Goethes "Werther" retten!

Meinem Gefühl nach: Goethes "Werther" und andere tragische Figuren der Weltliteratur könnten heute durch die vom BVerfG geforderte Liberalisierung der Sterbehilfe gerettet werden.
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Johann Wolfgang Goethes von der Adelsgesellschaft wegen seiner bürgerlichen Herkunft sozial und beruflich diskriminierte, unglücklich in "Lotte" verliebte, hochsensible Figur "Werther" aus dem gleichnamigen Roman von 1774 fühlt sich krank, verzweifelt, ja in einer ausweglosen Situation, weil Lotte, die ebenfalls in Werther verliebt ist, das ihrer Mutter auf dem Totenbett gegebene Versprechen halten will, sich um ihre Geschwister zu kümmern und den nüchternen, tüchtigen, aber langweiligen "Albert" zu heiraten. Als Lotte ihn bittet, sie einige Tage nicht zu besuchen, weil die Leute im Dorf schon über sie redeten und Albert das wünsche, erschießt er sich nach einem letzten erfolglosen, ihn noch mehr deprimierenden Wiedersehensversuch in der Nacht zu Heiligabend mit der unter einem Vorwand von Albert ausgeliehenen Pistole, stirbt erst am nächsten Mittag an seinen Verletzungen und darf wegen dieser "Totsünde" nicht auf einem kirchlichen Friedhof bestattet werden.

Werther scheint mir wirklich krank zu sein, jedenfalls nicht gesund; eine PsychologIn oder eine PsychiaterIn könnten das besser beurteilen. In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt es aber:

Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.

Was wiederum meine Krankheitsvermutung zu bestätigen scheint. Gerade deswegen hätte ich mir für Werther eine andere, eine bessere Lösung für seine Probleme gewünscht. In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 heißt es:

Die Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren ... Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.

Ich denke, eine aufgrund dieses Urteils notwendig werdende gesetzliche Regelung der Sterbehilfe im Sinne einer Liberalisierung - auf jeden Fall in Verbindung mit mehreren Pflichtberatungen, aber immer ohne Entscheidungsbefugnis der Beratenden (ÄrztInnen? PsychologInnen? SozialarbeiterInnen? PhilosophInnen?) - könnte für das Fallbeispiel Werther eine mögliche Lösung sein:


EINE KLEINE SZENE

Monolog Werthers. Morgens alleine und ganz verzweifelt. Auch die Kaffemaschine funktioniert nicht richtig. Eine Porzellantasse fällt ihm aus der zitternden Hand und zerbricht am Boden. In der anderen Hand hält er die Bibel, die er kurz aufschlägt, dann aber weglegt.

Werther: Ich kann nicht mehr, ich mache Schluss, nur der Tod kann mich retten. Endlich in Ruhe schlafen, nicht mehr denken. Ich tue es jetzt, jetzt gleich. Ach, wenigstens heute noch. Nie wieder eine schlaflose Nacht mit Mordgedanken gegenüber Albert und vergeblichem Sehnen nach Lotte. Nie wieder wie heute vergeblich in der Bibel lesen, in der ich mich doch so oft dem Strom überlassen konnte, der mich beim Lesen ergriff und zum Meer, in Gottes Ruhe trug. Lieber Gott, auch du hast mich verlassen! Lass mich sterben! Und wie? Vielleicht ein Pülverchen? Oder Pistolen? Die Pistolen von Albert? Wie soll ich ihm das nur begründen, ohne dass er Verdacht schöpft? Wo ein Pülverchen finden? Und bei wem? Und wenn mir's gelingt, weiß ich nicht, ob's schnell und ohne Qualen wirkt? Ich verliere den Verstand.

Er sinkt benommen zu Boden und liegt da eine Weile. Endlich hebt er den Kopf. Er steht auf und schaut zuversichtlich. Ein erlösendes Lächeln ist in seinem Gesicht zu sehen.

Werther: Jetzt weiß ich's! Wie dumm bin ich nur gewesen! Es geht auch einfacher, schmerzloser, sicherer!

Eine Stimme aus dem Off: Sie denken jetzt bestimmt an Rauchen, Alkohol, Schokolade, die Musik laut aufdrehen, Serien gucken, Laufen oder an andere Drogen; an Erst einmal bis zehn zählen! Atmen! oder anderes. Oder etwa an Polyamorie, die jetzt sogar schon in einer ZDF-Vorabendserie wie "Kanzlei Berger" erfolglos und mit zu viel Leid verbunden ausprobiert wird? Oder moralische Vorwürfe wie Das ist eine Totsünde! Was Gott geschenkt hat, darf der Mensch nicht zerstören! Oder angeblich gute, aber in Wirklichkeit meist nutzlose Ratschläge wie Jetzt reiß dich mal zusammen! oder Einfach mal lächeln!, wie es Charlie Chaplin am Ende von "Moderne Zeiten" seiner Frau rührend vormacht, was aber nur funktioniert, weil sie einander lieben, sich verstehen und sich bei der Hand nehmend füreinander da sind. Oder freche Tröstungen wie Das wird schon! oder Die Zeit heilt alle Wunden!

Werther: Ich darf sterben, wenn ich das für sinnvoll halte. Ich bin ein freier Mensch. Es gibt ein Gesetz und eine Telefonnummer für den Fall. Ich werde eine ÄrztIn finden, die mich versteht und mir helfen wird. Ich werde in Würde sterben, sicher, schmerzlos und in Anwesenheit mir lieber Menschen. Aber nicht in Anwesenheit von Lotte, das ertrügen wir beide nicht. Wie müssen warten, bis wir uns irgendwann im Tode wiedersehen. Das Beratungsgespräch werde ich überstehen, mit Leuten, die mir zuhören, ohne mich zu drängen; die mein Gefühle und meinen Willen respektieren. Allein der Gedanke daran beruhigt mich schon.

Also, ab zum Beratungsgespräch!

Werther verlässt den Raum

Nach einer kleinen Pause eine Stimme aus dem Off:

Die BeraterInnen waren mit ihm, fast so wie man nur mit einem Menschen sein kann: Sie hörten aufmerksam zu, fühlten mit ihm, nahmen ihn liebevoll bei der Hand und zeigten behutsam mögliche Alternativen auf, ohne ihn aber zu einer Entscheidung zu drängen.

Und das Ergebnis? Werther ist gerettet, so oder so.

Man erzählt sich, Werther sei unter einem anderen Namen Schriftsteller geworden und habe seine Erlebnisse in einem Briefroman verarbeitet, natürlich mit einem Happy End - nach dem Besuch eines Beratungsgesprächs.

10:09 07.05.2021
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Geschrieben von

Peter Mooswald

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