreme in einem Kontinuum. Wir müssen das Teilende nicht als per se bewerten. Es ist lediglich eine Bewegung weg von der Einheit. Als Energie die ausdifferenziert und unterscheidet ist sie es, die Vielfalt schafft. Die Genesis scheint mir mit dem Baum der Erkenntnis die passendste Metapher hierfür zu liefern.

Im Zustand des Paradises, der Einheit, kennen Adam und Eva keine Unterschiede. Es ist völlig gleich, ob sie nun Frau ist oder er Mann. Beide sind unsterblich und wohnen bei Gott also dem alles Vereinenden. Das Leben, wie wir es kennen, beginnt erst, als sie vom Baum der Erkenntnis essen. Plötzlich wird ihnen bewusst, dass sie männlich und weiblich sind, dass sie sich unterscheiden. Sie werden aus Gottes Garten verdammt, sind also nicht mehr in der Einheit und müssen, das endliche Leben als Menschen durchlaufen.

Um es abzukürzen: Gott zu definieren, sein Funktieren, seinen Sinn, seine Absicht und seine Regeln, ist immer eine Abgrenzung, also ein teilender Akt und nach obiger Definition teuflisch.

Wenn Gott und Teufel Liebe machen

Wie gesagt, ist das Teilende nicht per se schlecht. Man kann Speisen, Güter oder Geld teilen. Zellen können sich teilen. Hier wird es besonders spannend: Ich behaupte, der Mensch balanciert im Normalfall zwischen den beiden Kräften, der teilenden und der vereinenden. Zu beiden fühlt er sich dann und wann hingezogen. Da der Mensch dem Vereinenden eher eine positive Konnotation gibt (besonders durch Religionen), tendiert er dazu, sich zu vereinen, zum Beispiel mit einem anderen Menschen. Das kann man Liebe nennen. Was passiert, wenn sich zwei Menschen extrem anziehen? Sie vereinigen sich. Sie lieben sich körperlich, haben machen Sex. Viele erleben eine zeitweise Auflösung ihres Selbst, haben das Gefühl, dass sie mit dem anderen verschmelzen. Diese maximale körperliche Vereinigung, war für Menschen lange Zeit die einzige Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Das neue Leben beginnt mit der Zellteilung, also einer Abspaltung. Ist Schöpfung also ein teuflischer Akt?

Zumindest ist es eine gewisse Form der Dialektik zwischen Anziehen und Abstoßen, zwischen Vereinigung und Teilung, die neues Leben schöpft. Bildlich gesprochen müssen Gott und Teufel schon kooperieren, damit das Rad des Lebens sich weiterdreht.

Das Leben als Drahtseilakt

Manchmal jedoch ist das Teilende nach meiner persönlichen Wertevorstellung – und ich glaube die meisten können mir folgen – eher negativ, weil destruktiver Natur. Ein sehr anschauliches Beispiel ist die Unterteilung der Menschen in Rassen. Sie endet im Holocaust. Genauso endet die strenge Unterteilung der Menschen nach Religionen im Kreuzzug. Dass Religion hier Teufelszeug war und noch immer sein kann – und ich nutze den Begriff jetzt im gewöhnlichen Sinne – verstehen Christen wie Muslime (und alle anderen natürlich auch). Aber wie kommt es dazu, dass Teilendes, das doch eigentlich zu mehr Vielfalt führt und die Welt bunter macht, zu Vernichtendem wird?

Das passiert, wenn eine Gruppe sich abspaltet und glaubt, Gott oder das alles Vereinende, die letzte Wahrheit verstanden zu haben. Mit einer allesübergreifenden Erklärung, die die Wahrheit absolut für sich beansprucht, braucht es nach menschlicher, widerspruchsfreier Logik keine anderen Wahrheiten mehr. Einfach gesagt: Liege ich richtig, musst du falsch liegen. Daraus kann zunächst der fromme Wunsch entstehen, die anderen von der Wahrheit zu überzeugen. (Und sei es, dass diese Wahrheit lautet: Ohne Widersprüche ist die Wahrheit nicht komplett). Dann sprechen wir bei der katholischen Kirche von der Mission, im Islam heißt das Da’wa, wie ich eben ergoogeln konnte. Wenn einer glaubt, schlauer zu sein, und dem anderen mit seinem Wissen helfen will, klingt das erst einmal gut gemeint. Lässt sich das Gegenüber aber nicht überzeugen, entsteht ein innerer Widerspruch. Im schlimmsten Fall wuchert daraus Hass und der Wunsch das Andere aus der Welt zu tilgen.

Das gilt für den Faschismus, wie dem Fundamentalismus, wie dem Marxismus. Setzt der Faschist seinen Willen durch, gibt es nur noch eine Rasse, also keine. Setzt der Fundamentalist seinen Willen durch, gibt nur noch eine andere Religion, also keine. Setzt der Marxist seinen Willen durch, gibt nur noch eine Klasse, also keine. Ähnlich geht es dem Nationalisten und dem Kapitalisten. Die sind schon zufrieden, wenn die andere Nation schwächer ist und klein bei gibt, beziehungsweise der Kapitalist die Firma seines Konkurrenten aus dem Weg räumt.

In so einem Fall hat sich das Teilende in seinem Irrglauben, für das alles Vereinende zu sprechen, gegenüber dem Vereinenden durchgesetzt.

Absolut wird es also erst, wenn sich Gott gegenüber dem Teufel durchsetzt oder umgekehrt.

Sollte sich Gott durchsetzt, gibt es keine Unterschiede mehr. Anders gesagt, sind Unterschiede nicht mehr wahrzunehmen, weil das alles Vereinende auch die Widersprüche in sich vereint.

Das sind Traum und Alptraum in einem. Die Traumvariante liefert John Lennon in seinem Song Imagine. Eine Welt ohne Religionen, Länder, Himmel und Hölle, ohne Besitz.

Andererseits: Ohne Teilung gibt es keine Kulturen mehr, keine Sprachen, keine Farben, Gerüche, kurz: keine Vielfalt. Es ist die Dystopie einer totalitären Welt, die Hölle des Abweichen-Wollenden.

Wie kommen wir also aus der metaphysischen Zwickmühle? Bevor wir uns einer falschen Utopie anschließen und auf dem Weg zur vermeintlichen Rückkehr ins Paradies verlaufen und im Faschismus landen, sollten wir uns für den Drahtseilakt entscheiden: balancieren zwischen Gott und Teufel, zwischen Einheit und Spaltung, zwischen Himmel und Hölle. Wir sollten den Widerspruch akzeptieren und lieben lernen. Schließlich existiert keine Wahrheit ohne ihr Gegenteil. Nehmen wir es mit Humor oder sportlich. Und wenn wir alle Widersprüche in uns selbst vereint haben, ist da bestimmt etwas oder nichts, von dem ich keine Ahnung habe. Vielleicht die absolut beste Karikatur der Welt.

Dieser Beitrag ist zuerst auf www.peterknobloch.net erschienen.

16:58 08.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Knobloch

Seit September arbeite ich als ifa-Redakteur bei Radio Neumarkt in siebenbürgischen Neumarkt, Târgu Mureș
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Peter Knobloch

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