RE: Er hat noch einen Koffer in Berlin | 10.08.2020 | 13:53

Hallo Thomas,

eine Anmerkung wollte ich noch zu zwei Äußerungen von Dir im Film machen. Du sagtest an einer Stelle, dass man eine Revolution nicht von oben gegen die Mehrheit der Bevölkerung machen kann und weiter vorne hast Du eine Zeit beschrieben, wo alle Pro-Chavez sein wollten. Dabei waren natürlich viele Opportunist*innen, aber damit hast Du doch gut beschrieben, dass die bolivarianischen Umwälzungen zeitweise hegemonial waren, sie also nicht gegen den Willen der Bevölkerung vollzogen wurden. Wobei ja der Begriff Bevölkerung schwammig ist und genau hier liegt das Problem. Wenn dass heißt, man hat den Übervater Chavez angehimmelt, der schon alle Probleme löst, kann es nur scheitern. Die Leute müssen eben selber die Rätestrukturen nutzen, was ja in Venezuela nötig ist. Ich denke manche, die heute von Chavez schwärmen und Maduro verdammen, wollen lieber eine Caudiollo-Figur und da ist ein Militär besser geeignet als linker Gewerkschaftler. Daher habe ich auch kritisiert, dass im Film jetzt dieses Narrativ "Maduro ist an den Stromabschaltungen" wenn auch vielleicht ironisch gebrochen, bedient wird, statt zu sagen, wo sind die Räte, die sich um das Problem kümmern.

mit kollegialen Grüssne

Peter

RE: Er hat noch einen Koffer in Berlin | 10.08.2020 | 03:09

Hallo Thomas,

es ist schon eine Errungenschaft der modernen Technik, auch über Kontinente hinweg diskutieren zu kennen.

Natürlich glaube ich nicht, dass ein Gewerkschaftler an der Regierung automatisch Politk für die Arbeiter*innen macht. Ich würde das Kriterium für einen guten Gewerkschaftler allerdings nicht daran festmachen, ob er selber gearbeitet hat, sondern ob er eine klassenkämpferische Gewerkschaftsarbeit gemacht hat. Dazu kann ich bei Maduro wenig sagen, ich weiß nur, dass er zu dem Teil der Linken in Venezuela gehörte, die bereits lange bevor Chavez auf die politische Bühne trat, politisch aktiv war. Ich war 2002 6 Wochen in Venezuela und habe auch mit Linken gesprochen, die sich noch auf die in den 1970er Jahren zerschlagenen Guerillagruppen bezogen und in einigen Stadtteilen in Caracas eine Basis hatten. Die Genoss*innen sagten klar, dass sie ihr politisches Projekt lange vor Chavez entwickelten, aber Chavez ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet hat und deshalb unterstützen sie den Prozess kritisch. Dass scheint mir auch heute noch eine sinnvolle Position zu sein. In der jungen Welt stand kürzlich, dass auch ein solches linkes Bündnis, das in solidrischer Kritik zu Maduro steht, für die nächsten Parlamentswahlen kandieieren wird. Es geht eben weder um Chavez als Person, noch um Maduro als Person, sondern es geht um die Basisbewegungen, die ja im Rahmen des bolivariansichen Prozesses mehr Möglichkeiten haben. Da hat Dario Azzellini in den letzten Jahren sehr viele Beispiele in Text und Film benannt. Er hat dort aber auch immer die Probleme und die Grenzen einen solchen Prozesses benannt und die tägliche Kleinarbeit, die berühmten Mühen der Ebene. Maduro hält im Präsidentenpalast seinen Posten wie es Allende in Chile von 1970- 1973 tat, Allende wie Maduro haben es mit einen Parlament zu tun, in der die Rechte die Mehrheit hat, die mit allen Mitteln das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Wie reagierte damals die MIR in Chile, die radikale außerparlamentarische Linke? Sie war nicht teil der Unidad Popular, sie machte nicht mit bei den Kompromissen mit den Bürgerlichen. Sie organisierte die Arbeiter*innen in den Fabriken und die Landarbeiter*innen, sie machte ihnen klar, dass die alte Klasse nicht mit einen Linken im Präsidentenpalast verschwunden ist. Am Tag des Putsches sandte Präsident Allende der MIR ein Zeichen, dass sie jetzt mit ihren Mitteln den Kampf führen soll. Was heißt das für Venezuela? Die linke Basisbewegungen stärken, den Kampf gegen die Bolibourgeosie richten und gegen die, die Kompromisse mit den Rechten machen, aber immer klar machen, es geht nicht um Personen wie Chavez oder Maduro sondern darum aus eine klassenkämpferische Linke innerhalb der bolivarianischen Prozesses zu schaffen. Dabei geht es aber auch darum, den Menschen klarzumachen, dass sie vielleicht noch viel mehr Entbehrungen auf sich nehmen müssen, wenn sie für eine neue Gesellschaft kämpfen. In Venezuela trifft zu, was Allende 1972 für Chile gesagt hat. Das Land kämpft noch mit allen Negativen aus der alten kapitalistischen Periode, die ganzen Errungenschaften der neuen Gesellschaft sind erst in Ansätzen zu erkennen. In solcher Periode kommen auch die negativen induvidualistischen Eigenschaften, die das alte System im Bewußtsein der Menschen hinterlassen hat, voll zum Tragen. Egoismus statt Kollektivität und vor allem das Wegschieben der eigenen Verantwortung und das Zeigen auf den Präsidenten. Da ist die Sache mit dem ausgefallenen Strom ein gutes Beispiel. Es gab im letzten Jahr ein landesweites Blackout, der von den Rechten mit Unterstützung der US ausgeführt wurde, da gibt es Dokumente. Das Vorbild war Chile kurz vor dem Putsch 1973, wo auch Anschläge auf die Strommasten landesweit verübt wurden. Nach diesem Vorbild sollte im letzten Jahr auch in Venezuela der landesweite Angriff auf die Stromversorgung den Putsch einleiten. Es hat nicht geklappt, weil es in Venezuela im Gegensatz. zu Chile 1973 auch im Militär Unterstützer des bolivarianischen Prozesses gibt und auch weil es aktive und bewusste Massenorganisationen gibt. Natürlich gibt es auch viele alltägliche Stromausfälle, die nicht durch Sabotage sondern den von Dir beschriebenen Mängeln zustande kommt. Aber was hat Maduro damit zu tun? Gibt es einen Hinweis, dass er bewusst die Erneuerung von Stromleitungen verhindert? Eine linksunabhängige Positon wäre doch, dass sich dann eben Räte in den Elektrizitätswerken und den den Kommunen bilden, die die nötigen Schritte zur Erneurunge selber in die Hand nehmen. Das wäre doch Sozialismus und nicht die Schuld bei irgend jemand anders zu suchen. Maduro als Erlöser und Retter oder als Sündenbock - das sind zwei Seiten der glechen Medaille eines linken Denkens, das überwinden werden sollte, statt dessen sollten die Menschen sich in den Räten organiseren und die Dinge selber in die Hand nehmen.

