Agitation statt Analyse

Antideutschenkritik Ein Buch, das aus der Perspektive von Antiimperalist_innen geschriieben wurde, hat vor allem ein Manko. es kennt keine Widersprüche und Ambivalenzen
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Die Rede von der Staatsantifa ist nicht neu. Spätestens seit dem sogenannten Antifasommer im Jahr 2000, als Kanzler Schröder den Aufstand der Anständigen ausrief und in der Folge manche Antifaschist_innen in zivilgesellschaftlichen Bündnissen gegen Rechts Jobs gefunden haben, ist die Frage natürlich berechtigt ,was revolutionär an der Antifa ist. Diese Diskussion bewegte Linke schon vor 80 Jahren. So hatten linkskommunistische Zusammenhänge um Amado Bordiga bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die These vertreten, Antifaschismus als Ideologie könne gar nicht revolutionär sein. Danach ist die Antifa als Notwehr gegen faschistische Umtriebe berechtigt, ein revolutionärer Anspruch aber wird verneint. Wer sich in den kürzlich im Laika-Verlag erschienenen Buch „Antifa heißt Luftangriff – Regression einer revolutionären Bewegung“ hier weitere Diskussionen erwartet hatte, muss enttäuscht werden. Die Herausgeber_innen Susanne Witt-Stahl und Michael Sommer gehen von der Prämisse aus, dass die Antifa einst eine revolutionäre Bewegung war. Dass sich dies geändert hat, ist in den Augen der Herausgeber_innen die Schuld einer Strömung innerhalb der Antifabewegung, die sie pauschal die Antideutschen nennen. Nun gibt es einige gute Bücher, die sich kritisch mit den Antideutschen befassen. Doch das Buch von Sommer und Witt-Stahl gehört nicht dazu. Das Hauptmanko, die 7 Autor_innen geben sich meinungsstark und vernachlässigen bis auf Ausnahmen die Analyse. Das Problem ist nicht, dass die Autor_innen größtenteils dem antiimperialistischen Spektrum angehören, das Problem ist, dass sie es größtenteils nicht verstehen, Argumente für ihre Positionierung zu benennen und keinen Blick auf Widersprüche und Ambivalenzen haben.. Dafür müssen sie den angeblichen Feind, die Antideutschen in den düstersten Farben malen. Die unterstützte nicht nur westliche Kriege überall auf der Welt, sondern seien auch noch überzeugte Jüngerinnen und Jünger des ordolilberalen Wirtschaftstheoretikers Hayek. Dabei versucht kaum einer der Autor_innen ihre Gegner_innen differenziert zu betrachten. Nirgends wird unterschieden zwischen dem Spektrum um die Ideologiekritiker_innen der Bahamas, der Jungle Word oder dem kommunistischen Ums Ganze Bündnis. Wer das Buch liest, könnte denken, es gäbe eine antideutsche Einheitsfront, die nur ein Ziel habe, die revolutionäre Linke zu vernichten.

Wenn Beate Klarsfeld in die rechte Ecke geschoben wird

Kein Wort davon, dass sich das Ums Ganze Bündnis seit Jahren um die Reformulierung einer linken Theorie und Praxis auf der Höhe der Zeit bemüht. Das mangelnde Differenzierungsvermögen machen die Autor_innen auch bei anderen bekannten Personen deutlich. Da wird die bekannte Nazigegnerin Beate Klarsfeld gleich auf Seite 10 als „lupenreine Rechte“ bezeichnet, die bei jeder Gelegenheit eine gute Deutsche sein will. Dass Klarsfeld noch in den 90er Jahren, als die rassistischen Pogrome in Deutschland für Angst und Schrecken sorgen, gemeinsam mit Freund_innen Partei für die Flüchtlinge ergriff und in Rostock eine Aktion des zivilen Widerstands organisierte, für die sie noch jahrelang von der Justiz verfolgt wurde, passt nicht in das Bild der Buchautor_innen und wird deshalb nicht erwähnt. Unerwähnt bleibt auch, dass Klarsfeld den Altnazi und Bundeskanzler Kissinger mit ihrer Ohrfeige markierte und damals auch für die Aktion Demokratischer Fortschritt, einer Vorfeldorganisation der DKP bei den Bundestagswahlen 1969 kandierte. Im Kampf gegen Nazis arbeitete sie auch mit DDR-Organen zusammen, was damals bei den Rechten in der BRD zu Wutgeheul führte. In den 70er Jahren arbeite Klarsfeld mit linken Gruppen in Lateinamerika zusammen, um Altnazis wie Klaus Barbie zu enttarnen. Eine solche Frau als lupenreine Rechte abzuqualifizieren, zeigt, dass die Autor_innen nicht bereit sind, in Widersprüchen zu denken.

Geht es hauptsächlich um Exkommunizierung in der Linken?

Diese eindimensionale Sichtweise zieht sich durch fast alle Texte. Eine positive Ausnahme ist der Aufsatz des Rechtsanwalts Eberhard Schultz, zeigt wie der autoritäre Sicherheitsstaat Gestalt annimmt und damit an linke Debatten in den 70e Jahren anknüpft. Interessant hätte auch die kritische Auseinandersetzung mit den in Teilen der neuen Linke sehr populären Marxinterpretation von Moishe Postone sein können. Der Publizist Michael Sommer bringt in seinen Aufsatz dazu eine Menge Zitate von Marx und Postone um am Ende bei einem ziemlich platten Bashing einer linken Strömung zu enden, die sich an Postone orientierenund anteblich „schützend vor das Kapital stellen" würden. Es fragt sich nur, warum Sommer dazu die vielen theoretischen Vorarbeiten braucht. Auch das ideologiekritische Gespräch, dass die Herausgeberin Susann Witt-Stahl Gespräch mit den israelischen Soziologen Moshe Zuckermann führt, enttäuscht am Ende trotz einiger interessanter Bezüge. Auch hier kommen die Gesprächspartner zu schnell von der Debatte philosophischer und soziologischer Fragen auf die Enttarnung bestimmter Antifaschist_innenen, als Antilinks. Hätten die Autor_innen weniger abgeurteilt und mehr analysiert, hätten sie sich und ihren Leser_innen einen größeren Gefallen getan. So hat man den Eindruck, es gehe ihnen vor allem um das Exkommunizieren von Linken statt um eine argumentative Auseinandersetzung.

Peter Nowak

Link zum Buch:

http://www.laika-verlag.de/edition-theorie/%C2%BBantifa-hei%C3%9Ft-luftangriff%C2%AB

02:58 28.08.2014
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