40 Jahre nach Entebbe

Markus Mohr Der Historiker hat zur Flugzeugentführung ein Buch mit viel Quellenmaterial herausgegeben, das politische Kontroversen auslösen dürfte
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In Israel hat der 27.Juni 1976 eine große Beachtung gefunden. Die Entführung eines Flugzeugs, das auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris war, durch ein multinationales Guerillakommando ist auch nach 40 Jahren nicht vergessen: Überlebende und ihre Angehörigen kamen ebenso zu Wort wie die Nachfahren der Geiseln und israelischen Soldaten, die im Rahmen der Entführung und der Befreiungsaktion in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 ums Leben kamen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gedachte der Befreiungsaktion am historischen Ort in Uganda gemeinsam mit Politiker_inen des Landes. Für Netanyahu hatte die Aktion noch eine ganz persönliche Note. Sein Bruder Jonathan gehörte zu den Toten von Entebbe. Nach ihm wurde die Befreiungsaktion posthum benannt, Allerdings war seine Ehrung in Israel umstritten. Militärs und Historiker_innen werfen ihm einen militärischen Fehler vor, der die Aktion sogar hätte gefährden können. Es sei geplant gewesen, dass die israelischen Soldaten sich unbemerkt dem entführten Flugzeug in Entebbe nähern sollten und den Überraschungsangriff für die Befreiung nutzen sollten. Deshalb sollten die ugandischen Wachen am Flughafen umgangen werden. Doch Netanyahu habe diese Pläne ignoriert und hat die Soldaten erschossen. „All die Arbeit der letzten Woche hatte darauf gezielt, dass wir heimlich still und leise bis zum Haupteingang des Terminals gelangen konnten. (…) Wir waren dabei, einen Fehler zu machen“, beschrieb Netanyahus Beifahrer Muki Betser 1996 den Einsatz. Dass in Entebbe auch ugandische Soldaten ums Leben gekommen sind, wurde bisher kaum erwähnt. Schließlich war bekannt, dass die Regierung von Uganda unter dem Diktator Idi Amin mit den Entführer_innen paktiert haben sollten. Die Soldaten, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren, galten als Kollateralschaden oder wurden einfach ganz verschwiegen.

Es ist dem Sozialwissenschaftler Markus Mohr (https://www.unrast-verlag.de/autor_innen/markusmohr-159) zu verdanken, an die toten ugandischen Soldaten erinnert zu haben. Es ist ein Detail, in dem vor wenigen Wochen im Unrast-Verlag erschienenen Buch „Legenden um Entebbe“ (https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/legenden-um-entebbe-detail), das eine Fundgrube für Alle ist, die sich mit den Ereignissen rund um die Flugzeugentführung, aber auch mit den bisher ungeklärten Fragen beschäftigt. Das sehr material- und quellenreiche Buch widmet sich den unterschiedlichen Aspekten und auch den bis heute offenen Fragen, ohne in Verschwörungstheorien zu flüchten.

Gedenken auch an die Entführer?

Gleich am Beginn seines Buches findet sich eine Seite, die überschrieben ist, mit den Satz „Den Toten von Entebbe 3./4.Juli 1976“. Dort sind neben den toten Geiseln auch die toten Soldat_innen aus Israel und Uganda und die Mitglieder des Guerillakommandos aufgeführt, darunter die aus der linken außerparlamentarischen Bewegung kommenden Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Im Vorwort begründet Mohr die Entscheidung für diese Würdigung aller Toten: „Ein Buch, um den in der Bundesrepublik faktisch inexistenten Forschungsstand in dieser Angelegenheit voranzubringen, war nicht der erste von mir verantwortete Anspruch dieses Projekts. Wichter ist mein Anliegen, mit diesem Projekt einen reflektiert-freien Beitrag zu dem spätestens seit dem 30.Januar 1933 fundamental gestörten Verhältnis zwischen Deutschen und Juden zu leisten. Wenn das auch nur in Ansätzen aufscheint, darf ich das als ein weiteres Schmuckstück in meiner Intellektuellenvita betrachten. Und diese entfaltet sich in einer Welt, in der allerdings die Existenz von Palästinensern und Afrikanern nicht zu unterschlagen, sondern zu würdigen ist. Auch aus diesem Grund ist dieses Buch allen bislang bekannt gewordenen Toten von Entebbe vom 4.Juli 1976 gewidmet. Ihre Namen wurden aus der im Juni 2005 von der ugandischen und israelischen Regierung am Flughafentower in Entebbe angebrachten Memorialplatte, sowie der Ausgabe der in Kampala erscheinenden Tageszeitung Voice of Uganda am 5. Juli 1976 entnommen“. Eine Provokation ist diese Nennung aller Toten schon deshalb, weil die Entebbe-Entführung unter Beteiligung deutsche Linker als ein Beweis für einen linken Antisemitismus gilt. Die Entführung unter Beteiligung von Deutschen hat schon für zeitgenössische Beobachter_innen und auch einige der Geiseln Assoziation zur deutschen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden hergerufen.

Wann beginnt der Antisemitismus?

