Der Staat als Heilpraktiker

Russland und die Volksmoral Komfortable Geschichtsmythen sollen der sozialen Stabilität auf die Sprünge helfen

Russlands entfesselter Kapitalismus hat dem Land nicht nur eine Flut von Edelboutiquen und AIDS-Kranken, postmodernem Architekturkitsch und Kinderprostitution, sondern auch zwei vollkommen konträre soziokulturelle Schichten beschert: Rund 20 Prozent der Bevölkerung, die Anschluss an die westliche Konsumgesellschaft gefunden haben, halten die übrigen 80 Prozent im "sozialen Reservat" (so die Soziologin Irina Glebowa), um weiterhin ungestört raffen und völlen zu können. Anteil am Schicksal der Reservatsbewohner nehmen sie nicht. Denen bleibt nichts weiter übrig, als sich mit dem Part des passiven Zuschauers im postsowjetischen Konsumtheater abzufinden. Die gähnende Kluft zwischen florierender Konsumapologetik hier und äußerst eingeschränktem Konsumvermögen dort bleibt Quelle erheblicher sozialer Instabilität.

Werte-Konsum gegen West-Frust

Der Staat versucht seit geraumer Zeit, zwischen beiden Phänomen zu vermitteln, sie unter Verweis auf die Notwendigkeit eines mehr oder weniger mythisch begründeten "national-eigenständigen Entwicklungspfades" zu verklammern und auszusöhnen. Er bedarf dazu keiner ungewöhnlichen Anstrengung, gibt es doch eine gewaltige gesellschaftliche Nachfrage nach affirmativem Mystizismus: Beide - Hyperkonsumenten und Reservatsbewohner - haben sich nach den sozialen Erschütterungen der neunziger Jahre erschöpft ins Private zurückgezogen: Während die einen - man könnte sie auch Transformationsgewinner nennen - mit dem demokratischen Prinzip nichts anfangen können und wollen, weil es ihnen im permanenten Wettlauf um den Zugriff auf Russlands materielle Ressourcen nur hinderlich ist, misstrauen die anderen, vom täglichen Überlebenskampf ausgelaugt, der Politik insgesamt. Gemeinsam ist beiden Lagern freilich die tiefe Sehnsucht nach (erneuter) historischer Selbstvergewisserung und der starken, ordnenden, stabilisierenden Hand.

Es war zunächst die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK), die dieser Sehnsucht mit einer von ihr initiierten "Wertedebatte" Rechnung trug: Er glaube nicht, so deren Chefideologe Kirill, Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, im Frühjahr 2006, dass die säkularen und liberalen Werte des Westens, wie sie heute existierten, den Status universeller Werte in Anspruch nehmen und ohne entsprechende Korrekturen Grundlage für neue Beziehungen zwischen den Menschen, Ländern und Völkern im Zeitalter der Globalisierung sein könnten. Kirills Botschaft bediente den latenten West-Frust vieler "neureicher" Russen, die mit der bitteren Erkenntnis leben, dass Teilhabe am Massenkonsum noch lange nicht bewirkt, im Westen mit offenen Armen empfangen zu werden. Kirills Apologetik war auch Balsam auf die Seele vieler Reservatsbewohner, die im Westen den Hauptschuldigen für die eigene Misere ausmachen.

Nach Umfragen des renommierten Lewada-Zentrums vom Dezember 2006 zum Platz Russlands in der Welt war die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Überzeugung, Russland bewege sich auf einem besonderen Entwicklungspfad. Auf die Frage "Ist Russland Teil der westlichen Zivilisation?" antworteten 15 Prozent der Befragten mit Ja. 70 Prozent hingegen meinten, Russland gehöre zu einer "eurasischen" oder "orthodox-slawischen" Zivilisation, weshalb westliche Koordinaten keine Option seien.

Auf die Frage: "Welchen Staatstyp favorisieren Sie für Russland", antworteten 34 Prozent: "Einen Staat ähnlich den Ländern des Westens: marktwirtschaftlich organisiert, mit Privateigentum und demokratischen Strukturen." 28 Prozent - "einen sozialistischen Staat mit kommunistischer Ideologie wie die UdSSR". Und 27 Prozent - "einen Staat mit besonderer Struktur". Für lediglich 15 Prozent der Befragten fallen mit Blick auf ihr Land westliches Ziel und europäischer Weg zusammen. Auf einem "eigenen Weg" bestanden 53 Prozent der Befragten, von denen wiederum 23 Prozent meinten, dieser Weg führe zu "einem Staat mit besonderer Struktur."

