"Schock-Studie" belegt: Junge Muslime fühlen sich ausgegrenzt.

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Integration kann nur gelingen, wenn die Mehrheitsgesellschaft Migranten akzeptiert. Auch das ist Ergebnis der vieldiskutierten Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“. Wer nicht angenommen wird, kann nicht ankommen.

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Sarrazin-Leser bekommen wohl bei dem Anblick arabischer Schriftzeichen schon Überfremdungsängste. Angst vor dem Unbekannten ist Wurzel von Hass.
(Foto: Roel Wijnants)

„Schock-Studie belegt: Junge Muslime verweigern die Integration“, so titelte die Bild-Zeitung und gab an, sich auf die Ergebnisse einer neuen Studie aus dem Innenministerium zu stützten. Die Macher der Studie sind über derartige Verkürzungen verärgert. Trotzdem: Ein Fünftel aller von ihnen befragten jungen, deutschen Muslime will sich nicht integrieren. Gut 15 Prozent gelten den Forschern als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz ohne Integrationstendenz“.

Aber ab wann, hegt man gefährliche Abneigungen gegen den Westen? „Solange die westliche Welt andere Völker ausbeutet oder unterdrückt, wird es keinen Frieden auf der Welt geben.“ Wer dieser Frage zustimmt, läuft Gefahr, in den Augen der Forscher in die Gruppe der streng religiösen, den Westen hassenden, gegenüber Gewalt offenen Integrationsverweigerer zu fallen. Gleiches gilt für jene, die es akzeptieren, wenn sich Muslime gegen Bedrohung durch Westen verteidigen. Ein überaus streitbarer Standpunkt – zweifelslos. Doch von potentiellen Dschihadisten, wie es gerne dargestellt wird, kann keine Rede sein.

Hinzu kommt: Diese 15 Prozent machen gerade einmal 25 Personen von 162 Befragten aus. So müssen selbst die Forscher einräumen, dass ihre Studie alles andere als repräsentativ ist. Das hindert die CSU nicht daran, als Reaktion auf die Untersuchung, einen Integrationsnachweis von jungen Muslimen einzufordern.

Doch aus der Perspektive junger Muslime gibt gute Gründe, warum manche von ihnen sich nicht integrieren wollen: Sie fühlen sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert. Auch das ist ein Ergebnis der Studie. Selbst jene Befragte, die hier geboren wurden und deutsche Pässe haben, sehen sich zum Beispiel eher als Türken denn als Deutsche. Der Grund: Sie würden von „den Deutschen“ niemals selbst als Deutsche akzeptiert – egal wie lange sie hier leben oder wie gut sie die Sprache sprechen. Sie haben das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt zu werden. Wie sie glauben, nicht aus religiösen, sondern aus rassistischen Motiven. Schließlich werden nichtreligiöse Muslime genauso diskriminiert wie religiöse, so die Erfahrung der Befragten.

„In eine Welt von Rassisten und Abzockern würde ich mich auch nicht integrieren wollen“, kommentierte ein Facebook-Nutzer etwas platt jedoch relativ treffend einen Artikel über die Studie.

Aber was bedeutet Integration im Sinne der Studie überhaupt? Soziologen von der Berliner Humboldt-Universität bemängeln, dass die Untersuchung den Integrationsbegriff zu eindimensional definiert. Die Integrationsbereitschaft der befragten Muslime wurde anhand von nur zwei Faktoren gemessen. Erstens wurde sie nach sozialen Kontakten zu Deutschen befragt.

Zweitens danach, wie ihre Einstellung zur Kultur ihres Herkunftslandes ist beziehungsweise wie sehr sind sie bereit, die deutschen Kultur anzunehmen. Hierzu wurden folgende zwei Fragen gegenüber gestellt: „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren.“ Beziehungsweise: „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten die deutsche Kultur übernehmen.“ Hierdurch entstand in den Medien die alarmierende Zahl, dass 50 Prozent der nichtdeutschen Muslime starke Separationsneigungen hegen. Dem ist zu widersprechen.

Dass diese oft erst frisch migrierten Muslime noch einen starken Bezug zu ihrer Herkunftskultur haben, ist nachvollziehbar, weil menschlich. Die Familien von deutschen Geschäftsleuten schicken ihre Kinder meist im Ausland auf deutsche Schulen, das hat der Autor in Bukarest selbst erlebt. Diese Familien müssten zweifelsohne als Migranten mit starken Separationsneigungen gelten. Wer das entschuldigen will, kann nur mit der Überlegenheit der eigenen Kultur argumentieren. Dann wird es gefährlich.