RE: Kandidat ohne Wumms | 01.08.2020 | 01:33

Vor 5 Jahren veröffentlichte Alberecht von Lucke das Buch "Die Schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken", in dem er für eine Kooperation der Linken stritt. Jetzt will er rot-rot-grün vergessen. Kann man da einen Publizisten auf den Weg nach rechts beobachten?

Peter Nowak

RE: Was das Virus auslöst | 01.08.2020 | 01:25

Link zur Erklärung der Autoren des rezensierten Buchs zu den sogenannten zu den Corona-Demonstrationen am 1. August 2020 in Berlin

https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/abstand-zu-rechten-und-autoritaeren-staat

RE: „Tschakka, endlich linkes Regieren!“ | 26.07.2020 | 01:32

Es ist interessant, das Gespräch von zwei reformlinken Frauen zu lesen, gerade auch, wenn man ihre Positionen nicht teilt. Interessant, dass Elsa Köster offen erklärt, dass "die Transformation hin zum grünen Kapitalismus läuft, und es gibt dabei nur zwei Richtungen: nach vorne und die grüne Transformation sozial gestalten, oder aber sie ausbremsen". Schon vergessen, dass die Interventionistische LInke 2007 mit dem Slogan "Makle Capitalism History" gegen das G8-Treffen in Rostock Zigtausende mobilierte? Das muss immer noch die linke Parole sein und kein linkes Feigenblatt für den Tesla-Kapitalismus. den sich Frau Köster nach eigener Aussage sehr gut vorstellen kann, eine linke Welt dagegen nicht. Ich hingegen sehr wohl: Da wäre beispielsweise die für einige Tage poliziefreie Zone von Seattle, wo die Bewegung auf die großen Techkonzene dort übergreift und die Beschäftigten ihre Arbeitsplätze besetzen und Räte bilden. Dann wäre aus der temporär besetzten Zone in Seattle ein Sowjet von Seattlie geworden, der sofort Kontakt zu Kuba und Venezuela aufgenommen hätte. Das sind Bilder einer linken Geschichte.

Peter Nowak

RE: Die Leere spüren | 21.07.2020 | 14:47

Schandl zeigt sehr gut, warum schwarz-grün von den Eliten heute so favorisiert wird. In dieser Konstellation können die Interessen des digitalen Kapitalismus am besten umgesetzt werden. In Hessen wird das ja auch schon mal vorgemacht.

