Weltkulturgut im Sturzflug

MIR Die Zerstörung der Orbitalstation verschleudert menschliche Schöpferkraft

Als die türkische Regierung ankündigte, beim Bau des Ilisu-Staudamms die Ruinen von Hasankeyf zu fluten, löste dies weltweit Bestürzung aus. Ebenso die Absicht der fundamentalistischen Taleban, sämtliche Statuen Afghanistans, darunter die größte Buddha-Statue der Welt: den Großen Buddha von Bamiyan, zu zerstören. Keinerlei Probleme jedoch scheint die kulturhistorisch sensible Weltöffentlichkeit damit zu haben, dass in diesen Tagen das vielleicht bedeutendste Bauwerk des 20. Jahrhunderts geschleift wird: die sowjet-russische Orbitalstation MIR.

Diese Ignoranz wirft ein bezeichnendes Licht auf die kulturelle Verfasstheit unserer Welt: Seit wir uns nicht mehr richtig für die Zukunft interessieren, sehen wir auch keine wirkliche Veranlassung mehr, uns aktiv mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schließen, wer will das eigentlich noch? Aktuell sein, Jahrhunderte lang Ausdruck westlichen intellektuellen Bemühens, über ein kritisch-konstruktives Verhältnis zur Vergangenheit utopiefähig zu bleiben, wird durch die tagtäglich wachsende Flut massenmedialen Reality-Mülls zu einer unerträglichen Last. Sie abzuschütteln scheint nur möglich, indem das Haupteinfallstor in die Vergangenheit - die Gegenwart - sorgfältig vermint wird: durch weitgehende Virtualisierung dieser Gegenwart, ihre Manipulation per Mouse-Click. Die Bewahrung ihrer materiellen Manifestationen wird dabei zu einer zweitrangigen Aufgabe: Als Produkte einer industriellen Kultur könnten sie jederzeit makellos repliziert werden - Hauptsache, die Speicherkapazität unserer PCs ist groß genug, die technischen Parameter dieser Produkte verarbeiten zu können. Die Kehrseite dieses antiseptischen Umgangs mit Gegenwart ist ein überemotionalisiertes Verhältnis zur Vergangenheit:

Die materiellen Manifestationen dieser Vergangenheit werden reduziert auf isolierte, belanglose Kulissen für jene pompöse Party, die Leben heißt. Werden diese Kulissen beschädigt, drückt dies die allgemeine Partylaune und hat deshalb zu unterbleiben. Die Überzeugung, dass jegliche materielle Manifestation der Vergangenheit unikal und damit per se bewahrenswert sei, ist direkter Ausdruck dieser zutiefst a-historischen Gefühlsduselei.

Die 15 Jahre alte sowjet-russische Raumstation MIR ist nicht weniger unikal als der weit über tausend Jahre alte Große Buddha von Bamiyan. Beide sind herausragende Manifestationen menschlichen Schöpfertums. Ebenso wie der Große Buddha ist die MIR weit mehr als ein Stück totes Material: Mehrere internationale Besatzungen haben der Station eine individuelle Prägung verliehen, die kein Star Treck-Holodeck replizieren könnte. Genau so wenig, wie die Taleban das Recht haben, den Großen Buddha zu sprengen, hat irgend jemand das Recht, die MIR einfach so verglühen zu lassen. Auch dann nicht, wenn die Raumstation zehnmal verschlissen wäre (was sie nicht ist, im Gegenteil: viele ihrer Komponenten sind erst wenige Jahre alt und wurden bisher so gut wie nicht genutzt) oder Russland hundertmal keine Mittel hätte, die Station weiter zu betreiben (was nicht der Fall ist - wer jedoch die Absicht hat, in nur wenigen Jahren eine bemannte Raumstation zum Mars zu entsenden, der braucht jeden Rubel). Die MIR ist ein Weltkulturgut und hätte von der UNESCO schon längst als solches anerkannt und finanziert werden sollen.

Die Zerstörung der Station ist so ein weiterer verhängnisvoller Sieg der Realität über die Aktualität menschlichen Seins, ein Meilenstein auf dem Wege hin zur totalen Virtualisierung menschlicher Schöpferkraft: Die erste permanente extraterrestrische Behausung der Menschheit, reduziert auf einige wenige Info-Partikel im World Wide Web. Ein wahrhaft großartiges Geschenk für unsere Nachkommenschaft.

Wenigstens die Medien hätten all dies thematisieren können. Wer jedoch dem allgemeinen BSE-Wahnsinn derart verfallen ist, dass ihm selbst die Entdeckung von Leben auf dem Mars sowie der Nachweis von 50 Milliarden erdähnlicher Planeten in unserer Heimatgalaxie nur Kurzmeldungen wert sind, für den ist die MIR wahrscheinlich wirklich nicht mehr als 130 Tonnen potenzieller Weltraumschrott, an dem nur interessiert, ob er uns auf den Kopf fällt.

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