Doch zurück zur Studie: Faktoren wie Sprache, Arbeit und Bildung fehlen als Gradmesser von Integration völlig. Das Wort Abitur kommt in der Untersuchung kein einziges Mal vor – das obwohl die Mehrzahl der Befragten Schüler waren und Bildung als zentraler Messwert für Integration gilt.

Kritisiert wird der Integrationsbegriff auch für seine enge Definition. Wer gut in der Schule ist, danach Arbeit findet, gut mit deutschen Nachbarn auskommt, deutsche Freunde hat und mit ihnen gemeinsam im Fußballverein kickt, darf sich im Sinne der Untersuchung noch längst nicht als integriert betrachten. Den Machern der Studie gehe es vor um das Gefühl zur deutschen Kultur, so die Soziologen von der Humboldt-Universität. Migranten sollen bereit sein, sie zu übernehmen.

„Der Eindruck entsteht, als ob die Messlatte für eine gelungene Integration stetig angezogen wird, sodass sich der Frustrationsmoment einer NIE abschließend gelingenden Integration speziell bei Menschen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland einstellt“, schreiben die Sozilogen von der Berliner Universität in ihrer Stellungnahme. Solche Maßstäbe dürften das normale Verständnis von Integration weit überschritten haben. Was hier gefordert wird, so scheint es, ist nichts anderes als Assimilation.

Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Kultur, sei zur Messung sozialer Kohäsion zwar durchaus gebräuchlich, schreiben die Soziologen. „Allerdings ist dieses nicht einseitig messbar – es hängt IMMER von der Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft ab, auch Zugehörigkeit zu signalisieren.“

„Es gibt hier keine Ausrufungsmöglichkeit von Zugehörigkeit ohne Abhängigkeit vom Zuspruch der Zugehörigkeit“, geben die Forscher aus Berlin zu bedenken.

So sei zum Beispiel unmöglich zu behaupten, man sei mit jemandem befreundet, wenn diese Person das verneint. Genauso wenig könne man das Gefühl haben, zu einer Gruppe zu gehören, wenn diese Gruppe einen ablehnt.

Wie wenig sich die Blicke zwischen den Mehrheit und Minderheit treffen, zeigt auch die Entstehungsgeschichte der Studie. Sie wurde von drei Universitäten und einem Forschungsinstitut verfasst – von Soziologen, Psychologen und Kommunikationswissenschaftler. Die Macher der Studie mögen Experten in Allem sein, nicht jedoch auf dem Gebiet, das sie eigentlich erforschen wollen. Wenn an einer Studie mit dem Titel „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kein einziger Islam- oder Kulturwissenschaftler beteiligt ist, können nicht mehr als westliche Projektionen des Islam untersucht werden.

Es wäre von Vorteil, wenn man die Menschen kennt, die man in seine Kultur integrieren will. Die Mehrheitsgesellschaft muss die Muslime annehmen, damit sie Teil der Gesellschaft werden können. Oder umgekehrt formuliert: Wer von seiner Umgebung abgelehnt wird, lehnt seine Umgebung gleichermaßen ab.

Das habe man auch an der Sarrazin-Debatte merken können, sagte der Hauptautor der Studie, Wolfang Frindte, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Muslime, die nach dem Erscheinen seines Buches interviewt wurden, legten viel mehr Vorurteile und eine größere Ablehnung gegenüber Deutschland und dem Westen an den Tag als jene, die wir zuvor befragt hatten“.

Zudem zeigten repräsentative Studien, „dass 20 bis 25 Prozent der Deutschen dem Islam oder Muslimen ablehnend oder feindlich gegenüberstehen.“ Da ist es wieder, das Fünftel aus der Studie des Innenministeriums. Unter Deutschen gibt es also genauso viele Integrationsverweigerer wie unter muslimischen Migranten.

Dieser Text erscheint auf als Sonntagskolumne auf www.peterknobloch.net

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Foto Startseite: Sean Gallup / Getty

14:12 04.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Knobloch

Seit September arbeite ich als ifa-Redakteur bei Radio Neumarkt in siebenbürgischen Neumarkt, Târgu Mureș
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Peter Knobloch

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