Bereits bei den Präsidentschaftswahlen 2000 hatten 65 Prozent aller Putin-Wähler und 45 Prozent aller Anhänger des KP-Bewerbers Sjuganow die Idee eines "besonderen russischen Entwicklungsweges" gutgeheißen. In den sieben Jahren Putinscher Herrschaft hat sich daran wenig verändert. Und der Kreml reagiert darauf mit grobem Geschichtseklektizismus, dessen Schwachstellen mit pseudomodernistischen Ideologismen nachgebessert werden.

Dabei gerät nach Russlands Intellektuellen nunmehr Russlands Jugend stärker ins Blickfeld. So beklagte Präsident Putin Ende Juni medienwirksam die "oberflächliche, abstrakte und widersprüchliche Behandlung der jüngsten russischen Geschichte an Russlands Schulen". In den Köpfen der Lehrer herrsche ein heilloses Durcheinander. Verlage kämen ihrer Verantwortung nicht nach, druckten alles Mögliche, darunter auch Bücher, deren Autoren im Sold ausländischer Institutionen ständen. In den nächsten Jahren komme es daher darauf an, dass sich Pädagogen, Wissenschaftler und Staatsmacht darüber verständigten, auf welchem geistigen Fundament Russlands heranwachsende Generation erzogen werden solle.

Kirill predigt Klartext

Der Kreml als Heilpraktiker, der zum Trost für soziale Missstände den mythisch-nationalen Wertekanon anbietet. Der für die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Dezember 1991 typische "Gesellschaftseklektizismus" weicht dabei einem "postsowjetischen Konstruktivismus", der dem Bedürfnis vieler Russen nach Aussöhnung mit einem wenig ermutigendem und wenig zukunftsträchtigen Gesellschaftszustand nach der ersten Transformationsphase Rechnung trägt.

Die dafür notwendige Verdrängung "unangenehmer" Geschichtsbilder erfolgt durch ständiges "Ummodeln" - sprich: Ideologisieren und Mystifizieren der Vergangenheit. Als Faustregel gilt: Symbolische Einheit durch kollektives Streben nach dem "richtigen" geschichtlichen Ursprung - soziale Stabilität dank "komfortabler" Geschichtsmythen.

Was Russlands postsowjetische Gemeinschaft allerdings wirklich braucht, das ist nicht noch mehr irrationaler Geschichtskitsch, sondern eine rationale, sozial verantwortbare Modernisierung. Hin und wieder ein Paar Petrodollar in die Hand zu nehmen, um palliativ gegen diverse soziale Geschwüre vorzugehen, macht alles nur schlimmer.

Es darf freilich bezweifelt werden, ob der Kreml wirklich willens und fähig ist, durch einen revidierten Modernisierungsansatz die schreienden sozialen Antagonismen abzubauen. Die ermöglichen es ihm schließlich, jene Mittlerfunktion auszuüben, aus der er einen Großteil seiner heutigen Legitimation bezieht. Auf Dauer - so steht zu erwarten - wird sich mit "nationalen Projekten" die allgemeine Volksmoral jedoch kaum heben lassen.

Und wieder ist es die Orthodoxe Kirche, die sich nicht scheut, Klartext zu predigen: Auch wenn es Russland heute gut gehe, warnte jüngst Patriarch Kirill, werde es als einheitliches Land untergehen, überwinde es nicht die gähnende Kluft zwischen Reichtum und Armut, wie es sie in keinem anderen entwickelten Land Europas gebe. Die Einkünfte aus dem Verkauf der Reichtümer müssten endlich für die Menschen Russlands investiert werden. Kirill: "Ja, wir brauchen eine solide Finanzreserve, die das Land vor Weltmarktschwankungen schützt. Aber wir werden keine Zukunft haben, wenn die Öl- und Gasrubel heute nicht genutzt werden..." - Welche Art von Modernisierung braucht Russland?, fragt Kirill. Und während die Staatstechnologen im Kreml noch heftig überlegen, hat der Patriarch seine Meinung längst bei der Hand: Natürlich müsse dieses Land irgendwie modernisiert werden, keinesfalls aber auf westliche Art, sonst komme das Gleiche heraus wie unter Peter dem Großen und Lenin.


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