Gegenaufklärung im besten Sinne

Alice Diop Filme der französischen Regisseurin sind aktuell im Berliner Kino Arsenal zu sehen. Sie werfen einen kundigen Blick auf die so berüchtigten französischen Vorstädte

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Über die Banlieues am Rande der französischen Großstädte haben viele Menschen eine eindeutige Meinung. Vor allem die, die nie einen Fuß dort hinein gesetzt haben, aber wissen wollen, dass diese Stadtteile verwahrlost sind und die Menschen vor allem Kriminelle sind. Es sind Politiker*innen wie der rechtskonservative Präsident Sarkozy, der gegen Jugendliche in den Banlieues sogar den Kärcher einsetzen wollte. Die französische Filmemacherin Alice Diop ist einen solchen Stadtteil in Paris mit den Namen „La Rose des Vents" aufgewachsen. Jetzt waren im Berliner Kino Arsenal zwei Filme von ihr zusehen, die alle gesehen haben sollten, die über die französischen Banlieues reden. Der Film „La Tour Du Monde“ kann fast als eine Liebeserklärung an ihren Herkunftsstadtteil bezeichnet. Sehr sensibel gelingt Diop das Leben von einigen der Bewohner*innen in dem Stadtteil einzufangen. Da ist die junge Mutter aus Mali, die sehr viel Wert auf die Kultur ihres afrikanischen Heimatlandes legt. Da ist Emine, eine Frau mit türkischen Migrationshintergrund, die immer damit kokettiert, nur ihrer Kinder zu liebe in Frankreich zu bleiben. Doch sie scheint auch gerne zu kochen und beschenkt damit ihre Nachbar*innen, die manchmal nur mäßig begeistert sind. Da ist eine Familie mit tamilischen Hintergrund, wo der Vater wohl in der Heimat politisch aktiv war und ständig die Nachrichten über die Verfolgung seiner politischen Bewegung verfolgt. Man sieht alte und junge Menschen feiern. Vorgestellt wird die Arbeit einer Selbstorganisation afrikanischer Frauen in dem Viertel, die Feste organisieren, wo sie die Kultur ihrer Heimatländer zelebriert wird. „La Tour Du Monde“ist die radikale Gegenerzählung gegen die Stigmatisierung der Banlieues als des Verbrechens und der Unsicherheit. Hier wird wie im Titel deutlich ein Ort der Ort der Kulturen der Welt gezeigt.

Im Gottesdienst Klage über das Leben in der Migration

Fast könnte man denken, hier wird gegen die Stigmatisierung ein zu positives Gegenbild gezeichnet. Doch dann kommt die Szene, wo afrikanische Familien, jung und Al,t einen christlichen Gottesdienst in einen Raum der Hochhäuser im Stil des Brutalismus zelebrieren. Sie schreien, Fallen in Trance und die Off-Stimme fragt, worüber die Menschen so klagen. Über die Erlebnisse der Migration oder das schwere Leben in Frankreich? Die Frage bleibt offen. Den zweite Film drehte Alice Diop in einen Banlieue, das 2005 landesweit für Schlagzeilen sorgte. Nach dem Tod von zwei von der Polizei verfolgten Jugendlichen in dem Stadtteil gab es zunächst dort und dann auch landesweit Riots. Diop bleibt längere Zeit vor Ort, um die Gründe für die Wut herauszufinden. Sie erwirbt sich das Vertrauen von jungen Menschen, die sich für den Stadtteil engagieren, Häuserwände streichen und für die Medienarbeit statt in Kapuzenpulli im Rollkragenpullover auftreten. Sie kann den Frust von Jugendlichen einfangen, die trotz guter Schulabschlüsse keinen Job bekommen, weil sie wohl im falschen Stadtteil wohnen. Sie filmt, wie der kommunistische Bürgermeister des Stadtteils bei seinen Kolleg*innen darum kämpft, dass der Stadtteil an das Bus- und Bahnnetz angeschlossen wird. Er redet gegen eine Wand. Da fragt man sich, was die Gewalt? Einige Steine auf die Symbole der Staatsmacht oder die systematische Stigmatisierung und Ausgrenzung von Bewohner*innen mißliebiger Stadtteile? Wenn man noch sieht, wie die Infrastruktur der Wohnungen verkommt und Wasserschäden lange nicht behoben werden, erinnert man sich an den Satz: Man kann Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen. Filme wie die von Diop, die leider nur mit englischen Untertiteln zu sehen sind, müssten viel häufiger und nicht nur im Arsenal gezeigt werden. Denn auch in Deutschland werden die Bewohner*innen ganzer Stadteile beispielsweise in Berlin-Neukölln, stigmatisiert. Dazu werden Konstrukte wie angebliche Clan-Kriminalität genutzt. Die Arbeiten von Alice Diop sind Gegenaufklärung im besten Sinne. In den nächsten Tagen sind noch weitere ihrer Filme im Arsenal zu sehen. Am Mittwoch, den 30. November um 20 Uhr Saint Omer. Dann geht es um ihr Herkunftsland Senegal

Programm der Filmreihe zu Alice Diop:

https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/peripherie-im-zentrum-die-filme-von-alice-diop/

Peter Nowak

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