Nichts und das Himmelreich

KINDERBÜCHER Joachim Gelbergs Gedichtesammlung "Großer Ozean"

Kindergedichte? Kinderlyrik? Kinderpoesie? Gedichte für Kinder ? Niemand hat mir je erklären können, was das ist. Ich mir auch nicht. Ich kenne nur gute und schlechte Gedichte. Die schlechten tun nichts. Die guten Gedichte tun Gutes. Sie fressen die schlechten auf.

So geschieht das auch im Großen Ozean der Gedichte, aus dem Hans-Joachim Gelberg geschöpft und dieses Gedichtbuch gefüllt hat und das im Untertitel zurecht Gedichte für alle heißt. Da tummelt sich nun fast alles, was in der Poesie flinke Versfüße, kluge Kopfzeilenbrüche und geschickte Reimbeine hat und auf knapp 250 Seiten unterzubringen ist. Und das soll Kinder und Jugendliche und Erwachsene interessieren? Aber ja doch! Weil es da kess und frech zugeht, putzmunter und blitzheiter, himmelhochjauchzend und zu Tode - betrübt, leicht und schwer, geradewegs so und irgendwie krumm wie eben die reale Poesie mit ihren Worten und dem Leben so spielt.

Dass in uns allen ein Kind steckt, ist, wenn man manche Erwachsene betrachtet, Übertreibung, aber dass in allen Kindern zunächst alle Gedichte stecken, nicht. Deshalb gibt es auch keine zu schweren, zu schwierigen, zu komplizierten Gedichte für Kinder. Gedichte sind ebenso schwer, schwierig und kompliziert für Kinder wie ältere Geschwister und Erwachsene. Man kann über sie staunen, so sein wollen wie sie, sie ablehnen und in den Büchern links wie rechts, jedenfalls seitenweise, liegen lassen.

Im übrigen sind Gedichte sowieso keine (auf den ersten Blick) sympathischen Gestalten. Es sind Trotzköpfchen unter ihnen, Andersdenkende und Anderssehende, Fremdartige, Worthochstapler und Worttiefstapler, Vaganten, Querulanten und Arroganten, und man kann sie selten beim ersten Hallo kennenlernen. Man muss sich schon Zeit und Geduld nehmen ( Gedichte haben ihre Zeit und ihre Geduld) um sich auf sie einzulassen. Dann allerdings geben sie, wenn sie können, reichlich.

Gedichte, das kann man diesem "Großen Ozean" entnehmen, sind immer ein Meer und ein Mehr, im Grunde (und selbst an der Oberfläche) vielfältigste und einfache, tiefe und ebene, gebirgige und tälerne Ausdrücke unserer ebenso unfassbaren Sehnsucht nach dem Anderen in uns. Das Geheimnis der Poesie hat der (Kinder?)-Dichter Frantz Wittkamp so ausgedrückt: Fast immer blicken Fische / voll Neid auf alle Tische. / Denn Tische haben Beine, / und Fische haben keine. Dass die armen, kalten, andere Fortbewegungsarten suchenden Fische auf den Holzgerüsten, nach denen sie sich sehnen, geschlachtet und verzehrt werden können, ist kein Widerspruch.

Vielleicht ist das Geheimnis der Poesie aber auch ein ganz anderes, das wiederum ein ganz anderes ist. Vielleicht verbirgt sich darin nur das Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit, zumindest in Worten, das danach verlangt, dass das Große nicht mehr Kraft haben möge als das Kleine und das Kleine nicht mehr, aber zumindest soviel wie das Große. Die polnische Lyrikerin Wieslawa Szymborska schreibt das so: ... eine kleine und flüchtige Wolke / aber sie kann den großen schweren Mond verschwinden lassen.

Aber vielleicht ist das Geheimnis der Poesie noch ein ganz anderes. Vielleicht so, wie es Joachim Ringelnatz in seinem Sandgedicht beschrieben hat: Das Schönste für Kinder ist Sand. / Ihn gibt`s immer reichlich. / Er rinnt unvergleichlich / Zärtlich durch die Hand. / Weil man seine Nase behält, / Wenn man auf ihn fällt, / Ist er so weich. / Kinderfinger fühlen, / Wenn sie in ihm wühlen. / Nichts und das Himmelreich. Ersetzt man das Wort Sand durch das Wort Poesie (und ergänzt entsprechend), dann weiß man, was man an diesem schönen Gedichtzusammensammelbuch hat. Der Herausgeber, Hans-Joachim Gelberg jedenfalls meint: "Wir müssen es wagen, all unsere Gedichte an Kinder weiterzugeben." Dazu ist jetzt Gelegenheit.

Hans-Joachim Gelberg (Hrg.): Großer Ozean. Gedichte für alle. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2000. 267 S., 36.- DM

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