Peter Nowak

RE: Klasse Virus | 14.07.2020 | 19:35

Gut, dass Kollegin Köster die Verschlechterungen in den Berliner Freibädern und sicher nicht nur dort in Corona-Zeiten anspricht. Ich habe dazu mit dem Filmemacher Matthias Coers gesprochen und darüber auf Freitag-Online diesen Beitrag gepostet (https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/fuer-viele-menschen-nicht-mehr-zugaenglich). Coers beschrieb unter Anderem, dass nach der Wiedereröffnung der Bäder zunächst sämtliche Vergünstigungen, die bisher bestanden haben, abgeschafft wurden. So mussten auch Kinder unter 5 Jahren den vollen Preis bezahlen, auch für Hartz IV-EmpfängerInnen gibt es keine Vergünstigungen. Zudem gibt es in diesem Jahr auch keine Dauerkarten mehr. Sie wurden in den vergangenen Jahren von vielen Menschen genutzt, die die Bäder regelmäßig besuchten.

Es ist bedauerlich, dass die Kollegin darauf nicht bezug nimmt. Schließlich hat der Artikel dazu zu einen Kurzbeitrag von Ralf Hutter zu dem Thema im Deutschlandfunk geführt, was wiederum den Effekt hatte, dass jetzt Kinder bis 5 Jahre wieder kostenfrei in die Freibäder dürfen. Doch Matthias Coers hat bestätigt, was auch Elsa Köster schreibt: In den Bädern findet mensch jetzt weniger Senior*innen, Menschen mit niedrigen Einkommen und migrantische Jugendliche. Ein Bademeister hat Coers klar gesagt, dass er begrüsst, dass bestimmte Badesgäste nicht mehr kommen. Der Klassenkampf findet auch im Freibad stat. Es wäre wirklich sinnvoll, wenn es mehr Bezug zwischen Beiträgen auf der Freitag-Community und den Autor*innen gäbe und zumindest auf solche Beiträge verwiesen wird, wenn es sich, wie bei dem Thema regelrecht anbietet.

Peter Nowak

RE: Schreiben, um zu hören | 14.07.2020 | 14:41

In dem sehr interessanen Artikel kommt mir die Perspektive der Solidarität zu kurz. Geht es Delgado Lopera nur um ihr Ankommen im US-Mittelstand? Welche Perspektive nimmt sie zu den sozialen Kämpfen ihrer Heimat Kolumbien ein, in dem sie die ersten 15 Jahre ihres Lebens verbrachte? Das wären aus einer emanzipatorischen Perspektive, die verschiedene Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen verbindet. Sonst wird nur der MIttelstand bunter.

Sarah Hegaz, die auf der gleichen Seite des Freitag von Ronya Othmann gewürdigt wird, hatte diese Perspektive. Leider wird nicht erwähnt, dass sie LGBT-Aktivistin und organisierte Sozialistin war. Julia Neumann schrieb in ihren Nachruf für Hegaz in der Taz (https://taz.de/Zum-Tod-von-Sarah-Hegazi/!5689789/)

"Hegazi war aktiv gewesen auf den Straßen Ägyptens, bei den Aufständen im Jahr 2011. Sie war Mitglied in der kleinen sozialistische Partei „Brot und Freiheit“, die sich in Ägypten formiert hatte und trat später in die kanadische sozialistische Partei „Frühling“ ein. In einem Nachruf (https://springmag.ca/our-tribute-to-comrade-rafeqa-sarah-hegazi?fbclid=IwAR3z5PhX97bhfpl4O-FNi59Ddsz1pJWjXTSxwzjfTWhOgwgPIpDjWRXI878) erinnert sich ihre Parteigenossin Valerie Lannon: „Innerhalb von Minuten erklärte sie mir: Ich bin Kommunistin.“

Es ist schade, dass im Freitag, dass Hegazi nicht auch Sozialistin und LGBT-Aktivistin gewürdigt wurde.

Peter Nowak

RE: Ein Glitzern im Vagen | 07.07.2020 | 14:07

Walther kritisiert berechtigterweise die Ideologie des Souveränismus, die nach rechtsoffen ist. Doch er landet bei einer Verteidigung der bestehenden EU, wenn er vor Sprengsätzen warnt, die in diese EU geworfen würde und nur den Rechten nutzen würden. Dabei gilt es wieder an die Tradition einer linken EU-Kritik anzuknüpfen, die weder Souveränismus noch neuen Nationalismus ebenso kritisiert, wie die realexisierende kapitalistische EU.

Mehr dazu hier:

https://www.heise.de/tp/features/Suche-nach-einer-linken-EU-Kritik-4836338.html?view=print