Besänftigende Macht des Öls

Kommentar Japan gegen Irak-Invasion

Es war nicht verwunderlich, dass nach dem 11. September 2001 die Regierung in Tokio mit zu jenen gehörte, die ohne Zögern Washington "bedingungslose Solidarität" gelobten. Jahrzehnte lang hatte man als einer der treuesten Alliierten der USA fungiert. Tatsächlich brachte Premier Junichiro Koizumi in Rekordzeit ein "Anti-Terror-Paket" durch das Parlament. Drei operative Verbände der japanischen Seestreitkräfte wurden in den Indischen Ozean geschickt, um Washingtons Anti-Taleban-Feldzug logistisch zu unterstützen.

Gleichwohl achtete Koizumi darauf, dass Japans Engagement auf Afghanistan beschränkt blieb. Weniger eine Konzession an die Opposition, die das "Anti-Terror-Paket" für unvereinbar mit der geltenden "Friedensverfassung" von 1947 hielt, wonach Japan die Anwendung militärischer Gewalt zur Lösung internationaler Konflikte strikt untersagt ist. Vielmehr spiegelte sich darin erhebliches Misstrauen gegenüber den USA. Devise: Militärische Verpflichtung ja, aber nicht ausschließlich im Fahrwasser der US-Globalpolitik, da diese weniger als je zuvor Rücksicht auf japanische Interessen nimmt. Wie berechtigt dies war, zeigte sich Anfang 2002, als Präsident Bush Länder zu Feinden erklärte, die in Tokios sicherheitspolitischem Kalkül keine unbedeutende Rolle spielen: Nordkorea, Irak und Iran.

Natürlich beunruhigt Japan das Raketenprogramm des nordkoreanischen Nachbarn. Gerade deshalb wurde ja die Möglichkeit eines Gipfels sondiert, zu dem es am 17. September 2002 tatsächlich kam, als Japans Premier nach Pjöngjang reiste, um sich mit Nordkoreas Führer Kim Jong Il auf eine dauerhafte Entkrampfung der bilateralen Kontakte zu verständigen. Ende August hatte US-Vizeaußenminister John Bolton in Seoul Nordkorea noch als "absolut böse Macht" diffamiert, die nur auf massiven Druck reagiere. Mit seiner Nordkorea-Visite hat Junichiro Koizumi deutlich gemacht, was er von derartigen Expertisen hält. Größere Probleme bereitet Tokio der Destabilisierungskurs der USA im Nahen Osten, der in krassem Widerspruch zu Nippons Interessen in der Region steht. Als ein Land, das 80 Prozent seines Ölbedarfs durch Importe aus den Golfstaaten deckt, beschwört der Crash-Kurs der USA gegenüber Bagdad wie auch Teheran erhebliche Risiken herauf. Dem Irak griff Japan bis in die siebziger Jahre mit Milliarden-Dollar-Krediten unter die Arme. Knapp 4.000 japanische Spezialisten halfen bei industriellen Großbauten. Angesichts eines derartigen Engagements hat Japan über das Öl hinaus subtile Interessen in der Region und dürfte nicht davor zurückschrecken, dies dem Weißen Haus klarzumachen. Jahrzehnte lang war der Nahe Osten das einzige außenpolitische Terrain, auf dem Washington Paroli geboten wurde. Warum sollte ausgerechnet ein Premier wie Junichiro Koizumi, der angetreten ist, Japan zu einem wirklich souveränen Staat zu machen, damit brechen?

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