Schließlich haben die Entführer die Geiseln sortiert und einen Teil freigelassen. Seit Jahren gibt es Streit darüber, nach welchen Kriterien diese Trennung erfolge. Waren alle Juden oder alle israelischen Staatsbürger von den übrigen Passagieren getrennt? Mohr positioniert sich bereits im Vorwort: „Mit diesem Buch möchte ich zeigen, dass die als Tatsache erhobene Behauptung, es sei auf dem Flughafen von Entebbe zu einer Selektion zwischen Juden und Nichtjuden ist, Unfug ist“. Tatsächlich führen Mohr und die fünf weiteren Autor_innen des Buchs einige Hinweise, die dafür sprechen, dass die Trennung der Passagiere nach der Staatsbürgerschaft erfolgt sein könnte. Allerdings kann keineswegs davon gesprochen werden, dass d damit dieser entscheidende Punkt geklärt wäre. Im Buch werden Beispiele genannt, dass auch Juden, die keine israelischen Staatsbürger waren, unter den Aussortierten waren. Zudem aber ist der Ansatz von Mohr und den Mitverfassern schon kritisch zu hinterfragen. Fängt der Antisemitismus erst da an, wo eine Trennung nach Juden und NIchtjuden stattfindet? Und wo ist der große Unterschied zu einer Trennung in israelische und nichtisraelische Staatsbürger? Denn das damit israelische Palästinenser_innen nicht gemeint waren, ist doch evident. Daher müssten sich die Autoren doch die Frage stellen, ob nicht ein regressiver Antizionismus manche Linke damals wie heute anschlussfähig an den Antisemitismus macht. Dee Autor_innen dürften auch die Theorie nicht unbekannt sein, dass im modernen Antisemitismus Israel die Rolle einnimmt, die vorher die Juden hatten. So werde alles, was Antisemiten den Juden vorwarfen, auf Israel projiziert. Zudem kommt in den im Buch veröffentlichen zeitgenössischen Quellen gut zum Ausdruck, wie die Geiseln, aber auch israelische Politiker_innen und Medien die Entführung des Flugzeugs unter deutscher Beteiligung wahrgenommen haben. Die Empörung, dass 31 Jahre nach der Zerschlagung des NS erneut Deutsche Juden mit gezogener Pistole zwingen, sich ihren Befehlen unterzuordnen, ist nicht davon abhängig, ob die Selektion nach der Staatsbürgerschaft erfolge. Es war klar, dass Juden gemeint waren und das wird in den Quellen auch sehr deutlich. So zitiert der israelische Historiker Moshe Zuckermann in seinen „Operation Jonathan Mythos und Ideologie“ überschriebenen Text aus der israelischen Zeitung Yedioth Ahronot vom 1.7.1976: “Mit einem schweren deutschen Akzent befahl der Deutsche all den Israelis, ihre Koffer zu nehmen und in den anliegenden Raum zu gehen. Frauen unter den Israelis weinten, während sie ihre Sachen in die „Halle der Trennung durch Selektion“ (…) brachten“.

"Wie kann ein deutsche Linker nur einen solchen Vorschlag machen?"

Allein an diesem Zitat wird deutlich, dass eben die Vergleiche mit der NS-Selektion nicht davon abhängig waren, ob nach Juden und Nichtjuden oder nach israelischen Staatsbürgern selektiert wurde. Daher ist es unverständlich, dass gerade diese Frage in dem Buch so im Focus steht. Wenn Markus Mohr dann „vier Protagonisten des Selektionsnarrativs“ exemplarisch in Einzelkapitel behalten, es handelt sich um den Publizisten Henryk M.Broder, den Ex-Militanten Hans Joachim Klein, die Revolutionären Zellen und den vom Sponti zum Außenminister mutierte Josef Fischer, dann kann man interessante Details erfahren. Dass aber die Selektion nichts mit Antisemitismus zu tun gehabt haben soll, wird damit keineswegs belegt. Dass Josef Fischer mehr als 25 Jahre später die Entführung von Entebbe als das Ereignis mythologisierte, das ihn vom autonomen Straßenkämpfer zum bürgerlichen Demokraten gemacht habt, hat Mohr allerdings sowohl mit Quellen gut belegt als auch mit seinen angenehm zu lesenden Sarkasmus ins Reich der politischen Mythen verwiesen.

Informativ ist auch eine Auseinandersetzung mit den Büchern und Romanen, die schon wenige Monate nach Entebbe erschienen sind. Die ideologischen Prämissen werden gut herausgearbeitet. Der Historiker Gerhard Hanloser hat in seinen Beitrag über den „linken Antizionismus in Westdeutschland und Westberlin“ an einige Texte erinnert, die bereits Ende den 1970er Jahre sehr fundierte Stellungnahme zu Entebbe und die Folgen geliefert haben. Dazu zählt die Schrift „Stammheim und Tel Zaatar“ von dem damals in Deutschland lehrenden Moise Postone. Er hatte sich auch bereits 1978 in einen Spiegel-Beitrag mit der Rolle der Deutschen bei der Flugzeugentführung befasst: „Ich habe mich lange mit der Frage geplagt, wie sich deutsche Linke wie Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann dazu bereit gefunden haben, in einer Situation wie Entebbe Juden von Nichtjuden auszusondern. Dann las ich in Kleins Interview, dass Böse einmal vorgeschlagen hat, Simon Wiesenthal zu töten (den Mann, der jahrzehntelang damit zugebracht hat, Informationen über die vergangenen Verbrechen und gegenwärtigen Aufenthaltsorte von Naziverbrechern zu sammeln) und davon nur von Carlos abgebracht wurde, der hervor, dass Wiesenthal ein Antinazi ist! Wie kann ein deutscher Linker einen solchen Vorschlag machen“. Diese Frage v on Postone fast 40 Jahre später nichts von ihrer Brisanz eingebüßt.

Peter Nowak

https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/legenden-um-entebbe-detail

Markus Mohr (Hg.)

Legenden um Entebbe

Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion

ISBN 978-3-89771-587-5

Erscheinungsdatum: Juni 2016
Seiten: 400
Ausstattung: softcover
16:26 10.08.2016
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