100 Jahre Subversion

Amos Vogel Eine Filmreihe im Berliner Kino Arsenal erinnert an den Filmavantgardisten, der vor 100 Jahre geboren wurde. Zudem ist es auch ein Stück Geschichte über den Vorlauf der außerparlamentarischen Opposition in Westberlin
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Am 18 April 1921 wurde Amos Vogelbaum in Wien geboren. Ihm gelang es 1938, die jüdische Kommunist*innen waren, den Nazis durch ihre Flucht in die USA zu entkommen. Dort studierte der junge Amos Vogelbaum Ökonomie und machte dort auch einen Abschluss. Bekannt wurde er aber als Gründer und Leiter des Cinema 16, eines in den 1950er und 1960er Jahren einflussreichen Filmclubs der USA, der nach Angaben von Wikipedia bis zu 7000 Mitglieder hatte. Dort wurden heute weltweit bekannte Avantgarde- und Experimentalfilme gezeigt. Bis ins hohe Alter, Vogel starb 2012 mit 91 Jahren, widmete er sich der Verbreitung des avantgardistischen Film in der ganzen Welt. Sein 100ter Todestag wurde in der Öffentlichkeit nur in Kreisen von Cineast*innen wahrgenommen. Daher ist es umso erfreulicher, dass Tobias Hering in den letzten Monaten im Berliner Kunsthaus „Arsenal“ die Filmreihe „Amos Vogel – Reprisen und Repliken“ kuratierte. In diesem Rahmen präsentierte er am 10. November mit „Veränderungen im Film - Versuche aus New York“ die Rekonstruktion eines Programms, das am 8. Dezember 1965 vom Literarischen Kolloquium /Sender Freies Berlin (SFB) in der vollbesetzten Berliner Kongresshalle, dem heutigen Haus der Kulturen der Welt, gelaufen ist.



Avantgarde und Politik

Zu sehen waren dort avantgardistische Kurzfilme kombiniert mit oppositioneller Politik. So verlas einer der eingeladenen Regisseure vor dem Filmbeginn ca. 10 Minuten lang ein politisches Manifest gegen den Vietnamkrieg. Die Regisseurin Shirley Clarke setzte sich in ihren Kurzfilm „Scary Time“, einer Auftragsarbeit für UNICEF, sehr kritisch mit der internationalen Charity-Industrie auseinander, so dass der Film nie gezeigt wurde. Wenn man die Filme heute sieht, merkt man, dass in den 1960er Jahren die Geburt jener Videokunst stattfand, die mit den Erweiterungen der technischen Möglichkeiten bald weltweit expandierte. Doch interessant ist auch, welchen Stellenwert damals die oppositionelle Kultur im Westberlin Mitte der 1960er Jahren hatte. Einerseits war sie Frontstadt im Kalten Krieg, in der der Antikommunismus des NS modernisiert als Kampf der „freien Welt“ gegen die Roten weiterweste. Das drückte sich darin aus, dass junge Leute, die sich an linken Protesten beteiligten, durch die Straßen gejagt wurden. Die moderateren Sprüche lauteten „Geh doch doch nach drüben“. Viel lauter waren die offenen Kopf-Ab-Reminiszenzen des rechten Mobs. Doch es gab auch in dieser Frontstadt Westberlin eine Gegenkultur, die sich in den mauernahen Stadtteilen einrichtete. Anders als in der BRD war in Westberlin auch die kommunistische Partei nicht verboten. Die Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW) hatte in den 1960er Jahren im oppositionellen Milieu der Stadtteile Wedding und später im Märkischen Viertel durchaus Einfluss. Neben dieser stadtteilnahen Gegenkultur gab es auch oppositionelle Strömungen in der offiziellen Kultur, wie eben im Literarischen Kolloquium des SFB. Tobias Hering hatte vor der Filmvorführung im Arsenal ein Handout verteilt, in dem man rekonstruieren kann, wie die Künstler*innen für die Veranstaltung in der Kongresshalle eingeladen wurden. Dabei werden auch die internen Querelen transparent. Manche Fragen bleiben offen. So kam der eingeladene Avantgardekünstler Jonas Mekas nicht zur Veranstaltung nach Westberlin, obwohl ihm die Veranstaltungsleitung auf seinen Wunsch das Ticket für eine Schiffsbagage für 2160 DM bezahlt hat, wie aus den Dokumenten hervorgeht. Der Grund für die Absage bleibt offen. Könnte sie auch darin liegen, dass Mekas mehrere Jahre am Dachboden versteckt überlebte, dann mit seinen Bruder verhaftet wurde und für 8 Monate in einem Arbeitslager inhaftiert war? Nach seiner Befreiung lebte Mekas noch mehrere Monate als Displaced Persons in Wiesbaden und Kassel, bevor in die USA migrierte. Es ist gut möglich, dass diese biographischen Erlebnisse dazu beitrugen, dass er nicht gerne wieder nach Berlin kam, 20 Jahre nachdem die Alliierten dem Mörderregime ein Ende machten.



Wetterleuchten der Apo

Interessant wäre die Frage, welchen Einfluss solche Veranstaltungen wie das Literarische Kolloquium vor Dezember 1965 für die gerade entstehende außerparlamentarische Opposition in der Stadt hatte. Schließlich sieht man unter dem Publikum, das sich nicht nur auf den Stühlen sondern wegen Platzmangel auch auf den Boden verteilte, sehr viele junge Menschen. Viele von ihnen dürften sich in den folgenden Jahren an den Aktionen der außerparlamentarischen Bewegung beteiligt haben. Vielleicht wird es mal eine wissenschaftliche Untersuchung geben, die die Rolle untersucht, die Veranstaltung wie das Literarische Kolloquium für gerade beginnende außerparlamentarische Bewegung hatten.



Peter Nowak



14:58 17.11.2021
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