Abschied vom Liedermacher mit der Gitarre vor dem Bauch

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Das Festival Musik und Politik setzte in diesem Jahr Maßstäbe

"Eins haben wir gemeinsam, das ist die Menschlichkeit, und keiner stirbt einsam«, diese Liedzeile eines Songs auf der CD »Per la Vita« könnte auch das Motto sein, unter dem die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen den Bands Microphone Mafia und Coincidence steht. Die in Köln aufgewachsenen jungen Hip Hopper Rosario Panini und Kultu Yurtseven und die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano sowie ihre Kinder Joram und Edna eint der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus.

Am vergangenen Samstag war das ungewöhnliche Duo auf einen Konzert im Rahmen des Festivals Musik und Politik in der Berliner Wabe zu erleben.

Das Publikum, überwiegend nicht die klassischen Hip-Hop-Fans, war begeistert.

Schließlich haben beide Bands haben in den vergangenen Jahren nicht nur in ihren Texten politisch Stellung bezogen gegen alle Formen der Unterdrückung. Sie waren auch immer wieder dort zu hören und anzutreffen, wo Menschen gegen alte und neue Nazis, gegen Ausgrenzung und Unterdrückung ihre Stimmen erhoben haben.

Rosario Panini und Kultu Yurtseven, die sich als »typische Jugendliche mit Migrationshintergrund« vorstellen, sind in einem Kölner Arbeiterviertel aufgewachsen und haben von frühester Kindheit an Erfahrung mit den unterschiedlichen Arten von Diskriminierung gemacht. Die pogromartigen Überfälle auf Flüchtlingsheime Anfang der 90er Jahre waren für sie der Anlass, mit ihren Hip-Hop-Texten ihrer Wut und ihrem Zorn Ausdruck zu verleihen.

Bei Esther Bejarano, der ihre Musik in Auschwitz das Leben gerettet hat, war es das Wiedererstarken der neonazistischen NPD Ende der 60er Jahre, die sie zur Aktivistin machte. Nicht nur mit ihrer Musik, auch mit ihren Reden trug und trägt sie auf vielen antifaschistischen Kundgebungen und Veranstaltungen zur politischen Bewusstseinsbildung bei.

Mit ihrem knapp 80 minütigem Auftritt liefern die so unterschiedlichen Künstler musikalisches Können und politisches Engagement. Es war einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals „Musik und Politik“. Wer dabei noch immer den klassischen Liedermacher mit der Gitarre vor dem Bauch im Kopf hat, wurde dieses Jahr endgültig eines besseren belehrt.

Heilsame Irritationen

Das Festival war dieses Jahr sowohl musikalisch als auch inhaltlich auf der Höhe der Zeit. So dürften am Samstagabend in der Wabe musikalische Formationen wie Bernadette La Hengst, Danny Dzuik, The Incredible Herrengedeck und A.M.T für heilsame Verwirrung bei manchem alten Freund der klampfenden Zunft beigetragen haben. Denn moralische Belehrungen wurden nicht geboten und niemand die Künstler traten nicht mit der Absicht auf die Bühne, die Welt zu verbessern. Eher ist es schon darum gegangen, für Irritationen zu sorgen und manche scheinbar zeitlosen Gewissheiten in Frage beim Publikum zu stellen. Das ist tatsächlich vorzüglich gelungen.

Den rührigen Festival-Organisatoren muss man nur ein ermunterndes "Weiter so" zurufen. Befürchtungen, dass sich das Festival einmal selbst überlebt und vor allem in Berlin seine Originalität einbüßen könnte, sind gegenstandslos, wenn es den eingeschlagenen Weg fortsetzt.


Peter Nowak

14:08 01.03.2010
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